Irene Nickel

Kirche – Anspruch und Wirklichkeit

Wie „Kirche“ 1 heute sich selbst gern sehen möchte,
dafür fand ich bezeichnende Beispiele
in einem Artikel der Braunschweiger Zeitung
zu „Künstler-Projekten für Braunschweiger Kirchen“
(Titel „Landebahn für Engel im Mittelschiff“,
Kultur-Seite der Braunschweiger Zeitung vom 6.7.2010)
.

Auf zwei Exponate der beschriebenen Ausstellung
will ich hier eingehen:

       auf einen „mahnenden“ Hinweis
auf das Problem der Arbeitslosigkeit

       auf einen „Fegefeuerlöscher“ –
laut Braunschweiger Zeitung spiegelt sich darin
das „moderne Selbstverständnis“ der Kirchen
„als Tröster und Helfer bei Seelen-Bränden aller Art“.
  

Kirche und Arbeitslosigkeit

Zu diesem Thema schrieb ich einen Leserbrief,
der am 12.7.2010 veröffentlicht wurde
(etwas gekürzt, nicht angedruckter Text in dunkelblau).

Ein Kreuz voller Nägel, ein Nagel mit der Aufschrift „Arbeitslosigkeit“ – das soll ein Symbol sein
für „die Idee von Kirche als ein Ort der Zuflucht
für die Bedrückten und Beladenen“?
Dabei ist es gerade die Kirche, die dafür sorgt,
dass vielen Arbeitslosen der Ausweg aus der Arbeitslosigkeit
verwehrt wird: Menschen, die zu ihrer Überzeugung stehen
und
nicht bereit sind, pro forma einer Kirche anzugehören,
hinter deren Botschaft sie nicht stehen. Diesen Menschen
wird in vielen kirchlichen Einrichtungen die Einstellung
verweigert. Als ob man einen religiösen Glauben brauchte,
um Kranke und Alte ordentlich zu pflegen, oder gar,
um auf dem evangelischen Friedhof von Braunschweig
Gartenarbeiten zu verrichten!

Was wollen die Kirchen mit dieser Praxis der Nichteinstellung
eigentlich erreichen? Dass sie auf diese Weise niemanden
zum Glauben zwingen können, müsste ihnen bekannt sein.
Was sie erzwingen können,
ist nur ein wenig Heuchelei von Menschen,
die es sich nicht leisten können,
um ihrer Überzeugung willen arbeitslos zu bleiben.
Und, natürlich, Kirchensteuerzahlungen von diesen Menschen.
Ist es das, was die Kirchen wollen?

Soweit mein Leserbrief.
  

Kirche – Tröster und Helfer bei seelischen Problemen?

Viel mehr zu schreiben gibt es zu einem anderen Exponat,
einem „Fegefeuerlöscher“.
Dazu heißt es in der Braunschweiger Zeitung:

„ein ironisches Beruhigungsmittel für all diejenigen,
die das alte christliche Druckmittel
von Himmel, Hölle und Fegefeuer
allzu seelenbelastend finden“.

Mein erster Gedanke dazu war:
Wer würde schon so etwas brauchen,
wenn nicht die Kirchen selbst
den Menschen Angst gemacht hätten vor Hölle und Fegefeuer?
Es sind die Kirchen selbst,
die das Problem geschaffen haben,
für das sie anschließend eine Lösung anbieten.
Dank verdienen sie so wenig
wie Feuerwehrleute, die Brände löschen,
die sie zuvor selbst gelegt haben.

Im Artikel heißt es weiter:

„Da schimmert das moderne Selbstverständnis der Kirche durch:
nicht als Brandbeschleuniger des schlechten Gewissens,
sondern als Tröster und Helfer bei Seelen-Bränden aller Art.“

„Ach, da ist nicht das Fegefeuer im Jenseits gemeint?“,
dachte ich, als ich das las.
„Sondern diesseitige Seelen-Brände aller Art?
Das muss man aber dabei schreiben!“

Gleichviel, es mag so gemeint sein.
Und das Selbstverständnis, das da beschrieben wird,
mag vielen als „das moderne Selbstverständnis der Kirche“ erscheinen.
Schade nur:
Diesem Selbstverständnis zu genügen,
davon sind die Kirchen noch immer allzu weit entfernt.

       Noch immer wirken die Kirchen
als „Brandbeschleuniger des schlechten Gewissens“ (mehr dazu).

       Noch immer sind sie nur zu oft
nicht Tröster und Helfer,
sondern Verursacher
von diesseitigen „Seelen-Bränden aller Art“ (mehr dazu).

       Der Trost und die Hilfe,
die aus den Kirchen heraus
von mitfühlenden und hilfsbereiten Menschen angeboten werden,
in Ehren.
Aber der Trost und die Hilfe,
die die Kirchen durch ihre Botschaft bringen wollen,
sind brüchig:
Nur zu oft versagen sie gerade dann,
wenn sie am nötigsten gebraucht würden (mehr dazu).
  

Zu den drei Punkten im Einzelnen:

Punkt 1:
„Brandbeschleuniger des schlechten Gewissens“

wie Kirchen noch heute
Schuldgefühle verursachen oder verschärfen

Wer anderen Menschen das Gefühl geben will,
unzulänglich zu sein,
versagt zu haben,
sich schuldig gemacht zu haben,
der kann sich bei den Kirchen abschauen, wie das zu machen ist:

Man muss nur die Anforderungen so hoch schrauben,
dass man darauf zählen kann, dass kaum jemand ihnen genügt.

Praktisch unerfüllbare Forderungen stellte,
wenn man der Bibel glauben darf,
schon ein gewisser Jesus von Nazareth:

Darum sollt ihr vollkommen sein,
wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.
      (Bergpredigt, Matthäus 5,48)

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
      (Matthäus 22,39)

In dieser Tradition
schaffen die Kirchen selbst das Problem,
dass viele Menschen
sich unzulänglich, schuldig und der Gnade bedürftig fühlen –
um dann als „Lösung“
die Gnade Gottes und seine Vergebung anbieten zu können.
  

Ergänzend zu diesen überzogenen Anforderungen allgemeiner Art
praktizieren die Kirchen eine Reihe von Methoden,
um die Menschen in dem Gefühl zu bestärken,
„sündig“, d. h. unzulänglich und schuldig zu sein.

    >   Vor allem die Römisch-Katholische Kirche
bestärkt ihre Gläubigen in ihrem Sündenbewusstsein
durch einen umfangreichen Katalog von „Sünden“,
insbesondere im Rahmen ihrer Sexualmoral.
Sie besteht unerbittlich auf der Beachtung
von menschenfeindlichen Geboten der Bibel –
beispielsweise dem Verbot der Wiederheirat von Geschiedenen
oder dem Verbot homosexueller Beziehungen –
und sie fügt weitere menschenfeindliche Gebote hinzu,
etwa das Verbot der Empfängnisverhütung
und das Verbot von Kondomen.

