Irene Nickel

Atheismus oder Agnostizismus?

Der Unterschied wird weithin etwa so gesehen:

        Atheisten gehen davon aus, dass es keinen Gott gibt;

        Agnostiker gehen davon aus, dass man nicht wissen kann,
ob es einen Gott gibt oder nicht.

Was bin ich?
Mit welchem Wort beschreibe ich meine Überzeugung am besten?

In den Jahren nach 1970 –
seit für mich feststand, dass ich nicht mehr an Gott glaubte –
sah ich es etwa so, wie Karlheinz Deschner
in seinem Aufsatz Warum ich Agnostiker bin schreibt:

„Der Theismus behauptet, der Atheismus leugnet Gott.
Den Beweis aber […] bleibt jeder schuldig.
Denn niemand kann Gott,
niemand jedoch auch seine Nichtexistenz beweisen“
      (S. 139 in Warum ich Christ/Atheist/Agnostiker bin
      von Friedrich Heer/Joachim Kahl/Karlheinz Deschner)

„Doch scheut der Agnostiker auch das unwiderrufliche Nein. […]
Er ist vorsichtig, doch nicht aus Angst. […]
Nie aber gibt er Mutmaßungen als Wahrscheinlichkeiten,
nie Wahrscheinlichkeiten als Gewissheiten aus ...“
      (S. 140)

„Da ein ‚höchstes Wesen’ weder zu verifizieren noch freilich,
infolge unserer Erkenntnisbegrenzung,
zweifelsohne auszuklammern ist,
erscheint mir die agnostische These verantwortbarer,
konsequenter als die atheistische.
Wobei der kritische Atheist,
der die Gottesidee als unbegründbar und überflüssig ablehnt,
dem Agnostiker natürlich näher steht als der dogmatische Atheist,
der sie assertorisch verneint.“
      (S. 143 f)

Sollte ich mich also eine Agnostikerin nennen?
Ganz zufrieden war ich mit dieser Selbstbezeichnung nicht.
Denn nach dem, was ich gelesen hatte,
stellte ich damit nicht einmal klar, dass ich nicht an Gott glaubte.
In meinem Lexikon fand ich unter „Agnostizismus“ die Angabe:

„im engeren Sinn philos. Lehre von der Unerkennbarkeit Gottes,
teils um damit ausdrückl. dem Glauben Platz zu machen (
 Augustinus)“
      (Das Große Fischer Lexikon in Farbe, 1975)

Von diesem Kirchenvater Augustinus stammen die Worte:

 „Wo das Wissen aufhört, fängt der Glaube an.“
      (aus: DUDEN Zitate und Aussprüche, Teil II,
      Stichwort „Glaube“)

Das Wort „Agnostiker“
konnte also mit Auffassungen in Verbindung gebracht werden,
die mir völlig fernlagen.

Mein Dilemma war:
Bezeichnete ich mich als „Agnostikerin“, dann sagte ich damit zu wenig,
bezeichnete ich mich als „Atheistin“, dann sagte ich damit zu viel.

Gelegentlich habe ich damals von mir gesagt:

„Theoretisch bin ich Agnostikerin,
praktisch bin ich Atheistin.“

Damit meinte ich, dass ich in meiner Lebenspraxis,
in meinem Denken, Fühlen und Handeln
von der Annahme der Nichtexistenz Gottes ausging –
außer wenn ich gerade dabei war,
mich mit theoretischen Überlegungen zur Existenz Gottes zu befassen.

 
Ein anderer Begriff von „Atheismus“

Lange war für mich selbstverständlich:
Atheismus, das ist die Überzeugung, dass es keinen Gott gibt.

Dass man das auch anders sehen konnte,
das erfuhr ich, wenn ich mich recht erinnere,
zum ersten Mal im Jahre 1991 auf dem Atheisten-Kongress in Fulda,
wo jemand seinen Atheismus etwa folgendermaßen beschrieb:

„Damit meine ich nicht,
dass ich behaupten würde, dass es keinen Gott gibt;
denn sicher wissen kann ich das gar nicht.
Damit meine ich vielmehr:
Aus meiner Sicht gibt es keine überzeugenden Gründe
für die Annahme, dass ein Gott existieren würde.
Also glaube ich nicht daran – warum sollte ich denn?“ 1

„Schwacher Atheismus“
kann diese Art von Atheismus genannt werden, wie ich später erfuhr –
im Gegensatz zum „starken Atheismus“,
dem Atheismus, den ich bis dahin gekannt hatte.
Der Unterschied,
auf den Punkt gebracht:

        ein starker Atheist
ist überzeugt, dass es keinen Gott gibt;

        ein schwacher Atheist
ist nicht überzeugt, dass es einen Gott gibt.

 
Der Begriff des „schwachen Atheismus“ gefiel mir.
Er passte ausgezeichnet zu meinen damaligen Überzeugungen,
soweit es um die Existenz von Göttern im Allgemeinen ging.

Anders sah ich es jedoch bei einigen speziellen Vorstellungen von Gott.
In bestimmten Fällen stand für mich fest:
Einen solchen Gott gibt es mit Sicherheit nicht.

Ein Beispiel war der Gott der Bibel.
Und ebenso jeder andere Gott,
von dem es heißt, er sei allmächtig und sehr gütig.
Ein solcher Gott, und eine Welt voller Schmerz und Leid?
Das konnte nicht sein, davon war ich fest überzeugt.
      (mehr zu dieser Überlegung – dem „Theodizee-Problem“ – hier)

So sicher wäre ich bei Göttern anderer Art nicht gewesen.

Damit war ich weder eine „schwache Atheistin“ in Reinkultur
noch eine „starke Atheistin“ in Reinkultur.
Gelegentlich habe ich mich eine „differenzierende Atheistin“ genannt.
Was ich damit meinte, das habe ich folgendermaßen erklärt:

        unter einem differenzierenden Atheisten
verstehe ich einen Menschen,
der je nach Gottesvorstellung entscheidet,
ob er die Existenz eines Gottes, der dieser Vorstellung entspricht,
     für ausgeschlossen,
     für extrem unwahrscheinlich
     oder für mehr oder weniger unwahrscheinlich hält,
     oder ob er einfach nur keinen Grund sieht,
       an die Existenz eines solchen Gottes zu glauben,
       und sich nur deshalb dafür entscheidet,
       so zu leben, als wenn es diesen Gott nicht gibt –
oder ob,
beispielsweise bei pantheistischen Gottesvorstellungen,
an die Stelle des Zweifels an der Existenz
die Kritik an der Verwendung des Wortes „Gott“ tritt,
also die Kritik an einem Sprachgebrauch. 2

 
War damit ein Ende des Entweder-Oder in Reichweite?

Des Entweder-Oder zwischen Agnostizismus und Atheismus,
des Entweder-Oder zwischen „schwachem“ und „starkem“ Atheismus?

Agnostiker und „schwacher Atheist“
kann der Mensch ohne Weiteres in einer Person sein,
und zwischen „schwachem“ und „starkem“ Atheismus
erstreckt sich ein weites Feld von Möglichkeiten
des „differenzierenden“ Atheismus.

Beste Voraussetzungen für ein freundliches Miteinander?
Anscheinend war das nicht selbstverständlich.
Gelegentlich setzte es mich in Erstaunen,
wie heftig die Polemik
zwischen Atheisten und Agnostikern werden konnte.

Da schrieb der Atheist Dr. Joachim Kahl:

„So ist der Agnostizismus –
nicht zu verwechseln mit Skepsis,
die der Wahrheitssuche verpflichtet ist –
eine heute weit verbreitete Haltung weltanschaulicher Laxheit.
Diese Ideologie der Denkfaulheit ...“
      (aus: Die Antwort des Atheismus Disclaimer,
      Erstveröffentlichung 1968;
      Hervorhebungen I. N.)

Und es schrieb der Agnostiker Dr. Michael Schmidt-Salomon:

„Auch das scheinbar antireligiöse Pendant zum Theismus,
der theoretische Atheismus,
entspringt der religiösen Inanspruchnahme der „Welt an sich“,
behauptet er doch, daß Gott an sich nicht existiert.
Auch dies ist ein nicht zu rechtfertigender Versuch,
sich der „Welt an sich“ zu bemächtigen.
Der theoretische Atheismus stellt als solcher
keine Alternative zum religiösen Dilemma dar.

Eine wirkliche, menschliche Alternative zur Religion
bietet allein der Agnostizismus, der sich weigert,
Aussagen über die „Welt an sich“ zu machen,
weil er sich zur erkenntnistheoretischen Beschränktheit –
der Menschlichkeit!! – unserer Wirklichkeitskonstruktionen bekennt.
Agnostizismus ist daher
die erkenntnistheoretische Basis
jedes ernstgemeinten Humanismus.“
      (aus: Offenheit statt Offenbarung Disclaimer;
      der Artikel erschien u.a. in der MIZ 4/94 Seite 47ff.
      Hervorhebungen I. N.)

Nur am Rande sei fairerweise darauf hingewiesen,
wie weit diese Äußerungen schon zurückliegen;
ich hoffe, einiges daran ist den Autoren inzwischen selber peinlich. 3

 
Interessanter sind die Gründe der Kontrahenten:

Weshalb der eine den Agnostizismus,
der andere den Atheismus so scharf ablehnte.

