Irene Nickel

Gott ist nicht gleich Gott. Auch nicht unter Christen

„Was ist Gott?“, so fragte der Schweizer „Tagesanzeiger“1. Er hätte auch fragen können: „Was meinen die Menschen, wenn sie ‚Gott‘ sagen?“

Sie meinen nicht alle das Gleiche. Für die einen ist Gott der Allmächtige, der Schöpfer des Himmels und der Erde, wie es im Apostolischen Glaubensbekenntnis heißt. Andere verkünden, Gott habe „keine anderen Hände als die unseren“2, wie Franz Alt und andere Christen von heute.

Man kann das eine glauben, man kann das andere glauben, aber nicht gut beides zugleich. Denn ein Gott, der Himmel und Erde erschaffen konnte, müsste über ganz andere Kräfte gebieten als über die Kräfte von Menschenhänden. Traditionelle und moderne Christen glauben offenbar an zwei völlig verschiedene Götter. Eine Spaltung im Glauben, die die Fundamente des Glaubens berührt. Jedoch man bemerkt erstaunlich wenig davon. Selten werden die Unterschiede offen angesprochen. Immer wieder benutzen Vertreter beider Glaubensrichtungen dieselben Redewendungen, auch wenn sie nicht mehr dasselbe damit meinen.

An einen allmächtigen Gott zu glauben ist schwierig geworden, seit die Frage gestellt wird: „Warum kam es dann zu Geschehen wie dem Holocaust? Warum ließ Gott das zu?“ Für einen allmächtigen Gott wäre es ein Leichtes gewesen, jeden Menschen zu retten, den er retten wollte. Dennoch sind Millionen von Menschen elend umgekommen. Wenn Gott allmächtig ist, dann lässt das nur einen Schluss zu: Dieser Gott hat es so gewollt. Wie kann man einen solchen Gott lieben?

So glauben denn viele Christen von heute lieber an einen Gott, der gar nicht die Macht hatte, all das Leid zu verhindern. Damit erhalten sie die Möglichkeit, das Bild eines mitfühlenden Gottes zu zeichnen, der dem Holocaust ebenso entsetzt und ebenso hilflos gegenüberstand wie irgendein Mensch. Religionskritische Fragen nach der Verantwortung Gottes für den Holocaust werden vor diesem Hintergrund als abwegig zurückgewiesen, nicht selten mit der Gebärde der gekränkten Unschuld, gerade so, als wäre der allmächtige Gott eine Erfindung der Religionskritiker.

Die Reinwaschung Gottes von der Verantwortung für den Holocaust hat ihren Preis: Was kann man von einem derart machtlosen Gott noch erwarten? Dass er den Menschen zuhört und mit ihnen fühlt? Gewiss, daran kann man glauben, aber das ist auch schon alles. Der Mitmensch hingegen kann uns sein Mitgefühl erfahrbar machen, in seinen Antworten, in seinem Mienenspiel, in seinem Händedruck.

Was suchen die Menschen in diesem Gott? Einen Lückenbüßer, wo die zwischenmenschlichen Beziehungen nicht funktionieren?

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1 Für seine Samstagsbeilage, das „Magazin“, suchte der Schweizer „Tagesanzeiger“ im Frühjahr 2000 Beiträge zum Thema „Was ist Gott?“
Dieser Text entstand als Reaktion auf diesen Aufruf.
Für die Homepage wurden geringfügige Veränderungen vorgenommen.

2 Franz Alt, „Liebe ist möglich“, S. 44 im Piper-Taschenbuch

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