       Schon in jungen Jahren, ja schon im Kindesalter
wird der Entwicklung heftiger Schuldgefühle der Boden bereitet,
wo das Gebot, die Eltern zu ehren, 2
in einer Weise interpretiert wird,
dass nahezu jedes Kind und nahezu jeder Jugendliche
gelegentlich dagegen verstößt.
Wo es schon als „Sünde“ gewertet wird,
wenn ein junger Mensch einmal nicht gehorsam war
oder sonst etwas getan hat, was seine Eltern geärgert hat.

Tendenzen dieser Art
gibt es in der Evangelischen wie in der Katholischen Kirche.
(mehr dazu weiter unten)

       Vor allem aus Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinden (Baptisten)
kenne ich eine Lehre,
durch die selbst die bravsten und frömmsten Gemeindemitglieder
dazu gebracht werden können, sich als arge Sünder zu fühlen:

Der Widerspruch gegen Gottes Herrschaft geschieht
nicht nur in Worten und Taten, die moralisch verwerflich sind.
Er kann sich ebenso in aufopferndem Eintreten
für Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit,
für Religion, Wahrheit und Schönheit verwirklichen.
Jede gute Tat kann gleichzeitig Gott gegenüber
die feinste Form der Selbstrechtfertigung
und der Selbstsucht sein.
Im Licht der Liebe Gottes wird das Geheimnis der Bosheit
auch und gerade in den „guten” und „frommen” Taten der Menschen aufgedeckt, so dass niemand
vor Gott im Recht ist und ohne Gnade bestehen kann.
      (zu finden unter Die Rechenschaft vom Glauben Disclaimer
      auf einer Seite der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde
      auf den Fildern (Stand 17.7.2010))

       Eine sehr „moderne“ Methode,
Gefühle von Unzulänglichkeit, Versagen und Schuld zu erzeugen,
kenne ich vor allem
aus der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD):

Die Gläubigen werden aufgefordert,
sich für Katastrophen und Probleme in aller Welt
verantwortlich zu fühlen,
auch wenn sie noch so wenig damit zu tun haben:

... dann müssen wir auch Verantwortung übernehmen
für unser eigenes Tun, für ungerechte Strukturen,
für Krieg und Ungerechtigkeit.
Auch dafür, dass in Erdbebengebieten unsicher gebaut wird
und die Kräfte der Natur unterschätzt werden.
      (Frau Dr. Margot Käßmann, damals Landesbischöfin,
      im
Saar-Echo vom 30.11.2005 Disclaimer)

Die Schuld, an der wir Heutigen ... beteiligt sind ...,
ist die Verstrickung in die Zusammenhänge von Zerstörung
und Missbrauch, Ausbeutung und Gewalt,
die unser Leben und die Zivilisation erst möglich machen.

Wir persönlich sind wohl keine Mörder und keine Übeltäter,
aber wir leben heute von Rohstoffen,
von Kohle, Öl, Gas, Gold, Kupfer und Uran,
deren Gewinnung Landschaften, Menschen und Kulturen
zerstört hat und weiter zerstört.
Unser ressourcenfressender Lebensstil bedroht
das ökologische Gleichgewicht auf diesem Planeten.
Das wissen wir alle und es fällt uns doch so unendlich schwer, daraus Konsequenzen zu ziehen. ...
Auch wer selbst kein Täter ist, lebt – ob er will oder nicht –
davon, dass an vielen Orten der Welt zerstört, getötet
und vernichtet wird, damit wir so leben können wie wir leben. Unser Lied    
(„O Haupt voll Blut und Wunden“, I. N.)
zwingt uns dazu, uns dieser Schuld zu stellen ...
      (Prof. Dr. Christoph Dinkel, Pfarrer,
      in einer der
Göttinger Predigten im Internet Disclaimer)

Ist es den Kirchen einmal gelungen,
im Gläubigen ein stabiles Bewusstsein seiner „Schuld“ zu etablieren,
dann ist der Boden bereitet für weitere Möglichkeiten,
dies Schuldbewusstsein zu intensivieren:

       Die christliche Lehre,
nach der die Vergebung der Sünden
mit dem Foltertod Jesu erkauft worden sei,
macht aus jeder Verfehlung
eine Mitschuld am bitteren Leiden und Sterben des Gekreuzigten.
So können aus der kleinsten Verfehlung
die schwersten und drückendsten Schuldgefühle entstehen.

Solche schweren Schuldgefühle
wurden in der evangelisch-lutherischen Kirche
den harmlosesten Menschen nahegelegt,
einschließlich Schulkindern, das habe ich als Schülerin selbst erlebt.
Ich erinnere mich noch gut,
wie ich, zusammen mit der Gemeinde, gesungen habe:

Nun, was du, Herr, erduldet,
ist alles meine Last,
ich hab es selbst verschuldet,
was du getragen hast.
     (aus dem Kirchenlied „O Haupt voll Blut und Wunden“)

Dies Lied steht noch heute in den Gesangbüchern dieser Kirche,
und auch in den Gesangbüchern der Katholischen Kirche
und der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinden.

       Tief ins Gedächtnis geprägt
haben sich mir auch die Worte,
mit denen damals die Gläubigen dazu angehalten wurden,
ihre „Sünden“ als eine schwere Schuld anzusehen,
so schwer, dass sie gar eine „ewige“ Strafe verdient hätten:

Allmächtiger Gott, barmherziger Vater!
Ich armer, elender, sündiger Mensch
bekenne dir alle meine Sünde und Missetat,
die ich begangen mit Gedanken, Worten und Werken,
womit ich dich erzürnt und deine Strafe
zeitlich und ewiglich verdient habe.

Dieser Text steht noch heute, unter der Nummer 799,
im Evangelischen Gesangbuch für die evangelisch-lutherischen Kirchen Niedersachsens und die Bremische Evangelische Kirche.
Und immer noch ist er einer der Texte,
die als „gemeinsames Schuldbekenntnis“
in Gottesdienstordnungen für das Abendmahl vorgeschlagen werden.

Ob all die Geistlichen meinen,
mit ihren eindringlichen Reden von der Schwere der Schuld
könnten sie die Gläubigen zu einem besseren Verhalten motivieren?

Ich schätze, die Erfolgsaussichten wären gering.
Vielleicht lässt sich der eine oder andere Predigthörer
in eine Stimmung versetzen,
aus der heraus er ausnahmsweise einmal
statt einer Münze einen Geldschein in die Kollekte steckt.
Wenn aber wirklich einmal jemand beschließt,
erhebliche Anstrengungen zur Verbesserung der Situation
in unserer Welt zu unternehmen,
dann stammt seine Motivation sicherlich nicht aus Predigten,
die ihm sagen:
„Schwer ist deine Schuld auf jeden Fall,
egal was du getan hast oder was du noch tun wirst.
Jeder Versuch, etwas daran zu ändern, wäre vergeblich.“
Aussichtslosigkeit motiviert nicht, sie demotiviert.