Dr. Joachim Kahl vertrat die Auffassung,
der Gottesglaube ließe sich widerlegen.
Er meinte, es gebe zwei „Säulen des Atheismus“
einen „empirischen“ und einen „metaphysischen“ Beweis.
Er schrieb:

„Der empirische Beweis zielt auf den unerlösten, elenden Zustand der Welt, das herzzerreißende, unschuldige Leiden und Sterben von Tier und Mensch, die mit dem Glauben an einen zugleich allgütigen, allwissenden, allwirksamen und allmächtigen Gott nicht vereinbar sind.“

Hier geht Dr. Kahl von einer bestimmten Gottesvorstellung aus: dem
„zugleich allgütigen, allwissenden, allwirksamen und allmächtigen Gott“.

Diese „Säule des Atheismus“ widerlegt allerdings nur
die Existenz eines Gottes dieser Art.
Sie lässt die Möglichkeit offen,
dass es einen gleichgültigen Gott geben könnte
der gar nicht motiviert wäre, etwas gegen das Leiden zu tun.
Und ebenso die Möglichkeit,
dass es einen Gott geben könnte,
der zu machtlos wäre, um viel gegen das Leiden zu tun.

„Die zweite Säule des Atheismus“, schreibt Dr. Kahl,
„bestreitet ... Gott den Schöpfer.“
In seinen Begründungen – es sind mehrere – setzt Dr. Kahl
wieder bestimmte Eigenschaften Gottes voraus:
er sei „unwandelbar“,
er sei „vollkommen“,
er sei „ein reiner Geist“.
Soweit Dr. Kahls Begründungen tatsächlich etwas beweisen,
so ist es wieder nur die Nichtexistenz eines Gottes von bestimmter Art.

 
Dr. Michael Schmidt-Salomon beschreibt in seinem Aufsatz
Gott als „Gott an sich“, aus dem Bereich einer „Welt an sich“,
und zu dieser „Welt an sich“ schreibt er:

„Wir können die Welt nicht wahrnehmen,
wie sie losgelöst von unserer Wahrnehmung existiert.

Wenn dieser Satz stimmt
(und ich kenne keine vernünftige Widerlegung dieses Satzes),
so heißt dies, daß der gesicherte Zugang zur ‚Welt an sich’
(die Welt losgelöst von unserer Wahrnehmung)
für alle Zeiten versperrt ist ...“

Von dieser Überlegung aus gelangt Dr. Schmidt-Salomon
zum Agnostizismus und schließlich zu der Aussage:

„Ob Gott an sich existiert oder nicht,
ist aus agnostizistischer Perspektive völlig egal,
weil unentscheidbar.“

Begründet hat er diese Aussage allerdings nur
für den Fall eines „Gottes an sich“,
eines Gottes, dessen Existenz oder Nichtexistenz
sich nicht anhand des Zustands der wahrnehmbaren Welt nachprüfen ließe.
Das müsste ein Gott sein,
über den keinerlei Aussagen gemacht werden,
die es erlauben würden,
aus der Annahme seiner Existenz
irgendwelche nachprüfbaren Schlussfolgerungen
über den Zustand der wahrnehmbaren Welt zu ziehen.

Begründet hat Dr. Schmidt-Salomon diese Aussage
nur für Gottesvorstellungen bestimmter Art
        und, wie ich aus späteren Äußerungen von ihm weiß,
        gibt es auch aus seiner Sicht
        durchaus Gottesvorstellungen,
        über die er eine solche Aussage nicht gemacht hätte.

Fazit:
Aus meiner Sicht
begründete Dr. Joachim Kahl sein Plädoyer für den Atheismus
für Gottesvorstellungen von bestimmter Art,
und Dr. Michael Schmidt-Salomon sein Plädoyer für den Agnostizismus
für Gottesvorstellungen anderer Art.

Die Haltung des Atheismus gegenüber den einen Gottesvorstellungen,
die Haltung des Agnostizismus gegenüber den anderen –
beides kann sehr gut Platz finden
unter dem Dach eines differenzierenden Atheismus.

 
Atheist und Agnostiker in einer Person?

Möglich ist das auf der Basis einer Auffassung,
die ich im Jahre 2003 im Forum Freigeisterhaus kennenlernte: 4

        Der Agnostizismus ist eine erkenntnistheoretische Position
und bestreitet die Möglichkeit, definitive Aussagen zu machen.

        Der Atheismus ist eine weltanschauliche Haltung,
die keine Götter kennt oder sogar die Existenz von Göttern verneint.

Eine interessante Unterscheidung, fand ich.
Sie deckte sich weitgehend mit einer Selbstbeschreibung von mir:
„Theoretisch bin ich Agnostikerin, praktisch Atheistin.“

Hier werden Atheismus und Agnostizismus
nicht als zwei alternative Antworten
auf ein und dieselbe Frage – „Gibt es einen Gott?“ – aufgefasst.
Vielmehr werden Atheismus und Agnostizismus
als Antworten auf zwei verschiedene Fragen angesehen:

        Der Agnostizismus als eine Antwort
auf eine erkenntnistheoretische Frage:
Was können wir wissen
über die Existenz oder Nichtexistenz Gottes?
Bei welchen Annahmen darüber
können wir uns in welchem Maße sicher sein,
dass sie zutreffen bzw. nicht zutreffen,
bzw. dass sie mit einer hohen Wahrscheinlichkeit zutreffen
oder mit einer mittleren oder einer geringen Wahrscheinlichkeit?.

        Der Atheismus als eine Antwort
auf eine Frage der weltanschaulichen Haltung:
Von welchen Annahmen gehen wir aus,
welche Möglichkeiten ziehen wir im Ernst in Betracht,
mit Konsequenzen für unser Leben?
Was gehört zur Grundlage unserer Lebenspraxis,
unseres Denkens, Fühlens und Handelns?

Es liegt kein Widerspruch darin,
wenn jemand die Existenz irgendeines Gottes –
vielleicht eines Gottes, der sich absichtlich vor uns verborgen hält –
zwar theoretisch für möglich hält,
aber für irrelevant für sein Leben
und darum für entbehrlich in der weltanschaulichen Grundlage
seines Denkens, Fühlens und Handelns.

 
Eine Achillesferse des Agnostizismus?

Und wenn es ihn doch gibt...“

Mit diesem Slogan wollten Christen kontern,
als „Aktivisten in Sachen ‚Unglauben’“
im Jahre 2009 mit einem Bus durch Deutschland fuhren, 5
auf dem zu lesen war:
„Es gibt
(mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott“.

Haben diese Christen mit ihrem Slogan eine Schwachstelle getroffen,
bei ihren Kontrahenten von der Buskampagne
und auch bei vielen anderen Menschen, die nicht an Gott glauben?

Viele dieser Menschen würden ja nicht behaupten,
dass sie mit Sicherheit wüssten, dass es keinen Gott gibt.
Vor allem nicht die Agnostiker,
nach deren Meinung man das gar nicht wissen kann.
Und selbst die Aktiven von der Buskampagne
sprechen zwar von „an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“,
nicht aber von sicherer Gewissheit.

Die Existenz eines Gottes
wird also von einer ganzen Reihe von ungläubigen Menschen
nicht für völlig ausgeschlossen gehalten.

Daran versuchten die Christen anzuknüpfen
mit ihrem Slogan
Und wenn es ihn doch gibt...“.
Und was bei den drei Pünktchen zu ergänzen ist,
das soll anscheinend auf die Schlussfolgerung hinauslaufen:
Dann wäre das von größter Relevanz, für jeden Menschen!“

Ist damit die Position der Aktivisten der Buskampagne erschüttert?
Und die Position jener Agnostiker,
die die
Existenz eines Gottes zwar theoretisch für möglich halten,
aber für irrelevant für ihr Leben?

Nein. Aus zwei Gründen nicht:

    1.  Wenn Menschen einräumen,
dass es möglicherweise doch einen Gott geben könnte,
dann haben sie damit noch lange nicht eingeräumt,
dass es auch den Gott, von dem die Christen sprechen,
möglicherweise geben könnte.

    2.  Selbst wenn manche Agnostiker einräumen,
dass es auch den Gott der Christen möglicherweise geben könnte,
ist damit längst noch nicht alles darüber gesagt,
wie relevant diese Möglichkeit für diese Agnostiker sein müsste.

Zu 1.:
Wer sich als Agnostiker versteht,
hat damit keineswegs auf die Möglichkeit verzichtet,
zwischen verschiedenen Gottesvorstellungen zu differenzieren.
Er kann einräumen,
dass möglicherweise irgendein Gott existieren könnte,
vielleicht ein gleichgültiger Gott –
und zugleich kann er es für erwiesen halten,
dass bestimmte Arten von Götten nicht existieren.
Beispielsweise kann er, wegen des Theodizee-Problems,
die Existenz eines allmächtigen und sehr gütigen Gottes
für ausgeschlossen halten,
und damit auch die Existenz des Gottes der Christen.

Der Slogan „Und wenn es ihn doch gibt...“
kann diesen Agnostiker nicht beeindrucken,
weil für ihn feststeht, dass das mit Sicherheit nicht der Fall ist.

Zu 2.:
Selbst wenn manche Agnostiker einräumen,
dass es auch den Gott der Christen möglicherweise geben könnte,
heißt das noch lange nicht,
dass sie dieser Möglichkeit mehr Bedeutung beimessen
als der Möglichkeit, dass es irgendeinen anderen Gott geben könnte.

