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Erstveröffentlichung 1985 in der Elternzeitschrift spielen und lernen
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Irene Nickel

Warum musste Jesus leiden?

Kritische Überlegungen zur Kreuzestheologie

Eines Tages werden mich meine Kinder nach Christus fragen. Dann möchte ich ihnen ausführlich und zutreffend antworten können.

Das Christentum ist eine der Wurzeln unserer Kultur. Um uns herum gibt es genug Christen, die zu verstehen der Mühe wert ist. Und die Fairness gebietet, den Kindern ehrliche Auskunft zu geben.

Mit Weihnachten habe ich keine Probleme. Dass Gottes Kind zu den Menschen kommt, weil Gott die Menschen liebt, ist einleuchtend und schön. Auch Kinder werden es leicht begreifen.

Bei der Leidensgeschichte helfen solche Erklärungen nicht weiter. Hätte Jesus nur das Leben der Menschen teilen wollen, er hätte sich etwas weniger Ausgefallenes aussuchen können als das Schicksal eines Wanderpredigers, Wunderheilers und Märtyrers.

Einen Weg weist uns ein solches Leben nicht. Unsere Wege, unseren Nächsten zu nützen, sind andere.

Auch kann ich mich damit nicht um eine der wichtigsten Aussagen des Christentums herummogeln: dass Jesus leiden und sterben musste, um die Vergebung der Sünden zu ermöglichen. Ob es uns gefällt oder nicht, ohne diese Aussagen gibt es kein zutreffendes Bild vom Christentum.1

Gott hat mit voller Absicht seinen Sohn Folterknechten und Henkern ausgeliefert. Eine entsetzliche Geschichte. Meinen Kindern müsste ich klarmachen, dass ihre Eltern niemals derartiges mit ihnen tun werden. Mit einem älteren, empfindsamen Kind müsste ich wohl lange Gespräche führen, wenn ihm jemand sagt, mit seinen kleinen Missetaten sei es mitschuldig am entsetzlichen Leiden und Sterben Jesu.2

Warum eigentlich sollte Jesus leiden? Ist Gott nicht allmächtig, so dass ein Wort genügt hätte, um alles zu vergeben?

Sollte durch die Strafe der Gerechtigkeit Genüge getan werden?3 Die Bestrafung eines Unschuldigen ist für mich nur neues Unrecht.

Oder musste ein rachsüchtiger Gott erst mal seinen Zorn kühlen, und sei es am eigenen unschuldigen Sohn?4 Wie sollte ich einen solchen Gott verehren?

Wollte Gott mit Jesu Leiden den Menschen seine große Liebe zeigen?5 Bei dieser Art von Liebenbeweis ist mir nicht wohl

Viele Erklärungen für Jesu Leiden werden gegeben. Vielleicht sind es deshalb so viele, weil jede ihren Haken hat. Keine leuchtet mir wirklich ein. Ich kriege Jesu Leiden und einen „lieben“ Gott nicht auf einen Nenner.

Der christliche Glaube gibt vielen Menschen Kraft, Halt und Geborgenheit. Wie verantworte ich es, meine Kinder nicht dazu zu erziehen?

Ich antworte: Christ sein und sich im Glauben geborgen fühlen kann man nur, wenn man den Gott der Christen lieben kann. Das kann ich nicht, und ich kann es meine Kinder nicht lehren. Wie sollten sie wahre Christen werden?

***

Einige unter den Christen, die Leserbriefe zu diesem Artikel schrieben, haben mir vorgeworfen, es fehlte mir an der nötigen Sachkenntnis, um über den christlichen Glauben zu schreiben. Sie wollten nicht wahrhaben, dass es weitverbreitete christliche Lehren sind, die ich kritisiert habe. Deshalb habe ich diesem Text einige Fußnoten hinzugefügt, als Nachweise, dass hinter diesen Lehren die Autorität von Bibel bzw. Kirchen steht.

***

 

In der Anmoderation zu diesem Artikel in der Zeitschrift spielen und lernen hieß es:

„Irene Nickel glaubt nicht, dass Kinder einen Gott lieben können,
der seinen eigenen Sohn geopfert hat.“

Im Schlusswort hieß es:

„Irene Nickel hat zwei Söhne im Alter von zwei und fünf Jahren.
Bis zu ihrem 18. Lebensjahr war sie gläubige Christin.“

Die gleichen Angaben finden sich auch in einem Schulbuch
aus dem Jahre 1996, in dem dieser Aufsatz abgedruckt wurde.

Freilich sind meine Söhne mittlerweile älter;
geboren sind sie 1979 und 1982.

 

Nachweise:

5, 4 Liebeserweis; bewahrt vor Zorn
1 durch Tod versühnt

Römer 5, 8-10, Übersetzung nach Luther 1984:

„Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.

Um wie viel mehr werden wir nun durch ihn bewahrt werden vor dem Zorn, nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht geworden sind!

Denn wenn wir mit Gott versöhnt worden sind durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, um wie viel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, nachdem wir nun versöhnt sind.“

In der Einheitsübersetzung lautet dieser Text:

„Gott aber hat seine Liebe zu uns darin erwiesen, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.

Nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht gemacht sind, werden wir durch ihn erst recht vor dem Gericht Gottes gerettet werden.

Da wir mit Gott versöhnt wurden durch den Tod seines Sohnes, als wir noch (Gottes) Feinde waren, werden wir erst recht, nachdem wir versöhnt sind, gerettet werden durch sein Leben.“

Hier unterscheiden sich die Übersetzungen:
Wo nach Luther mit „Zorn“ übersetzt wird, heißt es in der Einheitsübersetzung „Gericht Gottes“. Die Übersetzung „Zorn“ dürfte besser mit dem Original übereinstimmen, soweit ich, Irene Nickel, das mit meinen bescheidenen Griechisch-Kenntnissen beurteilen kann.

2 mitschuldig am Leiden und Sterben Jesu?

Solche Vorstellungen werden in einigen Kirchenliedern zum Ausdruck gebracht, z. B. in „Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen...?“ im 3. Vers:

„Was ist doch wohl die Ursach solcher Plagen?
Ach, meine Sünden haben dich geschlagen;
ach mein Herr Jesu, ich hab dies verschuldet,
was du erduldet.“

Solche Lieder sind sowohl in evangelischen als auch in katholischen Gesangbüchern zu finden.

3 Sühnopfer „ Gottes Gerechtigkeit?

Römer 3,25, Übersetzung nach Luther 1964:

„Den hat Gott für den Glauben hingestellt in seinem Blut als Sühnopfer, damit Gott erweise seine Gerechtigkeit. Denn er hat die Sünden vergangener Zeiten getragen in göttlicher Geduld,“

In der Einheitsübersetzung lautet dieser Text:

„Ihn hat Gott dazu bestimmt, Sühne zu leisten mit seinem Blut, Sühne, wirksam durch Glauben. So erweist Gott seine Gerechtigkeit durch die Vergebung der Sünden, die früher, in der Zeit seiner Geduld, begangen wurden.“ 

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