Und das scheint – so paradox das klingt –
gerade der Zweck der Sache zu sein:
Die Gläubigen sollen nicht meinen,
sie könnten aus eigener Kraft
einen Ausweg aus ihrer „Schuld“ finden.
Sie sollen das Gefühl entwickeln,
auf Hilfe von außen angewiesen zu sein:
auf das Angebot von „Erlösung“ und „Vergebung“.

So schaffen die Kirchen ein Problem – schwere Schuldgefühle –
und schaffen auf diese Weise einen Bedarf für die „Lösungen“,
die sie anzubieten haben.

Aber diese „Lösungen“
lösen das Problem nicht wirklich.
Allenfalls lösen sie einen Teil des Problems:
„Erlösung“ und „Vergebung“
mögen helfen gegen die Angst vor Strafe,
vielleicht auch gegen die Angst, die Liebe Gottes zu verlieren.
Nicht aber gegen das Gefühl,
versagt zu haben und schuldig geworden zu sein.

Im Gegenteil:
„Vergebung“ setzt voraus,
dass es Schuld gibt,
erhebliche Schuld sogar.
Sonst würde es nicht „Vergebung“ heißen,
höchstens „Verzeihung“, vielleicht auch nur „Entschuldigung“.
„Vergebung“ ist etwas völlig anderes
als die Großzügigkeit,
aus der heraus ein Mensch sagen mag:
„Macht nichts. Nicht der Rede wert.“

„Vergebung“ verweist auf Schuld,
und „Erlösung“ steigert die Schuld ins Unermessliche,
indem sie die Mitschuld
an einem extrem qualvollen Foltertod eines Menschen hinzufügt.
  

„Aber so ist das doch nicht gemeint!“,
höre ich in Gedanken schon
die Vertreter eines „modernen Selbstverständnisses der Kirche“ protestieren.

Aus solchen Protesten sprechen gute Absichten.
Aber gute Absichten und gute Wirkungen sind zweierlei.
Wer nicht meint,
dass normale Gemeindemitglieder
Grund genug für schwere Schuldgefühle hätten,
der sollte bitte auch nicht so zu ihnen reden!
  

Punkt 2:
„Seelenbrände aller Art“

Kirchen schaffen oder verschärfen seelische Probleme
auf vielerlei Weise:

       durch ihre Praxis

       durch ihre Gebote

       durch ihr Verhalten gegenüber Abhängigen,
ihre Methoden, „Loyalität“ durchzusetzen

       durch ihre Glaubenslehren
  

Kirchliche Praxis

Da ist in jüngster Zeit, im ersten Halbjahr 2010,
einiges an Üblem bekannt geworden:
Kindesmisshandlung und Ausbeutung in kirchlichen Heimen,
sexueller Missbrauch,
auffällig geworden vor allem in der Römisch-Katholischen Kirche.
  

Kirchliche Gebote

Mit ihrer menschenfeindlichen Sexualmoral
schafft oder verstärkt die Römisch-Katholischen Kirche
seelische Probleme verschiedenster Art.
Unausweichlich
für viele der Katholiken,
die an die Verbindlichkeit dieser Sexualmoral glauben:

       Halten sie sich daran,
handeln sie sich Kummer ein
und Einbußen an Lebensfreude.

       Verstoßen sie dagegen,
leiden sie unter Schuldgefühlen.

       Die Nachteile beider Möglichkeiten
kann zu spüren bekommen,
wer sich zunächst vornimmt, die Gebote zu halten,
und dann schlecht vorbereitet ist, wenn er es doch nicht durchhält.

Daraus können sehr handfeste praktische Probleme entstehen.
Etwa, wenn ein unerfahrenes junges Mädchen
sich zu dem Vorsatz überreden lässt, „keusch“ zu bleiben –
und deshalb kein Kondom parat hat,
wenn ihre Gefühle sich als stärker erweisen.
Die Folgen können dramatisch sein:
eine ungewollte Schwangerschaft und/oder eine HIV-Infektion.

       Das Verbot der Wiederheirat von Geschiedenen
kann Katholiken in einen Gewissenskonflikt stürzen:

Eine Heirat
gilt auch heute noch vielen Menschen
als ein Akt der Liebe,
der Fairness und des Verantwortungsbewusstseins
gegenüber einem Menschen,
dem man sich in gegenseitiger Liebe verbunden weiß,
mit dem man sein Leben verbringen möchte,
und mit dem man vielleicht sogar
gemeinsame Kinder hat oder ein gemeinsames Kind erwartet.

Und ausgerechnet diesen Akt
der Liebe, der Fairness und des Verantwortungsbewusstseins
beschimpft die Römisch-Katholische Kirche
als „dauernden, öffentlichen Ehebruch“!
(Katechismus der Katholischen Kirche Nr. 2384)

Wenn der Katholik sich nicht entschließen kann,
sich von diesem menschenfeindlichen Unsinn
konsequent innerlich loszusagen,
dann wird er sich schuldig fühlen, was auch immer er tut:
Heiratet er,
fühlt er sich des „Ehebruchs“ schuldig –
heiratet er nicht,
bleibt er dem geliebten Menschen
einen Akt der Liebe und der Fairness schuldig.

Weniger öffentliche Beachtung finden die seelischen Probleme,
die ein anderes Gebot schaffen kann:
das Gebot, die Eltern zu ehren. 3
Jedenfalls, wenn es jungen Menschen so erklärt wird,
dass es schon „Sünde“ sei,
wenn sie einmal nicht gehorsam waren
oder sonst etwas getan haben, was ihre Eltern geärgert hat.

Zu diesem Gebot heißt es im Kleinen Katechismus Dr. Martin Luthers:

„Wir sollen Gott fürchten und lieben,
dass wir unsere Eltern und Herren nicht verachten noch erzürnen,
sondern sie in Ehren halten,
ihnen dienen, gehorchen, sie lieb und wert haben.“

So habe ich es noch in den 1960er Jahren
in der evangelisch-lutherischen Kirche gehört.
Und noch immer wird dieser Text
von der Evangelischen Kirche in Deutschland an Kinder herangetragen.
Beispielsweise auf ihrer Internet-Seite für Kinder,
auf der vierten Seite zum 4. Gebot.
Die ersten drei Seiten zu diesem Gebot lesen sich zwar etwas anders;
aber auf der vierten Seite wird den Kindern dann doch –
unter der Überschrift „Luthers Erklärung“ –
der obige Text zu lesen gegeben,
ohne dass dabei irgendetwas zurückgenommen oder problematisiert würde.