Manche Agnostiker verstehen ihren Agnostizismus sogar so,
dass dazu nicht nur die Auffassung gehört,
dass man nicht wissen könne, ob es überhaupt einen Gott gibt,
sondern auch die Auffassung,
dass man – falls es einen Gott gibt, oder auch mehrere –
nichts über diesen Gott bzw. über diese Götter wissen könne.
Und einige fügen hinzu,
nicht einmal über die Wahrscheinlichkeiten
von all den verschiedenen Möglichkeiten
könnten wir wohlbegründete Aussagen machen;
auch dazu fehle uns das erforderliche Wissen.

Einen Agnostiker mit diesen Überzeugungen
braucht die Frage, ob es einen Gott gibt, kaum zu interessieren
(außer wenn er sich gerade mit theoretischen Überlegungen dazu befasst).
Denn,
von derlei theoretischen Überlegungen abgesehen,
braucht die Möglichkeit,
dass es vielleicht einen Gott geben könnte,
keine Konsequenzen für sein Verhalten zu haben.
Warum sollte er deswegen irgendetwas anders machen,
wenn er über einen möglicherweise existierenden Gott
nicht das Geringste weiß?
Wenn er also nicht einmal weiß,
ob dieser Gott sich überhaupt für menschliches Verhalten interessiert?
Und wenn, was ihm wohl gefallen würde und was nicht?

Auf den Slogan „Und wenn es ihn doch gibt...“
kann ein Agnostiker mit diesen Überzeugungen
in aller Gelassenheit antworten,
diese Möglichkeit berücksichtige er bereits:
Sowohl in seinen Überzeugungen als auch in seinem Verhalten
berücksichtige er diese Möglichkeit,
und zwar in genau der Weise, die ihr zukommt
als einer Möglichkeit von vielen.

 
„Eine Möglichkeit von vielen“,
das können natürlich auch die Agnostiker einräumen,
die nicht der Meinung sind,
dass man über Gott oder Götter so wenig wisse wie soeben beschrieben.
Selbstverständlich können auch sie
zwischen verschiedenen Gottesvorstellungen differenzieren,
selbstverständlich können sie bestimmten Gottesvorstellungen
eine geringere Wahrscheinlichkeit zuschreiben als anderen.
Und beispielsweise können sie der Existenz des Gottes der Christen
eine besonders geringe Wahrscheinlichkeit zuschreiben.
Damit haben sie erst recht keinen Grund,
ausgerechnet dieser Möglichkeit besondere Bedeutung beizumessen;
noch weniger als die zuvor beschriebenen Agnostiker.

 
Es zeigt sich,
dass ein durchdachter Agnostizismus
durch einen Slogan wie „Und wenn es ihn doch gibt...“
nicht ins Wanken zu geraten braucht.

Jedenfalls, solange Menschen sich daran orientieren,
was sie mit guten Gründen für wahr oder unwahr halten können
oder für mehr oder weniger wahrscheinlich.

 
Aber Menschen haben ihre Schwächen

Und da gibt es Ansatzpunkte
für Slogans wie „Und wenn es ihn doch gibt...“.

Der Wunsch, geliebt zu werden

An diesen Wunsch appellieren die Christen,
die mit dem Slogan geworben haben,
auf ihrer Seite www.tour.gottkennen.de  Disclaimer:
„Wir glauben daran, dass Gott uns liebt
und dass er eine persönliche Beziehung zu uns möchte.
Das erleben wir als Bereicherung ...“

Ein Appell, der sicherlich einige Christen anspricht
und sie bei der Stange hält.
Geringer dürfte die Wirkung auf ungläubige Menschen sein.

Nicht einmal attraktiv ist die so gepriesene „Liebe“
für diejenigen unter den ungläubigen Menschen,
die wirkliche Liebe von wirklichen Menschen erfahren haben.
Was sollte ihnen die „Liebe“ eines Gottes bedeuten,
von dem sie nicht einmal eine Antwort zu erwarten hätten,
wenn sie ihn ansprechen?

Außerdem: Selbst wenn der eine oder andere ungläubige Mensch
den Wunsch nach dieser Art von Bereicherung verspüren sollte,
weiß er doch, dass Wunsch und Wirklichkeit zweierlei sind.

Da hilft es wenig, wenn die Christen auf ihrer Website erklären:
„Jeder, der sich auf die Frage nach Gott einlässt,
kann erleben, dass er Wirklichkeit ist.“
Was diese Christen erleben,
das lässt sich ebenso erklären wie das, was ein Kind erlebt,
wenn es bei seinem Kuscheltier Trost und Geborgenheit findet.
Daraus lässt sich weder schließen,
dass das Kuscheltier etwas anderes wäre als ein Stück toter Materie,
noch lässt sich schließen,
dass der Gott dieser Christen etwas anderes wäre
als ein Gegenstand menschlicher Vorstellungen.
Wer auf der Grundlage solcher Erlebnisse
darauf vertrauen wollte,
dass dieser Gott Wirklichkeit wäre,
müsste sich selbst etwas in die Tasche lügen.

Darauf zu verzichten, das dürfte nicht allzu schwer fallen,
wenn man einmal die Erfahrung gemacht hat,
dass man auch ohne religiösen Glauben sehr gut auskommen kann.

 
Anders kann es für einige ungläubige Menschen aussehen,
wenn es nicht um Verlockungen geht,
sondern um Ängste.

Die Angst vor der ewigen Verdammnis

Wenn die christliche Religion wider Erwarten doch wahr sein sollte,
dann droht allen Ungläubigen die ewige Verdammnis.
Auf diese Seite der christlichen Religion
brauchen missionierende Christen nicht eigens hinzuweisen –
daran erinnert sich manch ein christlich erzogener Mensch sofort,
wenn er den Slogan hört: „Und wenn es ihn doch gibt...“

Hat er diese Lehre doch oft genug gehört,
im Religionsunterricht, in der Kirche,
im Kommunionunterricht oder im Konfirmandenunterricht;
und er kann es auch in seiner Bibel lesen:

„... wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden.“
        (Markus 16,16)

Das ist eine zutiefst erschreckende Lehre,
wenn man sie wirklich ernst nimmt:
Verdammnis bedeutet Qualen, die niemals enden. 6

Welch eine Angst diese Lehre auslösen kann,
das ist vielen heutzutage nicht mehr bewusst.
Man hat sich daran gewöhnt,
dass viele diese Lehre nicht mehr so recht ernst nehmen.
Beispielsweise nach dem Motto:
„Es wird nichts so heiß gegessen wie gekocht.“
Oder es heißt, das mit dem „ewigen Feuer“ sei doch nur ein Bild.
Nur?
Wenn es ein treffendes Bild ist,
dann steht es für etwas, was ebenso schlimm ist;
und was hätte man dann davon, dass es „nur“ ein Bild ist?
Wenn man aber sagt,
das Bild vom ewigen Feuer stehe für etwas, was viel harmloser ist,
dann nimmt man den Text nicht ernst.

Mit diesem „Doublethink 7 mögen einige Leute ja selbst gut fahren:
bibelfreundliche Fassade ja, den Inhalt ernst nehmen nein.
Das Fatale ist nur,
dass diese Leute an der Aufrechterhaltung eines Systems mitwirken,
in dem immer wieder Kindern eingeredet wird,
die Bibeltexte seien „Gottes Wort“ und in höchstem Maße ernst zu nehmen.
Die Folgen tragen die Kinder,
die diese Texte dann tatsächlich ernst nehmen;
manchmal sogar im Gegensatz zu Eltern und Lehrern,
mit deren Doublethink sie sich nicht anfreunden können.

„Im Zentrum der Kirchenkrankheit lauert die Hölle“,
schreibt der Psychotherapeut und Theologe Richard Picker
in seinem Buch Krank durch die Kirche.   (auf Seite 192)
Weiter schreibt er:
„Gegen Höllenängste hat die Therapie einen schweren Stand.
Sie sind durch die Geschichte der Menschheit
und durch die Katechese (der vergangenen 200 Jahre mindestens)
tief in das Bewusstsein der Menschen eingegraben. ...
Sie geben jeder Angst und Furcht absolute Verstärkung
oder ihre Begründung.“
Und Picker verschweigt nicht, was nicht nur Katholiken,
sondern auch bibelkundige Protestanten wissen:
Auch Jesus warnt vor der Hölle
‚Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten,
die Seele aber nicht töten können,
sondern fürchtet vielmehr den,
der Seele und Leib verderben kann in der Hölle’ (Mt 20,28)
‚Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein’ (Mk 8,11).“
      (das letzte Zitat – über Jesus – steht auf Seite 193;
       kursiv wiedergegeben ist hier eine Überschrift,
       wie im Buch von Richard Picker;
       eine Rezension von mir zu diesem Buch findet sich
hier Disclaimer)

Die Angst vor Höllenqualen
kann Christen zu geistigen Gefangenen ihres Glaubens machen.
Wenn diese Angst sich bei jedem Glaubenszweifel regt,
dann bringt nicht jeder den Mut auf, sich diesen Zweifeln zu stellen
und ergebnisoffen darüber nachzudenken,
ob es gerechtfertigt ist, am Glauben festzuhalten.