Auch im Katechismus der Katholischen Kirche
wird das 4. Gebot so ausgelegt,
dass es Kinder zum Gehorsam „in allem“ verpflichtet:

„Solange das Kind bei den Eltern wohnt,
muß es jeder Aufforderung der Eltern gehorchen,
die seinem eigenen Wohl oder dem der Familie dient.
‚Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern in allem;
denn so ist es gut und recht im Herrn’ (Kol
3,20) ...“ 4
      (Katechismus der Katholischen Kirche Nr. 2217)

Was als „Sünde“ anzusehen ist,
das wird katholischen Kindern
nicht zuletzt in der Schülerbeichte vermittelt.
Dort werden katholische Schüler aufgefordert,
sich zu prüfen:

„Kann ich mich erinnern, dass durch mich jemand
(Eltern, Geschwister, Lehrer, Freunde)
böse und ärgerlich geworden ist?“
      (Gotteslob, Katholisches Gebet- und Gesangbuch,
      Bistum Hildesheim, Bernward Verlag Hildesheim,
      Nr. 66, Seite 150)
  

Wenn alles „Sünde“ sein soll,
was Eltern „erzürnen“ oder „ärgerlich machen“ könnte,
dann kann dies zu erheblichen seelischen Problem führen.
Auf zweierlei Weise:

       Einerseits durch Entstehung von Schuldgefühlen.
Vor allem bei Kindern und Jugendlichen,
die es zwar für ihre Pflicht halten, die Gebote zu befolgen,
bei denen aber – zu ihrem Glück! – immer wieder
der natürliche Selbstbehauptungstrieb die Oberhand gewinnt.

       Andererseits durch Störungen des Eltern-Kind-Verhältnisses,
die vor allem da sehr belastend werden können,
wo ein junger Mensch sich mit besonderem Eifer
und mit einem gewissen Erfolg darum bemüht,
alles zu vermeiden, was die Eltern ärgerlich machen könnte.

Was kann so ein frommer junger Mensch denn tun,
wenn seine Eltern die Erwartung hegen,
ein gehorsames Kind müsste sich immer ihrer Meinung anschließen?
Wenn sie Widerspruch als Ungehorsam deuten
und sich heftig darüber ärgern,
gar in Zorn geraten?

Die einzige Möglichkeit,
solchen Eltern zu gehorchen und sie nicht zu erzürnen,
besteht darin, den Mund zu halten,
die eigenen Gedanken für sich zu behalten.

Zum Glück ist die Natur oft stärker,
und Kinder und vor allem Jugendliche sagen doch ihre Meinung,
auch wenn sie damit heftige Szenen riskieren.
So bleibt die Chance erhalten,
dass Eltern und Kind sich am Ende doch noch „zusammenraufen“.

Anders, wenn ein junger Mensch zu fromm ist,
um häufig und entschieden genug
gegen das religiöse Gebot zu rebellieren.
Wenn er jedem Konflikt mit den Eltern auszuweichen versucht,
nach Möglichkeit nur noch über Praktisches oder Belangloses mit ihnen spricht,
aber nicht über das, was ihn bewegt.

So wird, gerade durch die Beachtung des Gebotes,
der Gesprächsfaden zwischen Eltern und Kindern zerschnitten.
Der junge Mensch zieht sich innerlich von den Eltern zurück.
Schlägt man ihm vor, bei den Eltern Rat zu suchen,
wird er antworten (oder jedenfalls denken):

„Wozu denn?
Mit denen kann man doch nicht reden!“

Solche jungen Menschen sind oft sehr einsam.
Das Verhältnis zu den Eltern ist,
so harmonisch es vielleicht nach außen wirken mag,
innerlich weitgehend ausgehöhlt.
Gleichaltrige bieten oft auch keine Hilfe,
denn unter ihnen werden fromme Kinder und Jugendliche
leicht zu Außenseitern,
die schwer Kontakt finden
und noch weniger Verständnis.

So kann ein Teufelskreis in Gang kommen:
Junge Menschen,
die wegen ihrer Frömmigkeit
und wegen ihrer Unterwürfigkeit gegenüber ihren Eltern
schon als ein wenig seltsam empfunden werden,
erhalten wenig Gelegenheit,
die Gedankenwelt anderer junger Menschen kennenzulernen
und sich damit auseinanderzusetzen –
und so laufen sie Gefahr,
sich immer tiefer
in ihre eigene, für andere unverständliche Gedankenwelt zu verlieren,
in den Augen anderer immer seltsamer zu erscheinen
und noch weniger Kontakt zu finden.

Eine solche Entwicklung –
mit all den seelischen Problemen, die sie mit sich bringt –
kommt nicht durch die Kirchen allein zustande.
Am Anfang einer solchen Entwicklung stehen Eltern,
die meinen, dass ihre Kinder Wachs in ihren Händen zu sein hätten,
und ein entsprechendes Verhalten einfordern.
Die Kirchen begünstigen jedoch eine solche Fehlentwicklung,
wenn sie Kindern einen nahezu absoluten Gehorsam 5 predigen.
Wenn sie Kindern einreden, es wäre Gottes Wille,
Konflikte mit den Eltern um nahezu jeden Preis zu vermeiden.
Wenn sie Kinder dazu bringen,
ihre natürlichen Impulse der Rebellion zu unterdrücken,
und sie damit in eine innere Emigration treiben.
Für die „Seelen-Brände“, die daraus entstehen,
sind diese Kirchen zwar nicht die „Brandstifter“,
wohl aber die „Brandbeschleuniger“.
  

Verhalten der Kirchen gegenüber Abhängigen,
ihre Methoden, „Loyalität“ durchzusetzen

Das deutsche „Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz“
erlaubt es den Kirchen,
von ihren Beschäftigten

 „ein loyales und aufrichtiges Verhalten
im Sinne ihres jeweiligen Selbstverständnisses“

zu verlangen (AGG § 9 Abs. 2).

Und dies
nicht etwa nur von Geistlichen
und anderen in Religionsausübung und Verkündigung Tätigen,
sondern auch
von Krankenschwestern, Altenpflegern, Kindergärtnerinnen
und sonstigen Beschäftigten in kirchlichen sozialen Einrichtungen.

Zum real existierenden „modernen Selbstverständnis“ der Kirchen
gehört es offenbar,
dass sie nichts Falsches daran finden,
von dieser Möglichkeit zur Diskriminierung von Andersdenkenden
Gebrauch zu machen:
Beschäftigte werden gekündigt
oder in ihrem beruflichen Fortkommen beeinträchtigt,
Arbeitssuchende werden gar nicht erst eingestellt.

Dem real existierenden „modernen Selbstverständnis“ der Kirchen
entspricht es offenbar,
diese Möglichkeit zur Diskriminierung als Druckmittel einzusetzen,
um Beschäftigte und Arbeitssuchende zu nötigen,
„Loyalität“ vorzuspiegeln.

Die Heuchelei und Heimlichtuerei,
die damit für einige verbunden ist,
kann zu einer seelischen Belastung werden.
Vor allem dann,
wenn nicht nur die Beschäftigten selbst betroffen sind;
wenn auch Menschen, die ihnen nahe stehen,
in diese Heuchelei und Heimlichtuerei einbezogen werden müssen.