Ganz frei von dieser Angst
werden manche christlich erzogenen Menschen auch dann nicht,
wenn sie diesen Glauben hinter sich gelassen haben.
Manche quält immer wieder einmal die bange Frage:
„Und wenn es ihn doch gibt?“

Eine solche Angst auslösen kann diese Frage,
wenn Menschen zwar den Glauben hinter sich gelassen haben,
dass es „ihn“ wirklich gibt,
aber andererseits nicht zu der festen Überzeugung gelangt sind,
dass es „ihn“ gewiss nicht gibt.
Wenn sie es im Ernst für möglich halten,
dass es „ihn“ tatsächlich geben könnte.

Und manche meinen, das müssten sie.
Schließlich hören sie von vielen Seiten,
von Christen wie von Agnostikern und „schwachen“ Atheisten,
dass die Existenz Gottes weder bewiesen noch widerlegt werden könne.
Und nicht wenige Vertreter dieser Auffassung
berufen sich auf den Philosophen Immanuel Kant.

 
Die Verunsicherung, die daraus entsteht, beruht großenteils
auf Denkfehlern und auf Psychologie.

Erster Denkfehler:
Man achtet zu wenig auf den Unterschied
zwischen zwei Fragestellungen:

        der Frage, ob irgendein Gott existiert,

        der Frage, ob ein bestimmter Gott existiert, der biblisch‑christliche.

Die berühmten Äußerungen Kants beziehen sich auf die erste Frage:

„Das höchste Wesen bleibt also für den blos speculativen Gebrauch der Vernunft ein bloses, aber doch fehlerfreies Ideal,
ein Begriff, [...]  dessen objective Realität auf diesem Wege
zwar nicht bewiesen, aber auch nicht widerlegt werden kann ...“

       (Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft,
       letzter Absatz im 7. Abschnitt des 3. Hauptstücks)

Wenn man der Ansicht zustimmt,
dass die Existenz irgendeines Gottes, und sei es eines höchsten Gottes,
nicht widerlegt werden könne,
dann braucht man deshalb noch lange nicht der Ansicht zuzustimmen,
dass auch die Existenz des biblisch-christlichen Gottes
nicht widerlegt werden könnte.

Vielmehr gibt es eine ganze Reihe von Gründen,
die Existenz dieses Gottes für widerlegt zu halten.
Beispielsweise das Theodizee-Problem.

 
Ein zweiter Denkfehler
kann die Unsicherheit vergrößern:
Wenn Menschen zu weitgehende Schlüsse daraus ziehen,
dass es, ihrer Meinung nach, keine Beweise gibt,
weder für die Existenz des biblisch‑christlichen Gottes noch dagegen.
Wenn sie meinen,
deswegen wäre die eine Vermutung so gut wie die andere,
deswegen wäre die Vermutung der Existenz
ebenso gerechtfertigt wie die Vermutung der Nichtexistenz.

Nicht unbedingt.
Auch da, wo es an Beweisen fehlt,
fehlt es nicht immer an Gründen,
die für oder gegen bestimmte Vermutungen sprechen.

So kann jemand gute Gründe sehen für die Vermutung,
dass es einen bestimmten Gott nicht gibt,
und dabei an der Meinung festhalten,
einen Beweis für diese Vermutung gebe es nicht.
Beides verträgt sich durchaus,
es führt zu keinerlei logischem Widerspruch.

 
Zu psychologischen Problemen
kann es allerdings trotzdem führen.
Eine bloße Vermutung
kann für einige christlich erzogene Menschen zu wenig sein,
um sie ganz von der Angst vor den Qualen der Hölle zu befreien.
Solange ein Rest an Ungewissheit fortbesteht,
kann das ein wunder Punkt bleiben.

Psychologie spielt dabei eine große Rolle.
Ein Mensch, der ein solches Problem hatte, bestätigte mir:
Die Angst, die ihn plagte,
war die Angst vor dem Gott, an den er einmal geglaubt hatte.
Nicht die Angst vor irgendwelchen fremden Göttern;
über die Möglichkeit ihrer Existenz
machte er sich überhaupt keine Sorgen.
Dabei sah er keinen Grund,
die Existenz seines ehemaligen Gottes
für wahrscheinlicher zu halten als die Existenz anderer Götter.

Es scheint, dass Spuren zurückbleiben,
wenn jemand etwas über längere Zeit im Ernst geglaubt hat.
Das scheint die Neigung zu verstärken,
es immer noch für möglich zu halten
und dieser Möglichkeit Beachtung zu schenken.
Wenn nicht vom Verstand her,
dann aber bisweilen doch vom Gefühl her.

Dann hilft es nicht immer, sich daran zu erinnern,
für wie gering man die Wahrscheinlichkeit hält,
dass der Gott der anerzogenen Religion wirklich existieren würde.
Denn auf
Angst
wirkt sich ein Rest an Ungewissheit
anders aus als auf Verlockungen.
Verlockendes verliert viel von seinem Reiz,
wenn es wahrscheinlich so oder so nicht zu erreichen ist.
Angst hingegen
lässt sich nicht so leicht zum Schweigen bringen.
Auch wenn die Wahrscheinlichkeit gering ist,
bleibt die Möglichkeit bestehen, dass das Befürchtete dennoch eintritt –
und dann trifft es einen mit voller Wucht,
ganz gleich, wie gering zuvor die Wahrscheinlichkeit gewesen ist.

Viele Agnostiker und viele „schwache“ Atheisten
kennen dies Problem nicht.
Aber ihre Argumentation, dass es keinen Grund gibt,
an den Gott der Bibel und seine Hölle zu glauben,
ist kaum eine Hilfe,
wenn sich die Angst einmal festgesetzt hat
in einem christlich erzogenen Menschen.
Denn es wird ja die Möglichkeit offen gelassen,
dass es diesen Gott und seine Hölle vielleicht doch geben könnte.

Geradezu kontraproduktiv kann es sich auswirken,
wenn angstgeplagte christlich erzogene Menschen
zu einem extremen Agnostizismus überredet werden,
zu dem die Auffassung gehört,
dass man – falls es einen Gott gibt, oder auch mehrere –
nichts über diesen Gott bzw. über diese Götter wissen könne.
Sodass die Existenz des Gottes der Bibel
ebenso gut möglich wäre wie die Existenz jedes anderen Gottes.
Damit wird die Möglichkeit,
dass es den Gott der Bibel und seine Hölle wirklich geben könnte,
sperrangelweit offen gelassen.
Zum Schaden der angstgeplagten Menschen.

 
Diese Menschen brauchen starke Argumente,
um sich ihrer Angst zu erwehren.
Und es zeigt sich, dass diese Argumente sich finden lassen,
sobald man auf die einzelnen Aussagen achtet,
die zu bestimmten Vorstellungen von Gott gehören.

Dann zeigt sich, dass es gute Gründe für die Überzeugung gibt,
dass der Gott der Bibel auf jeden Fall nicht existiert.
Ich erwähnte bereits das Theodizee-Problem.
Weitere Gründe,
die Botschaft der biblisch-christlichen Religion für unglaubhaft zu halten,
führte ich auf unter
Nathan der Weise –
oder: Glaubensfragen und rationale Entscheidungen
.

Nach meiner Überzeugung ist schon das Theodizee-Problem allein
ein Beweis dafür, dass der Gott der biblisch-christlichen Religion
mit Sicherheit nicht existiert.

Und selbst wenn man darin keinen Beweis im strengen Sinne sieht,
kann man darin – und in den anderen von mir aufgeführten Gründen –
trotzdem noch gewichtige Gründe sehen,
die gegen die Existenz dieses Gottes sprechen.

Ergänzend dazu gibt es Gründe zur Skepsis
gegen die Drohungen der Bibel mit ewigen Qualen der Hölle:
Diese Drohungen beruhen zu einem großen Teil
auf der Predigt eines gewissen Jesus von Nazareth.
Dieser Mensch predigte vor allem eines:
Das „Reich Gottes“ stehe in nächster Zukunft bevor,
und einige seiner Zuhörer würden es noch erleben (Matthäus 16,28).
Dies spektakuläre Ereignis ist offensichtlich nicht eingetreten.
Jesus hat sich gründlich geirrt,
und das in seiner zentralen Botschaft.
Er hat sich als ein Mensch erwiesen,
auf dessen Reden man nicht viel zu geben braucht.
Folglich auch nicht auf seine Reden über die ewigen Qualen der Hölle.

 
Nun haben Christen einige Übung darin,
am Glauben an bestimmte Aussagen der Bibel festzuhalten,

auch wenn ihnen bekannt ist,
dass eine Reihe von anderen Aussagen der Bibel
sich als unwahr erwiesen hat.

Glänzend überlebt hat der christliche Glaube
die Ergebnisse naturwissenschaftlicher Forschungen,
nach denen die Welt mitsamt ihren Lebewesen
auf andere Weise entstanden ist,
als das am Anfang der Bibel beschrieben ist.
Viele Christen von heute haben kein Problem damit,
in den biblischen Geschichten
von der Schöpfung, von der Arche Noah und vom Turmbau zu Babel
lediglich fromme Dichtung zu sehen,
die sie nicht wörtlich zu nehmen brauchen
und die deshalb keine Gefahr für ihren Glauben darstellt.
Einigen Christen ist auch bekannt,
dass die fromme Dichtung in der Bibel noch um einiges weiter geht:
So haben neuere archäologische Forschungen
auch beim Auszug aus Ägypten
und bei der gewaltsamen Eroberung des „verheißenen Landes“
erhebliche Diskrepanzen zwischen Bibel und historischer Realität aufgedeckt.
Ebenso ist einigen Christen von heute wieder bewusst geworden,
„dass sich Jesus in der Erwartung des nahen Weltendes getäuscht hat“.
(so der Theologe Rudolf Bultmann)
„Wieder bewusst“, schrieb ich,
denn schon zur Entstehungszeit des Neuen Testaments
war das einigen kritischen Zeitgenossen der frühen Christen klar:
      „... Am Ende der Tage werden Spötter kommen,
      die ... höhnisch sagen:
      Wo bleibt denn seine verheißene Ankunft?
      Seit die Väter entschlafen sind, ist alles geblieben,
      wie es seit Anfang der Schöpfung war.“
            (2. Petrus 3,3–4)

All das ändert offenbar nichts daran,
dass bestimmte andere Aussagen der Bibel
für viele Christen immer noch „Evangelium sind“,
wie diese Redewendung so entlarvend
eine bestimmte Art von Glauben beschreibt.

Wer diesen Glauben hinter sich lässt,
der lässt nicht immer sofort und automatisch
die zugehörigen Denkmuster hinter sich.
Jedenfalls nicht vollständig:
Bestimmte Aussagen glaubt man vielleicht nicht mehr,
aber man fragt sich immer noch im Ernst,
ob sie nicht möglicherweise wahr sind,
obwohl sie im Zusammenhang mit Aussagen verkündet wurden,
die offensichtlich falsch sind
und die in diesem Zusammenhang alles andere als nebensächlich sind.

 
Richtig daran ist natürlich,
dass solche falschen Aussagen kein Beweis dafür sind,
dass jede einzelne Aussage in diesem Zusammenhang unwahr sein müsste.
Genau genommen, sind diese falschen Aussagen
„lediglich“ ein Beweis dafür,
dass man auch bei anderen Aussagen in diesem Zusammenhang
Grund zur Skepsis hat.

Aber wenn jemand sich deswegen ernsthaft Sorgen darüber macht,
dass die Höllendrohungen gegen Ungläubige wahr sein könnten,
dann braucht es wohl einen Hinweis darauf,
wohin diese Art zu denken führt.
Es gibt nämlich eine Unzahl von anderen Aussagen,
die man ebenfalls für „möglicherweise wahr“ halten könnte
mit der Begründung, dass es keinen Gegenbeweis gibt.
Könnte man denn beweisen,
dass andere Götter nicht wirklich existieren,
etwa Zeus oder Baal oder Krishna?
Könnte man beweisen,
dass nicht der Gott des Alten Testaments
seinen Zorn über alle ergießen würde,
die einen Menschen namens Jesus als Gott angebetet haben,
gegen sein erstes Gebot
„Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“?
Könnte man beweisen,
dass es nicht einen Gott gibt,
der zutiefst beleidigt und erzürnt wäre
über die Behauptungen der Christen,
er hätte mit voller Absicht
einen Unschuldigen, noch dazu den eigenen Sohn,
am Kreuze qualvoll zu Tode foltern lassen?

Meine Lieblingsalternative zum biblisch-christlichen Gott
ist die zuletzt genannte.
Zum einen, weil sie nicht mit einem Ballast an traditionellen Dogmen
belastet ist, die Anlass zu ihrer Widerlegung geben könnten,
etwa nach dem Muster: „Ich war auf dem Olymp, und da ist kein Zeus.“
Vor allem aber
erscheint mir ein Gott, der zornig wird,
wenn man ihm diese Ungerechtigkeit und diese Grausamkeit nachsagt,
um einiges plausibler
als der Gott der Christen,
der sich über diese unerhörte Gotteslästerung
auch noch freut.

„Diesen Gott hast Du Dir doch aus den Fingern gesogen,
an den glaubst Du doch selbst nicht!“,
könnte mir nun jemand entgegenhalten.
Darauf erwidere ich:
Erstens: Na und?
Jesus glaubte an seine Höllendrohungen,
aber er glaubte auch an das nahe Weltende,
und das ist nicht eingetreten.
Wenn Jesus etwas geglaubt hat,
dann spricht das offenbar nicht dafür, das ebenfalls zu glauben.
Und zweitens
macht es gar nichts, dass ich an meinen Alternativ-Gott nicht glaube.
Im Gegenteil:
Gerade die Tatsache, dass es mir absurd vorkommt,
an diesen Alternativ-Gott zu glauben
oder auch nur seine Existenz im Ernst für möglich zu halten,
hat sich manches Mal für mich als nützlich erwiesen.
Sie hat mich daran erinnert,
dass dies die normale Reaktion ist
auf weit hergeholte Ideen
wie die etwaige Existenz des Alternativ-Gottes
oder gar die etwaige Existenz des Gottes der Christen.
Und es ist ein vernünftige Reaktion:
Wenn man alles,
was möglicherweise wahr sein könnte, weil es nicht widerlegt wurde,
im Ernst für möglich halten und sich Sorgen darüber machen würde,
dann käme man aus dem Sich-Sorgen-Machen kaum noch heraus –
und bringen würde es oft gar nichts,
weil auch das Gegenteil ebenso „möglicherweise wahr“ sein könnte.

Diese Überlegungen,
so belächelnswert sie manch einem erscheinen mögen,
haben mir das eine oder andere Mal
über schwache Momente hinweggeholfen,
wenn mich in der ersten Zeit meines Unglaubens
gelegentlich die bange Frage plagte: „Und wenn es ihn doch gibt?“

Den Rest erledigte die Zeit.
Nach und nach
setzten sich meine verstandesmäßigen Erkenntnisse
in die entsprechenden Gefühle um.
Aus der verstandesmäßigen Erkenntnis,
dass es keinen Grund gab,
sich von Jesu Höllendrohungen beunruhigen zu lassen,
entwickelte sich nach und nach die gefühlsmäßige Reaktion,
dass ich mich nicht mehr beunruhigt fühlte.

 
Fazit:
Mit dem Slogan „Und wenn es ihn doch gibt...“
mag es Christen gelegentlich gelingen,
Verunsicherung hervorzurufen.

Aber diese Verunsicherung beruht vor allem auf Psychologie.
Auf der Ebene der Argumente
haben Agnostiker und Atheisten diesem Slogan genug entgegenzusetzen.

Und was die Gefühle angeht:

Erstens mag ein Gefühl der Angst
zwar ein Motiv sein, sich mit bestimmten Aussagen zu beschäftigen.
Es ist damit aber nicht unbedingt ein Grund,
etwas glauben zu wollen, was man nicht für wahr hält.
Nicht jeder ist bereit, sich etwas in die Tasche zu lügen;
denn wer sich selbst belügt, macht sich zum Belogenen.

Und zweitens beruht dies Gefühl der Angst
zu einem großen Teil auf Gewöhnung.
Man kann sich daran gewöhnen,
bestimmte Vorstellungen wichtig zu nehmen,
wenn man einmal daran geglaubt hat
und sie wichtig genommen hat.
Man kann es sich aber auch wieder abgewöhnen.
Wenn man sich klarmacht,
dass die Höllenvorstellungen Jesu
bei Lichte besehen nicht mehr Beachtung verdienen
als irgendwelche anderen Vorstellungen,
die irgendwann einem Menschenhirn entsprungen sind.

 
Differenzierender Atheismus – starker Atheismus

Lange Zeit habe ich meine Auffassungen
als einen „differenzierenden Atheismus“ beschrieben.
Und nach wie vor halte ich es für richtig,
zwischen verschiedenen Gottesvorstellungen zu differenzieren.
Und zwar sowohl dann, wenn man sich als „Atheist“ versteht,
als auch dann, wenn man sich als „Agnostiker“ versteht.

Aber ist das ein Grund,
sich von einem starken Atheismus zu distanzieren?

Sind es wirklich nur einige wenige, sehr spezielle Gottesvorstellungen,
für die die Überzeugung gerechtfertigt ist,
dass es einen Gott dieser Art nicht gibt?
Oder kann diese Überzeugung
für einen größeren Bereich an Gottesvorstellungen gerechtfertigt werden?
Wenn dieser Bereich groß genug ist,
um im Wesentlichen all das zu umfassen,
was im allgemeinen Sprachgebrauch unter einem „Gott“ verstanden wird,
dann hat es seine Berechtigung,
wenn der starke Atheist die Überzeugung vertritt: „Es gibt keinen Gott.“

 
Für eine Diskussion der Frage nach der Wahrheit dieser Aussage
ist zuerst eine genauere Bestimmung ihrer Bedeutung erforderlich.
Der Hinweis auf den allgemeinen Sprachgebrauch ist viel zu vage,
um zu bestimmen, welche Arten von Göttern eigentlich gemeint sind,
wenn der starke Atheist sagt: „Es gibt keinen Gott“.

Es gilt, einen Gottesbegriff zu finden,
der geeignet ist, dieser Aussage zugrunde gelegt zu werden.

Dieser Gottesbegriff
sollte weder zu eng noch zu weit sein.