Erbitterung auslösen
kann auch die Erfahrung der Entrechtung:
dass Menschen,
die auf einen Arbeitsplatz in kirchlichen Einrichtungen angewiesen sind,
um einen Teil ihrer Grund- und Menschenrechte gebracht werden:

       Um das Menschenrecht auf Religionsfreiheit,
wenn ihnen die Kündigung droht,
falls sie aus der Kirche austreten;
Um das Recht auf Bekenntnisfreiheit,
das ihnen im Grundgesetz
ausdrücklich als ein Grundrecht zugesprochen wird (Artikel 4 GG).

       Um das Menschenrecht auf Meinungsfreiheit,
wenn ihnen die Kündigung droht,
falls sie öffentlich eine Meinung äußern,
die im Widerspruch zu den Lehren ihrer Kirche steht;
beispielsweise, wenn Katholiken
für eine liberale Regelung des Schwangerschaftsabbruchs eintreten.

       Um das Menschenrecht auf Ehe und Familie,
wenn ihnen die Kündigung droht,
falls sie als Katholiken Geschiedene heiraten
oder nach einer Scheidung wieder heiraten,
oder falls sie eine gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft eintragen lassen.

Diese Missachtung von Menschenrechten
sollte nicht ignoriert werden,
wenn vom „modernen Selbstverständnis“ der Kirchen die Rede ist.
 

Dieser Vorwurf betrifft vor allem das Verhalten der Kirchen
gegenüber Beschäftigten in ihren sozialen Einrichtungen.

Bei Geistlichen
und anderen in Religionsausübung und Verkündigung Tätigen
sieht es etwas anders aus:
In ihrem Fall stellt die Übereinstimmung in religiösen Fragen
eine „wesentliche und entscheidende berufliche Anforderung“ dar
(Formulierung aus § 8 des „Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes).

So kann der Gesetzgeber den Kirchen nicht das Recht verwehren,
die Übereinstimmung in religiösen Fragen
zur Bedingung für eine Beschäftigung in diesem Aufgabenkreis zu machen.

Ein Recht zu haben
entbindet jedoch nicht von der Verantwortung
für die Folgen der Ausübung dieses Rechts.

Tatsache bleibt, dass es zu seelischen Problemen führt,
wenn die Kirchen Geistliche im Hauptberuf beschäftigen:
Wenn sie damit junge Menschen dazu verleiten,
ihre berufliche Laufbahn mit der Verpflichtung zu verknüpfen,
religiöse Lehren zu vertreten,
die erfahrungsgemäß vielen Menschen Anlass zu Zweifeln geben,
gerade auch jungen Theologie-Studenten.

Tatsache bleibt, dass es zu seelischen Problemen führt,
wenn die Römisch-Katholische Kirche
ihr Recht, von ihren Geistlichen religiöse Übereinstimmung zu fordern,
dazu benutzt, menschenfeindliche Forderungen durchzusetzen
wie den Zwangs-Zölibat für Priester
oder ihre scharfe Ablehnung der Homosexualität.
Gerade für katholische Priester wird es schwer gemacht,
einen anderen Weg zu finden als den der Heimlichtuerei.
Betroffen davon sind auch die Menschen,
denen sie in gegenseitiger Liebe verbunden sind:
ihre Partnerinnen oder Partner, und ihre Kinder.
Es ist hart für sie,
wenn sie in der Öffentlichkeit
den geliebten Menschen nicht einmal umarmen dürfen,
zu schweigen von Ehe oder eingetragener Lebenspartnerschaft;
es ist hart, wenn die Kinder den eigenen Vater
in der Öffentlichkeit nicht „Vater“ nennen dürfen.
Manch eine Liebe dürfte daran zerbrechen,
bevor sie stark genug geworden ist,
um genug Motivation und Kraft zu geben
für ein Outing
und die dann erforderlichen Veränderungen der gesamten Lebensweise.
  

Glaubenslehren 

Zwei zentrale christliche Glaubenslehren will ich nennen,
die geeignet sind, bei empfindsamen Menschen
zu schweren seelischen Problemen zu führen:

       Die Erlösung durch den Kreuzestod Jesu

       „Wer nicht glaubt, wird verdammt werden“

Die Erlösung durch den Kreuzestod Jesu

Drückende Schuldgefühle
sind eines der seelischen Probleme,
die aus der christlichen Lehre entstehen können,
dass die Vergebung der Sünden
mit dem Kreuzestod Jesu erkauft worden sei.
In mehreren Kirchenliedern zur Passionszeit kommt es zum Ausdruck:
ein Gefühl der Mitschuld
an diesem quälenden Foltertod.

Ein weiteres seelisches Problem,
das aus dieser christlichen Lehre entstehen kann,
wird manchmal erst bewusst,
wenn es einem Menschen gelungen ist,
sich vom christlichen Glauben zu lösen.
Es ist das Problem:

Wie soll der Christ damit umgehen können,
dass er einen Gott lieben soll,
der einen Menschen
zu einem so quälenden und dabei so sinnlosen 6 Tod verurteilt,
noch dazu den eigenen Sohn?

Welche Gefühle eine solche Lehre auslösen kann,
das kann ich wohl am besten verdeutlichen,
indem ich einen Text zitiere,
den ich am 28.12.1968, vor über vierzig Jahren, in mein Tagebuch schrieb:

„Ist Gott etwa ein Ungeheuer, das brüllt:
‚Ich will mein Opfer 7 haben, und wenn es mein eigener Sohn ist’,
und nicht eher Ruhe gibt, als bis der arme Kerl
unter Qualen sein Leben aushaucht,
und mit aller Planmäßigkeit den Unschuldigen quält,
mit kaltem Kalkül über Jahrhunderte dies vorbereitet 8,
den Zorn 9 zu sättigen
und danach die Menschen vor die vollendete Tatsache zu stellen:

‚So habe ich das gemacht, und dies müsst ihr anerkennen,
sonst seid ihr verloren’;
und wir, wir sollen dann auch noch dies Wesen loben
und ihm danken für unser armes nacktes Leben,
das wir einem Ungeheuer verdanken,
das seine Wut an einem armen Opfer abreagiert hat ...“

Die Aussicht, nach dem Tode „immer beim Herrn sein“ 10 zu können,
kommentierte ich damals schon mit den Worten,
dass dann „alles Angenehme“ vorbei wäre,
es sei denn,
„ein Wunder müsste geschehen“
(was ich mir darunter vorgestellt haben könnte, ist mir schleierhaft)
oder – und so sehe ich das heute noch –
meine Persönlichkeit müsste in einem Maße zerstört
und in ihr Gegenteil verkehrt worden sein,
dass ich ebenso denken könnte
wie ein Wesen, das mir – solange ich noch ich selbst bin –
aus tiefstem Herzen zuwider wäre.
  