Nicht zu eng:
Wollte der starke Atheist lediglich sagen,
dass es den Gott der Bibel nicht gibt
und/oder jenen Gott, der zugleich allmächtig und sehr gütig sein soll,
dann würde man ihm zu Recht vorhalten,
dass man den Satz „Es gibt keinen Gott“ gewöhnlich anders versteht:
nämlich so, dass damit auch noch andere Götter gemeint sind,
wie z. B. Baal, Zeus oder Krishna.

Nicht zu weit:
Es wäre unklug, wollte der starke Atheist
in seine Behauptung „Es gibt keinen Gott“
auch pantheistische und verwandte Gottesvorstellungen einbeziehen,
Vorstellungen, in denen „Gott“
mehr oder weniger mit der Welt gleichgesetzt wird
oder mit Teilen oder Aspekten der Welt.
Das würde ihm nichts einbringen außer Problemen:
Erstens sind einige dieser „Götter“ so definiert, dass sie existieren –
und zweitens lenken sie nur ab
von dem, worum es dem starken Atheisten geht,
wenn er die Überzeugung vertritt: „Es gibt keinen Gott.“

Schließlich ist Vorsicht geboten
bei allzu abstrakten Gottesvorstellungen.
Bei Begriffen wie z. B. „höhere Macht“
ist keineswegs klar, was eigentlich damit gemeint sein soll;
sie lassen die Möglichkeit von Interpretationen offen,
bei denen beispielsweise diese „höhere Macht“
nach pantheistischer Art
mit Naturgesetzen, mit Strukturen des Universums gleichgesetzt wird.

Unter Berücksichtigung dieser Anforderungen
formuliere ich folgenden Gottesbegriff:

Definition:
A ist ein Gott
dann und nur dann, wenn für A gilt:

        A verfügt über starke übernatürliche Kräfte, und

        A ist imstande, zielorientiert zu entscheiden und zu handeln
und aktiv seine Absichten zu verfolgen.

Dass ein Gottesbegriff von etwa dieser Art zugrunde liegt,
wenn der starke Atheist sagt: „Es gibt keinen Gott“,
davon werde ich im Folgenden ausgehen.

 
„Die Existenz eines Gottes
lässt sich weder beweisen noch widerlegen“
,
argumentieren Kritiker des starken Atheismus.

Das stimmt in einem gewissen Sinne.
Nicht für jede Vorstellung von Gott
lässt sich der Beweis der Nichtexistenz
in der gleichen Weise führen
wie für jenen Gott der traditionellen christlichen Lehren,
der allmächtig und zugleich sehr gütig sein soll.
Nicht jede Vorstellung von Gott
enthält Annahmen über Gott,
aus denen sich Schlussfolgerungen über unsere Welt herleiten ließen,
die leicht zu überprüfen und zu widerlegen wären.

Beispielsweise lässt sich aus der Annahme,
es gebe einen allmächtigen Gott,
überhaupt nichts über unsere Welt herleiten.
Ein allmächtiger Gott könnte genau den Zustand der Welt gewollt haben,
den wir vorfinden.
Man mag es unplausibel finden,
dass ein allmächtiger Gott ein solches Chaos gewollt haben könnte –
aber wer sagt, dass ein allmächtiger Gott ordnungsliebend sein müsste?
Das wäre eine zusätzliche Annahme über Gott,
aus der Allmacht allein lässt sich das nicht herleiten.

 
„Das Fehlen von Beweisen für die Existenz
ist kein Beweis für die Nichtexistenz“
,
argumentieren die Kritiker des starken Atheismus weiter.

Das stimmt auch –
die Frage ist nur, ob diesem Argument
nicht zu viel Bedeutung beigemessen wird.

Das fragte ich mich immer öfter,
je öfter ich dies Argument hörte oder las.
Kritisiert man denn einen Physiker für die Überzeugung,
dass es kein Perpetuum mobile gibt?
Auch dafür gibt es in einem gewissen Sinne keinen Beweis.

Es ist zwar eine Schlussfolgerung aus einem Naturgesetz,
dem Gesetz von der Erhaltung der Energie –
aber in einem gewissen Sinne
gibt es für ein Naturgesetz von dieser Allgemeinheit
niemals einen Beweis.

„Naturgesetze“, das sind Theorien allgemeiner Art.
Solche Theorien kann man durch Experimente überprüfen,
bei denen man feststellt,
ob die Ergebnisse, die man aus der Theorie hergeleitet hat,
tatsächlich eintreten.
Treten sie nicht ein (und hat man keinen Fehler gemacht),
dann hat man die Theorie widerlegt.
Treten die Ergebnisse ein,
dann heißt das für die Theorie jedoch nur, dass sie sich „bewährt“ hat;
„bewiesen“ ist sie damit noch nicht,
und „beweisen“ lässt sie sich auf diese Weise auch nicht.
Man kann eine Theorie allgemeiner Art
noch so oft überprüft haben,
man hat niemals einen Beweis dafür,
dass es keine Ausnahmen gibt,
auf die man nur noch nicht gestoßen ist.

Trotzdem haben wir immer wieder großes Vertrauen
in die Gültigkeit der Naturgesetze.

Im Vertrauen darauf
verurteilt ein Richter einen Angeklagten,
wegen Überschreitung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit,
wenn der Sachverständige aus den vorgefundenen Bremsspuren
den Schluss zieht,
dass die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h
um mindestens 40 km/h überschritten wurde.
Es wäre höchst erstaunlich,
würde der Richter den Angeklagten freisprechen
nach dem Grundsatz „Im Zweifelsfalle zugunsten des Angeklagten“,
weil er Zweifel hätte,
ob nicht eine Ausnahme von den Naturgesetzen vorliegt,
durch die bei einer Bremsung aus 30 km/h
Bremsspuren entstanden sein könnten,
wie sie sonst nur bei einer Bremsung aus mindestens 70 km/h entstehen.

Unser Vertrauen in die Gültigkeit der Naturgesetze
ist groß genug, dass wir bereit sind, unser Leben darauf zu wetten.
Beispielsweise, indem wir ein Flugzeug benutzen.
Wenn wir uns überhaupt Sorgen darüber machen,
dass das Flugzeug abstürzen könnte,
dann denken wir an menschliches Versagen
oder an technisches Versagen,
vielleicht auch an ungewöhnliche Wetterphänomene
oder an Vulkanaschepartikel oder an sonstige natürliche Ursachen –
aber gewiss nicht daran,
dass eine Ausnahme von den Naturgesetzen
zu einem Absturz führen könnte.

Dies Vertrauen in die Gültigkeit der Naturgesetze ist berechtigt.
Die Naturgesetze sind so gründlich überprüft worden
wie sonst kaum irgendetwas,
und immer wieder haben sie sich dabei bewährt.
Deshalb gehen wir in aller Regel zu Recht davon aus,
dass die Wahrscheinlichkeit einer Ausnahme von den Naturgesetzen
außerordentlich gering ist,
weit geringer jedenfalls als die Wahrscheinlichkeit,
dass Menschen sich irren oder lügen.

So haben Physiker gute Gründe für die Überzeugung,
dass es kein Perpetuum mobile gibt.

 
Gilt Ähnliches für die Nichtexistenz Gottes?
Der Philosoph Bernulf Kanitscheider sieht es so.
In einem Interview mit Spektrum der Wissenschaft erklärte er:

„Der Agnostizismus entspricht aber nicht der üblichen Methodologie. Wenn man in der Naturwissenschaft unsicher ist, ob ein bestimmtes Objekt X existiert, dann forstet man alle theoretischen und empirischen Momente durch,
die dafür sprechen, und prüft die Frage:
Gibt es Indikatoren dafür, daß X existiert?
Wenn danach nichts übrigbleibt,
man kein empirisches Moment gefunden,
auch kein Theorem, daß dafür spricht,
dann sagt man nicht, es liege eine Patt-Situation vor:
Es sei genauso wahrscheinlich,
daß dieses X existiert, wie daß es nicht existiert.
Sondern, wenn man ehrlich ist, sagt man:
Es gibt zwar die logische Möglichkeit, daß X existiert
,
aber nach all dem, was wir wissen, existiert X nicht.“

Spektrum:
„Würden Sie also sagen, ein konsequenter Atheismus
wäre ehrlicher als ein Agnostizismus?“

Kanitscheider:
„Ja. Methodisch gehen wir in der Wissenschaft genauso vor.“
      (Es hat keinen Sinn, die Grenzen zu verwischen Disclaimer
      aus Spektrum der Wissenschaft, 11 / 1999;
      der Link führt zum Anfang des Interviews)

Gegen diese Argumentation wird gelegentlich eingewandt:
Unsere Überzeugung von der Gültigkeit der Naturgesetze,
also unter anderem von der Nichtexistenz eines Perpetuum mobile,
sei zwar für einen bestimmten Bereich wohlbegründet,
nämlich in jenem Bereich, der unserer Erfahrung zugänglich ist –
aber Gott würde einem ganz anderen Bereich angehören,
einem Bereich, der unserer Erfahrung unzugänglich sei
und auf den wir das,
was wir im Bereich unserer Erfahrungen herausgefunden haben,
nicht einfach übertragen könnten.

Einen „Bereich, der unserer Erfahrung nicht zugänglich ist“
wird man tatsächlich bemühen müssen,
wenn man der Möglichkeit,
dass es einen Gott im Sinne meiner obigen Definition geben könnte,
ein gewisses Maß an Plausibilität verschaffen will.
Denn im Bereich unserer Erfahrungen fehlt es an Indikatoren dafür,
an wirklich ernstzunehmenden Hinweisen darauf,
dass ein Gott dieser Art existieren könnte.