„Wer nicht glaubt, wird verdammt werden“

So steht es im Neuen Testament, Markus 16,16.

Dass dies zum christlichen Glauben gehöre,
das hat noch in der Oberstufe des Gymnasiums
der Religionslehrer in meiner Klasse erklärt.

Ich hörte das vor dem Hintergrund von Jesu Worten
von der „ewigen Strafe“ im „ewigen Feuer“
(Matthäus 25, Verse 46 bzw. 41).

Diese Worte habe ich ernst genommen.
Ich konnte mich nicht, wie manche anderen Christen, damit trösten,
dass es „ja nicht wörtlich gemeint“ wäre.
Auch wenn es „nur“ als ein Bild gemeint gewesen wäre,
dann doch sicher als ein Bild, das für etwas Bestimmtes stand.
Ich konnte mir damals nicht vorstellen,
dass Jesus auf ein solches Bild verfallen sein könnte,
wenn er etwas viel Harmloseres beschreiben wollte –
dann müsste er ja ziemlich unterbelichtet gewesen sein.
Ich hätte mir auch nicht vorstellen können,
dass Jesus aus purer Leichtfertigkeit
ein so erschreckendes Bild benutzt hätte.
Nein, wenn ich Jesus ernst nahm,
dann mussten seine Worte vom „ewigen Feuer“
für etwas stehen, was in ähnlichem Maße schlimm wäre.

Ich weiß nicht, ob Christen sich darüber klar sind,
was sie damit anrichten, wenn sie solche Lehren verkünden.

Für mich jedenfalls war der Gedanke,
dass einigen meiner Klassenkameradinnen,
die nicht an Gott glaubten,
etwas so Schlimmes zustoßen würde,
außerordentlich erschreckend.

Erschreckend in einem Maße,
dass ich immer wieder, scheinbar ohne äußeren Anlass, zusammenzuckte.
Oft genug, dass meine besorgte Mutter mit mir zur Nervenklinik fuhr,
wo ich zuerst auf Epilepsie untersucht wurde.
Das EEG zeigte aber nichts dergleichen.
Mir wurden Beruhigungsmittel verschrieben.
Zuerst Valium, auch bekannt als Diazepam.
Als das nicht „half“, etwas anderes,
woraufhin ich überall auf der Haut kleine rote Flecken bekam.
Wieder etwas anderes,
die kleinen roten Flecken verschwanden,
stattdessen bekam ich überall rosa schuppende Flecken.
Damit musste ich wochenlang zum Hautarzt zur Bestrahlung,
und jahrelang behielt ich einen großen Fleck am Bein.
Dabei war es vielleicht ein Glück,
dass die Beruhigungsmittel nicht „halfen“
und ich darüber hinaus Hautprobleme bekam.
So konnte ich die Behandlung
im Einvernehmen mit den Ärzten abbrechen
und bin wenigstens der Gefahr entgangen,
zu allem Überfluss noch eine Medikamentensucht zu entwickeln.

Ob meine Hautprobleme
durch die Medikamente verursacht wurden
oder psychosomatische Folgen meiner psychischen Probleme waren,
kann ich nicht sagen.
Auf jeden Fall haben die erschreckenden christlichen Lehren
bei mir so heftige psychische Probleme verursacht,
dass es am Ende zu eindeutigen körperlichen Symptomen kam.
  

Lange Zeit habe ich nichts von anderen Menschen gewusst,
die in ähnlicher Weise unter der Vorstellung gelitten haben,
dass Menschen, die sie gut kannten,
zu ewigen Qualen verurteilt wären.

Zum ersten Mal las ich davon
in dem 2006 erschienenen Buch
The God Delusion
von Richard Dawkins.
Er erzählt von einer Amerikanerin,
die ihm im Alter von über vierzig Jahren geschrieben hatte.
Sie war katholisch erzogen worden,
und im Alter von sieben Jahren
hatte sie zwei recht unangenehme Erlebnisse:
Sie wurde von ihrem Gemeindepriester sexuell missbraucht,
und eine Schulfreundin war auf tragische Weise ums Leben gekommen
und danach, wie man das siebenjährige Kind glauben gemacht hatte,
zur Hölle gefahren, weil sie Protestantin war.
Diese Amerikanerin schrieb:

„Vom Priester gestreichelt zu werden hinterließ ...
nur den Eindruck von „Igitt“,
aber dass meine Freundin zur Hölle gefahren war,
führte bei mir zu einer Erinnerung an kalte, unermessliche Angst.
Wegen des Priesters hatte ich keine schlaflosen Nächte –
aber ich lag so manche Nacht wach
mit dem entsetzlichen Gedanken,
dass Menschen, die ich liebte, in die Hölle kommen konnten.
Das verursachte mir Albträume.“
      (
The God Delusion, S. 317 f (Taschenbuch von Bantam Press),
      Der Gotteswahn, S. 441 (Taschenbuch von Ullstein))

Auf die Geschichte der Mary McCarthy wurde ich aufmerksam
durch ein Buch von Christopher Hitchens. 11
Mary McCarthy hat ein Buch geschrieben,
Eine katholische Kindheit (
Memories of a Catholic Girlhood).
Darin erzählt sie,
wie aufgeregt sie war,
als sie zum ersten Mal von einer solchen Lehre hörte.
Alle getauften Protestanten 12,
so verkündete ein Jesuit in einer Predigt,
seien zu ewigen Qualen in der Hölle verdammt –
also auch ihr Großvater,
„dieser ehrenhafte und aufrechte Mann“,
„der tugendhafteste Mensch, den ich kannte“.

Dabei hatte Mary in mehrfacher Hinsicht noch Glück:
Sie hatte genug Mut und genug Vertrauen,
um ihre Schulleiterin auf das Problem anzusprechen;
und sie hatte das Glück, eine Schulleiterin zu haben,
die dies Vertrauen rechtfertigte:
Sie nahm die zwölfjährige Schülerin und ihr Problem ernst,
weinte mit ihr über den Großvater und die Ungerechtigkeit des Geschicks,
suchte nach Auswegen,
wandte sich dazu sogar an andere Erwachsene.
Und wenige Tage darauf konnte sie dem Kind eine Lösung anbieten:
Nach der Lehre des heiligen Athanasius
wurde der Ungläubige nicht verdammt,
es sei denn, er verwerfe
„mit zureichender Kenntnis und vollem Willensentscheid die Wahre Kirche“ –
und damit konnte der Großvater gerettet sein,
denn „zureichende Kenntnis“ besaß er nicht,
er kannte die Kirche nur aus der Ferne.

Nicht jedes Kind hat so viel Glück wie Mary McCarthy.
Manch ein Kind wird mit dem Problem allein gelassen,
manch ein Kind fragt gar nicht erst,
schluckt diese Lehren, ohne sie zu hinterfragen.

Seelische Probleme entstehen dadurch
vor allem bei mitfühlenden jungen Menschen.

Andere mögen sich damit beruhigen,
dass Gott ja allen Menschen
die Rettung durch den Glauben angeboten hätte,
und dass deshalb nur diejenigen die ewigen Qualen erleiden müssten,
die sich selbst in diese Lage gebracht hätten,
indem sie das großzügige Angebot Gottes ausgeschlagen hätten.

Wer es wirklich schafft, sich auf diese Weise zu beruhigen,
mag ein seelisches Problem weniger haben.
Ohne Mitgefühl lebt sich’s oft leichter.
Aber man zahlt dafür: mit seelischer Verarmung.
  

Punkt 3:
Trost und Hilfe,
die nur zu oft gerade dann versagen,
wenn sie am nötigsten gebraucht würden

Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.
      (Matthäus 5,4, Übersetzung nach Luther)

Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen,
und der Tod wird nicht mehr sein,
noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein ...
      (Offenbarung des Johannes 21,4, Übersetzung nach Luther)

Wir wissen, dass Gott bei denen, die ihn lieben,
alles zum Guten führt...
      (Römer 8,28, Einheitsübersetzung)

Diese Worte der Bibel versprechen Trost.
Aber wie viel Trost und Hilfe
bieten sie wirklich?

Alle diese Worte beziehen sich auf die Zukunft.
An der traurigen Gegenwart ändern sie wenig.

Wenn ein geliebter Mensch gestorben ist,
was hilft da das Versprechen,
dass dieser Mensch am Jüngsten Tage auferstehen werde
oder sogar jetzt schon ins Paradies gelangt sei? 13
Es ändert nichts daran,
dass man diesen Menschen verloren hat.
Dass er nicht mehr antwortet
auf unsere Worte, auf unseren Händedruck, auf unsere Umarmung.
Dass wir nicht mehr mit ihm zusammen
lachen und fröhlich sein können.
Dass wir ein geliebtes Kind, das früh gestorben ist,
nicht mehr aufwachsen sehen können.
Dass wir nicht mehr miterleben können,
wie es sich zu einem eigenständig denkenden Menschen entwickelt.
Dass wir nicht mehr seine Freude teilen können
über seine ersten Erfolge in Schule und Sport,
über den gelungenen Abschluss seiner Berufsausbildung,
über seine erste Arbeitsstelle,
über sein Glück in der Partnerschaft
und vielleicht auch mit seinen Kindern.

Wie viel Trost und Hilfe
bietet das Versprechen einer wunderbaren fernen Zukunft,
wenn die Gegenwart und die nähere Zukunft düster sind?
Wenn wir, vielleicht schon in jungen Jahren,
einer schweren Krankheit oder Behinderung ausgesetzt sind?
Oder wenn dies gar unser Kind trifft,
das noch viele lange Jahre, vielleicht ein Leben lang damit leben muss?

„Wenn Gott helfen will, warum nicht gleich?“,
lautet die Frage, die sich aufdrängt.

Hier liegt das Problem
bei den Versprechungen für die ferne Zukunft:
Trost und Hilfe können sie nur dem bieten,
der an die Erfüllung dieser Versprechungen glaubt.

Und genau dieser Glaube
wird mit besonderem Nachdruck in Frage gestellt,
wenn wir etwas besonders Schlimmes erleben müssen:

„Warum hat Gott uns nicht davor geschützt?
Konnte er nicht, oder wollte er nicht?
Fehlt es ihm an Macht, oder fehlt es ihm an Güte?
Gibt es ihn überhaupt?“

Berechtigte Fragen,
mit denen sich gläubige Philosophen und Theologen
jahrhundertelang immer wieder beschäftigt haben.
Sie haben diesem Fragenkomplex
sogar einen eigenen Namen gegeben: „Theodizee-Problem“.
(mehr dazu hier)

Vergeblich haben all diese Philosophen und Theologen sich bemüht,
überzeugende Antworten zu finden,
wie man denn,
angesichts all des Leides und Schmerzes in dieser Welt,
noch an den allmächtigen und gütigen Gott
der christlichen Lehre glauben könnte,
ohne sich etwas in die Tasche zu lügen.

Glücklich die Gläubigen,
für die das nur eine faszinierende
philosophische und theologische Fragestellung ist.

Unglücklicher dran sind die Gläubigen,
die diese Fragen lange Zeit umschifft haben –
die aber mit Wucht darauf gestoßen werden,
wenn ihnen etwas wirklich Schlimmes widerfährt.

Glaubenszweifel sind etwas,
was tiefreligiöse Menschen seelisch sehr belasten kann.
Der Abschied von einem Gott,
an den man geglaubt und den man geliebt hat,
der vielleicht die wichtigste Bezugsperson gewesen ist,
kann ebenso schmerzen
wie der Abschied von einem geliebten Menschen.

Glaubenszweifel können gerade dann unausweichlich sein,
wenn jemand etwas besonders Schlimmes erlebt hat.
Also gerade dann,
wenn er eigentlich in besonderem Maße des Trostes bedürfte.
Gerade dann kann der Trost versagen,
den jemand vielleicht bei den harmloseren Widrigkeiten des Lebens
in seinem Glauben finden konnte.
Stattdessen kommt eine zusätzliche schwere seelische Belastung hinzu.
Das muss hart sein.

Ich bin sehr froh darüber,
dass es bei mir nicht so gekommen ist.
Dass ich die Auseinandersetzung mit meinen Glaubenszweifeln
und den Abschied vom Gott meiner Jugend
längst hinter mir hatte,
als ich die schlimmste Nachricht meines Lebens erhielt:
Mein zweites Kind, gerade 14 Tage alt,
war schwer hirngeschädigt,
und niemand konnte uns Eltern sagen,
wie seine Zukunft aussehen würde.

Heute weiß ich,
dass mein Sohn am Leben geblieben ist,
dass er laufen und sprechen gelernt hat,
dass er darüber hinaus
Treppen steigen und lesen und schreiben gelernt hat.
Heute weiß ich, dass mein Sohn,
zahlreichen Operationen und Krankenhausaufenthalten zum Trotz,
doch viel Freude an seinem Leben gefunden hat.

Damals wusste ich das alles nicht.
Damals war es für mich nicht leicht.
Damals hatte ich genug zu tragen
an meinem Kummer und an meiner Angst vor der Zukunft.

Damals war ich nur froh,
dass ich meinen Abschied vom Glauben an Gott
längst hinter mir hatte.
Dass ich nicht ratlos vor der Frage stehen musste,
warum in aller Welt der angeblich so liebevolle Gott des Christentums
es dazu hatte kommen lassen.
Dass ich mich nicht mehr zu fragen brauchte,
ob ich einen Gott noch lieben könnte,
der meinem Kind so etwas angetan hatte.
Und dass ich mich nicht mehr mit Zweifeln herumschlagen musste,
ob es den Gott, den ich früher geliebt hatte, denn überhaupt gab.