Bleibt jener „Bereich, der unserer Erfahrung nicht zugänglich ist“.
Wer mit einem solchen Bereich argumentiert,
stützt sich freilich auf eine „Ad-hoc-Annahme“ –
ein Begriff, den Norbert Hoerster folgendermaßen erläutert:

Unter einer Ad hoc-Annahme verstehe ich eine Annahme,
die allein zu dem Zweck gemacht wird,
dass die durch sie gestützte These gerettet werden soll,
eine Annahme also, die unabhängig von dieser Funktion
als völlig willkürlich erscheinen muss.
     
(Unlösbarkeit des Theodizee-Problems Disclaimer,
      gespeichert am 10.6.2005,
      jetzt
hier Disclaimer zu finden


Die Annahme eines „Bereichs, der unserer Erfahrung nicht zugänglich ist“
kann immer ad hoc eingeführt werden,
wenn man die Möglichkeit der Existenz von irgendetwas retten will,
was es unserer Erfahrung nach nicht gibt –
sei es die Existenz einer Zahnfee,
sei es die Existenz von Eier bringenden hasenähnlichen Wesen,
sei es die Existenz eines Gottes im Sinne meiner obigen Definition.

Dass Ad-hoc-Annahmen dieser Art wahr sein könnten –
dass etwas ganz anders sein könnte,
als es unserer Erfahrung nach zu erwarten ist –
das kann man nicht mit absoluter Gewissheit ausschließen.
Aber ob man viel darauf geben soll,
ob man etwas deshalb im Ernst für möglich halten soll,
ist eine andere Frage.

 
Wie man mit einem solchen Befund am besten umgeht,
dafür ist mir die philosophische Richtung des Kritischen Rationalismus
eine große Hilfe geworden.
Ein wichtiger Aspekt dieser philosophischen Richtung
ist der konsequente Fallibilismus,
d. h. die Auffassung,
dass wir unseren Erkenntnissen
niemals Unfehlbarkeit zuschreiben können;
dass vielmehr alle unsere Erkenntnisse
in einem bestimmten Sinne den Charakter von Hypothesen haben,
nämlich dass sie kritisch überprüft werden können
und auf diese Weise prinzipiell revidierbar sind.

Dass nichts absolut gewiss ist,
das bedeutet nicht, dass alles gleich unsicher wäre.
Vielmehr bietet die kritische Überprüfung unserer Hypothesen
uns die Möglichkeit zu Fortschritten in unserer Erkenntnis,
und durchaus auch die Möglichkeit,
zu festen Überzeugungen zu gelangen. 8

„Feste Überzeugungen“,
darunter verstehe ich Ansichten,
von denen jemand meint, sie seien gründlich genug überprüft worden,
dass er davon ausgehen kann, dass er sie nicht zu revidieren braucht,
solange nicht unerwartet
sehr starke Argumente auftauchen,
durch die diese Ansichten in Frage gestellt werden.

Überzeugungen gewinnt der Mensch am besten,
indem er sich an dem orientiert, was ihm bekannt wird:
durch eigene Erfahrungen
oder aufgrund von Erfahrungen anderer Menschen,
durch Zufall oder durch eine mehr oder weniger systematische Suche.
Die Anhaltspunkte zu seiner Orientierung
gewinnt der Mensch so aus Bereichen,
die seiner Erfahrung zugänglich sind.

Bessere Orientierungsmöglichkeiten kann der Mensch nicht finden.
Versuche, sich an Bereichen zu orientieren,
die menschlicher Erfahrung nicht zugänglich sind,
führen nur zu haltlosen Spekulationen,
aber nicht zu einem Gewinn an Erkenntnissen.

Wichtige Erkenntnisse verdanken wir der Kühnheit,
von der vergleichsweise schmalen Basis
von Beobachtungen im Bereich menschlicher Erfahrungen
zu Theorien von bemerkenswerter Allgemeinheit fortzuschreiten.
Wie beispielsweise zum Satz von der Erhaltung der Energie.

Wenn wir diese allgemeinen Theorien
sehr gründlich überprüft und immer wieder bewährt gefunden haben,
dann haben wir stärkere Gründe,
von ihrer Gültigkeit überzeugt zu sein,
als in so manchen Fällen,
in denen wir etwas mit eigenen Augen gesehen zu haben meinen.

So kann es starke Gründe geben für die Überzeugung,
dass es ein bestimmtes X nicht gibt:
nämlich dann,
wenn wir eine gründlich überprüfte und bewährte Theorie haben,
nach der es dieses X gar nicht geben kann.

Beispielsweise sprechen starke Gründe für die Überzeugung,
dass es kein Perpetuum mobile gibt,
weil der Satz von der Erhaltung der Energie
die Existenz eines Perpetuum mobile ausschließt.

  
Wenn es um die Existenz von Göttern geht,
dann sehe ich die erkenntnistheoretische Situation
als nicht grundsätzlich anders an.

Wenn es heißt, dass Gott einem Bereich angehöre,
„der unserer Erfahrung nicht zugänglich ist“,
dann sehe ich darin ein Ad-hoc-Argument,
das keinen großen Unterschied macht.
Ebenso könnte jemand das Ad-hoc-Argument einführen,
dass es ein Perpetuum mobile geben könnte
in einem „Bereich, der unserer Erfahrung nicht zugänglich ist“.
Ad-hoc-Argumente dieser Art
laufen auf nichts anderes hinaus
als auf etwas, das für den kritischen Rationalisten
ohnehin ein grundlegender Bestandteil seiner Weltsicht ist:
nämlich, dass unseren Erkenntnissen niemals Unfehlbarkeit zukommt.

Aus dieser Sicht ergibt der Vergleich
zwischen der Überzeugung, dass es keinen allmächtigen Gott gibt,
und der Überzeugung, dass es kein Perpetuum mobile gibt,
dass die erstere Überzeugung
mindestens so gut begründet ist wie die letztere.
Denn wenn es einen allmächtigen Gott gäbe,
dann müsste er unbegrenzt Energie erschaffen und abgeben können,
folglich wäre er ein Perpetuum mobile –
wenn es jedoch kein Perpetuum mobile gibt,
dann gibt es logischerweise auch keinen allmächtigen Gott.

 
Wenn es, statt um einen allmächtigen Gott,
„nur“ um einen Gott im Sinne meiner obigen Definition geht,
dann ist die Sache nicht ganz so eindeutig.
Ausformulierte Naturgesetze,
wie der Satz von der Erhaltung der Energie,
erlauben recht präzise Aussagen darüber,
welche Beobachtungen im Falle ihrer Gültigkeit möglich sind
und welche nicht.
Daher können Überprüfungen der Gültigkeit solcher Naturgesetze
zu eindeutigeren Ergebnissen führen
als Überprüfungen von Aussagen der Art:
„Es gibt keine übernatürlichen Kräfte.“

Immerhin lässt sich jedoch feststellen,
dass Versuche, das Wirken von übernatürlichen Kräften aufzuzeigen,
immer wieder gescheitert sind.
Und je mehr naturwissenschaftliche Erkenntnisse wir gewinnen,
um so mehr stellen wir fest,
wie vieles, was in vergangenen Jahrhunderten noch rätselhaft erschien,
sich auf natürliche Weise erklären lässt.

Beispielsweise können wir heute die riesigen Mengen an Energie,
die unsere Sonne abgibt, durch die Kernfusion erklären;
wir brauchen keine übernatürliche Quelle dieser Energie anzunehmen.
Beispielsweise können wir heute die Entstehung der Lebewesen,
mit all ihrer Komplexität und weitgehend zweckmäßigen Beschaffenheit,
durch eine Evolution erklären,
die durch Selektion gesteuert wurde und wird.
Schließlich, was das Universum als Ganzes angeht,
so liefert auch dessen Existenz
kein Argument für die Annahme von übernatürlichen Kräften,
wie aus Darlegungen des Physikers Victor J. Stenger hervorgeht. 9

 
Nach meiner Einschätzung sind das Gründe genug,
um von der Nichtexistenz von übernatürlichen Kräften
ebenso überzeugt zu sein
wie von der Gültigkeit einer gründlich überprüften und bewährten
wissenschaftlichen Theorie.

Aus meiner Sicht rechtfertigt das die Überzeugung,
dass es einen Gott im Sinne meiner obigen Definition –
der ja über starke übernatürliche Kräfte verfügen müsste –
nicht gibt.

In diesem Sinne bezeichne ich mich heute als „starke Atheistin“.

Und sollte mich jemand fragen:
„Könnte es nicht sein, dass es Gott wider Erwarten doch gibt?“,
dann antworte ich:

Ich bin Anhängerin des Kritischen Rationalismus.
So stehen meine Überzeugungen
generell unter dem Vorbehalt des Fallibilismus.

Das heißt, dass ich nie mit absoluter Sicherheit ausschließen kann,
dass wider Erwarten etwas eintreten könnte,
was im Widerspruch steht zu einer meiner Überzeugungen.

Das gilt für Überzeugungen der verschiedensten Art.
Es ist keine Besonderheit meiner Überzeugung
von der Nichtexistenz Gottes.