Damals war ich nur froh,
dass zu meinem Kummer über mein Kind
nicht auch noch die seelischen Turbulenzen hinzukamen,
die mit einem plötzlichen Zusammenbruch
eines langgehegten Glaubens einhergehen können.

Dass beides nicht zusammentraf,
das ist mir in beiden Situationen zugute gekommen.

Mit meinen Glaubenszweifeln
konnte ich mich in aller Ruhe auseinandersetzen,
in einer Zeit, in der ich sonst keine schweren Probleme hatte.
Ich war nicht gefangen zwischen zwei beängstigenden Möglichkeiten:
„Werde ich eine wichtige Bezugsperson verlieren,
wenn ich nicht mehr an Gott glaube?“
oder
„Wenn ich am Ende doch noch an Gott glaube –
würde ich diesen Gott dann noch lieben können?“

Die zweite Möglichkeit brauchte für mich nicht beängstigend zu sein.
Und dass die erste Möglichkeit meine Zukunft war,
das zeichnete sich nur langsam ab.
Mit dem Dahinschwinden der Einschätzung,
dass eine Rückkehr zu einem festen Glauben
eine realistische Möglichkeit sein könnte,
konnte auch mein Wunsch danach langsam dahinschwinden.
Am Ende dieses Weges
hatte der Verlust meines Glaubens an Gott
seinen Schrecken verloren.

Dass all das hinter mir lag,
als ich von der schweren Schädigung meines Kindes erfuhr,
das hat mir damals
eine doppelte schwere seelische Belastung erspart.

Die Kirchen mögen meinen, dass sie mit ihrer Botschaft
den Bekümmerten Trost und Hilfe bringen könnten.
Tatsächlich mehren sie manchmal nur den Schmerz,
wenn das, was trösten sollte,
gerade dann in einem Sturm heftiger Gefühle wegbricht,
wenn es am meisten gebraucht würde.

Braunschweig, den 29. Juli 2010

Irene Nickel

_________________________________________________________

1 „Kirche“ heißt es schlicht in dem Artikel.
Was genau damit gemeint ist, bleibt offen:
– die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ?
– die Evangelisch-lutherische Landeskirche in Braunschweig,
   eine Gliedkirche dieser EKD ?
– oder vielleicht die Gesamtheit dessen, was christliche Kirche ist?
Klar scheint mir,
dass die Evangelisch-lutherische Landeskirche in Braunschweig zumindest mitgemeint ist.

Im Blick ist wohl auch die Evangelische Kirche in Deutschland
in ihrer Gesamtheit.
  

2, 3 Eines der „Zehn Gebote“,
das vierte nach katholischer und evangelisch-lutherischer Zählung,
das fünfte nach reformierter Zählung
  

4, 5 Ausnahmen von der Pflicht zum Gehorsam
sind anscheinend nur für bestimmte Fälle vorgesehen:

„... Falls jedoch das Kind im Gewissen überzeugt ist,
dass es unsittlich wäre, einem bestimmten Befehl zu gehorchen,
soll es ihm nicht Folge leisten.“
      (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2217)

Ausnahmen dieser Art bieten keinerlei Entlastung für Kinder,
die von ihren Eltern „nur“ in einengender Weise bevormundet werden.
  

6 „Sinnlos“ nenne ich den Foltertod Jesu, weil für einen allmächtigen Gott keinerlei Notwendigkeit bestanden hätte, irgendjemandem etwas so Schlimmes anzutun. Wenn er den Menschen vergeben wollte, warum hätte er es dann nicht einfach tun sollen? Wer oder was hätte einen allmächtigen Gott daran hindern können?

Mehr dazu unter
Warum musste Jesus leiden?
Kritische Überlegungen zur Kreuzestheologie
  

7 Opfer – das bezieht sich u. a. auf diese Bibelstelle:
„Den hat Gott für den Glauben hingestellt in seinem Blut als Sühnopfer, damit Gott erweise seine Gerechtigkeit. Denn er hat die Sünden vergangener Zeiten getragen in göttlicher Geduld,“
(Römer 3,25, Übersetzung nach Luther)
  

8 Anspielung auf die vielen (angeblichen) Prophezeiungen,
als deren Erfüllung der Kreuzestod Jesu
in Neuen Testament immer wieder gedeutet wird
  

9 Zorn – das bezieht sich auf diese Bibelstelle:
„Um wie viel mehr werden wir nun durch ihn bewahrt werden
vor dem Zorn, nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht geworden sind!“
(Römer 5,9, Übersetzung nach Luther)
  

10 Den Gläubigen zugesagt in 1. Thessalonicher 4,17
  

11 Christopher Hitchens,
Der Herr ist kein Hirte – Wie Religion die Welt vergiftet, S. 267;
Original:
God Is Not Great – How Religion Poisons Everything
  

12 Warum gerade die getauften Protestanten?
Mary McCarthy gibt folgende Erklärung wieder:
„Als Mohammedaner, Jude, Heide oder Abkömmling zivilisierter Ungläubiger wäre ihm (dem Großvater) ein Platz im Fegefeuer
sicher gewesen; Cicero und Aristoteles und Cyrus von Persien
hätten ihm vielleicht Gesellschaft geleistet
und die harmlosen Seelen ungetaufter Kinder
zu seinen Füßen gespielt.
Falls der Jesuit jedoch die Wahrheit sprach,
kamen alle getauften Protestanten direkt in die Hölle.
Guter Lebenswandel nützte ihnen nichts. ...
... die Taufe machte sie zu Katholiken, ob sie es wollten oder nicht,
und ihr Verharren im protestantischen Ritus
war eine Art beständigen Abfallsbekenntnisses.“
  

13 Darüber, was mit einem Menschen nach seinem Tode geschieht –
ob er sofort in den Himmel bzw. in die Hölle gelangt
oder ob er erst am Jüngsten Tage aufersteht –
geben verschiedene Stellen der Bibel unterschiedliche Auskunft.

Von einer Auferstehung am Jüngsten Tage
ist im Evangelium nach Johannes die Rede (6,39)
und im 1. Brief des Paulus an die Thessalonicher (4,16).

Andererseits erzählt Jesus
vom reichen Mann und dem armen Lazarus (Lukas 16,19-31),
dass beide, wie es aussieht, gleich nach ihrem Tode
in die Unterwelt bzw. in Abrahams Schoß gelangt seien;
und dass sie dort keineswegs schlafen:
Lazarus nicht, denn er wird getröstet;
und der Reiche ganz bestimmt nicht,
denn er ist imstande, Abraham anzusprechen
und seine Sorge um seine fünf Brüder vorzutragen,
die noch am Leben sind;
eine Situation, die ausgeschlossen wäre,
wenn der reiche Mann erst am Jüngsten Tage
so lebendig geworden wäre.

Ebenfalls nach Lukas
versichert Jesus am Kreuz
einem der anderen Gekreuzigten:
„Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lukas 23,43)

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