Braunschweig, den 26. Juni 2011

Irene Nickel

_________________________________________________________
 

1 Der Begriff eines Atheismus, der nicht gleichzusetzen wäre
mit der Überzeugung, dass es keinen Gott gibt,
war damals zwar weithin unbekannt, aber keineswegs neu.
Schon Ludwig Feuerbach (1804–1872) schrieb:

„Wer von mir nichts weiter sagt und weiß als: Ich bin ein Atheist,
der sagt und weiß von mir soviel wie nichts.
Die Frage, ob ein Gott ist oder nicht ist,
der Gegensatz von Theismus und Atheismus,
gehört dem achtzehnten und siebzehnten,
aber nicht dem neunzehnten Jahrhundert an.
Ich negiere Gott, das heißt bei mir:
Ich negiere die Negation des Menschen,
ich setze an die Stelle der illusorischen, phantastischen, himmlischen Position des Menschen,
welche im wirklichen Leben notwendig zur Negation des Menschen wird,
die sinnliche, wirkliche, folglich auch politische und soziale Position des Menschen.
Die Frage nach dem Sein oder Nichtsein Gottes
ist eben bei mir nur die Frage
nach dem Sein oder Nichtsein des Menschen.“
      (zitiert nach Offenheit statt Offenbarung Disclaimer
      von Dr. Michael Schmidt-Salomon;
      Quellenangabe dort:
      Vorwort zum Band I von Feuerbachs Sämtlichen Werken,
      aus Feuerbach: Gesammelte Werke. Bd.10.
      Herausgegeben von W. Schuffenhauer.
Berlin 1971, S.189)
 

2 Diese Kritik äußerte schon der Philosoph Arthur Schopenhauer
im 19. Jahrhundert:

„... daher Pantheismus nur eine Euphemie für Atheismus ist. ...

Ein unpersönlicher Gott ist gar kein Gott,
sondern bloß ein mißbrauchtes Wort,
ein Unbegriff, eine contradictio in adjecto [Widersinnigkeit],
ein Schiboleth für Philosophieprofessoren,
welche, nachdem sie die Sache haben aufgeben müssen,
mit dem Worte durchzuschleichen bemüht sind“
      (Arthur Schopenhauer, Parerga und Paralipomena I,
    
 Kapitel Fragmente zur Geschichte der Philosophie,
      § 13 Noch einige Erläuterungen zur Kantischen Philosophie
,
      S. 130 f im Diogenes-Taschenbuch, ISBN 3-257-20427-2)
 

3 Dabei hatte Dr. Joachim Kahl nicht allzu viel Anlass,
vom hohen Ross aus solche Grobheiten auszuteilen:
Ließ er selbst sich doch Äußerungen durchgehen,
hinter die man durchaus ein Fragezeichen setzen könnte,
wie beispielsweise diese:
„Die Welt … besteht aus sich selber, ungeworden und unvergänglich …“      (Hervorhebung I. N.)
Das in einer Zeit, in der längst die Urknall-Theorie diskutiert wurde.
Es war sogar schon kurz zuvor, im Jahre 1965,
die kosmische Mikrowellen-Hintergrundstrahlung entdeckt worden,
womit das Ende aller Steady-State-Theorien des Universums eingeläutet war.

Und wenn Dr. Michael Schmidt-Salomon erklärt,
allein der Agnostizismus biete
„die wirkliche, menschliche Alternative zur Religion“,
„die erkenntnistheoretische Basis jedes ernstgemeinten Humanismus“,
dann sehe ich darin
einen Alleinvertretungsanspruch des Agnostizismus,
eine Abwertung der Argumentationsgrundlagen von Andersdenkenden,
die mich wunder nehmen.
Wo bleibt da die – in demselben Aufsatz geforderte –
„Akzeptanz der Gleichwertigkeit der Argumentationsgrundlagen“?
 

4 gepostet von einem Benutzer mit Nicknamen diogenes;
hier sichtbar
 Disclaimer nur für angemeldete Benutzer
des Unterforums Ethik
 

5 mehr zur atheistischen Buskampagne
unter www.buskampagne.de
 Disclaimer
und im Humanistischen Pressedienst (hpd),
 Disclaimer
sowie andererseits www.tour.gottkennen.de/.
 Disclaimer
 

6 Jüngere christlich erzogene Menschen haben vielleicht seltener von dieser Lehre gehört, oder nur in einer weniger strikten Form.

Sogar im Katechismus der Katholischen Kirche gibt es eine gewisse Aufweichung. Es heißt zwar immer noch:
„Darum können jene Menschen nicht gerettet werden, die sehr wohl wissen, daß die katholische Kirche von Gott durch Jesus Christus als eine notwendige gegründet wurde, jedoch nicht in sie eintreten oder in ihr ausharren wollen“ (Nr. 846);
aber es wird eingeschränkt:
„Diese Feststellung bezieht sich nicht auf solche, die ohne ihre Schuld Christus und seine Kirche nicht kennen:
‚Wer nämlich das Evangelium Christi und seine Kirche ohne Schuld nicht kennt, Gott jedoch aufrichtigen Herzens sucht und seinen durch den Anruf des Gewissens erkannten Willen unter dem Einfluß der Gnade in den Taten zu erfüllen versucht, kann das ewige Heil erlangen’“ (Nr. 847)
diese Einschränkung hilft aber demjenigen wenig,
der nicht von sich sagen kann, er würde „das Evangelium Christi“ nicht kennen, und auch nicht, er würde „Gott aufrichtigen Herzens suchen“.
Ihm gegenüber zeigt sich die Katholische Kirche so erbarmungslos wie eh und je, im Einklang mit der erbarmungslosen Lehre Jesu:
„Jesus spricht öfters von der „Gehenna“ des „unauslöschlichen Feuers“
[Vgl. Mt 5,22. 29; 13, 42. 50; Mk 9,43-48], die für jene bestimmt ist,
die bis zum Ende ihres Lebens sich weigern, zu glauben und sich zu bekehren, und wohin zugleich Seele und Leib ins Verderben geraten können [Vgl. Mt 10,28].   (Nr. 1034 im Katechismus)

Auch auf den Seiten der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)
sind noch markige Sprüche veröffentlicht,
beispielsweise im Augsburger Bekenntnis:
 Disclaimer
„ARTIKEL 17: VON DER WIEDERKUNFT CHRISTI ZUM GERICHT
Auch wird gelehrt, daß unser Herr Jesus Christus am Jüngsten Tag kommen wird, um zu richten und alle Toten aufzuerwecken, den Gläubigen und Auserwählten ewiges Leben und ewige Freude zu geben, die gottlosen Menschen aber und die Teufel in die Hölle und zur ewigen Strafe verdammen wird.
Deshalb werden die verworfen, die lehren, daß die Teufel und die verdammten Menschen nicht ewige Pein und Qual haben werden.“
(noch gefunden am 26.6.2011)
Zwar heißt es auf den Seiten derselben Kirche auch,
der Rat der EKD habe einen Vorschlag zurückgewiesen,
das Augsburger Bekenntnis zum Grundbekenntnis der EKD zu machen. (Pressemitteilung vom 28.9.2009
 Disclaimer),
und auf Nachfrage kann erfahren, dass bestimmte Inhalte
so heute nicht mehr vertreten würden –
aber wer weiß so etwas schon, vor allem unter älteren Ex-Christen?
 

7 Der Ausdruck „Doublethink“ stammt aus dem Original des Romans 1984 von George Orwell und bezeichnet eine Art zu denken, bei der ein Widerspruch zwischen zwei Überzeugungen kein Hindernis ist, beide zugleich zu akzeptieren und daran festzuhalten.
 

8 Hans Albert, einer der Begründer des Kritischen Rationalismus,
nannte es eine „seltsame Vorstellung“,
„man könne nur dann eine feste Überzeugung haben,
wenn man nicht bereit sei, die betreffenden Auffassungen
kritischer Prüfung auszusetzen.“
 

9 Victor J. Stenger erklärt in seinem 2007 erschienen Buch
        
God the Failed Hypothesis.
         How Science Shows That God Does Not Exist
im Kapitel „THE ORIGIN” ab S. 125 Folgendes:
Es sei eine Reihe von theoretischen Modellen publiziert worden,
nach denen unser Universum durch plausible natürliche Mechanismen entstanden sein könnte;
und zwar sowohl Modelle einer Entstehung „aus dem Nichts heraus“
als auch Modelle, nach denen unser Universum
aus einem vorangehenden Universum hervorgegangen sein könnte.
Stenger argumentiert:

„Von keinem dieser Modelle ist zur Zeit erwiesen,
dass es die Entstehungsweise des Universums exakt wiedergibt,
aber sie veranschaulichen, dass jede Argumentation
zugunsten der Existenz Gottes, die sich auf diese Lücke
in unserer naturwissenschaftlichen Erkenntnis stützt,
zum Scheitern verurteilt ist;
denn es können ja, im Rahmen des existierenden Wissens,
plausible natürliche Mechanismen angegeben werden.
[...]
Ich bestreite nicht, dass es in der Naturwissenschaft
hinsichtlich der exakten Entstehungsweise des Universums
noch eine Wissenslücke gibt. Aber ich bestreite sehr wohl,
dass uns damit jede Möglichkeit genommen wäre,
die Entstehung des Universums naturwissenschaftlich zu erklären.“      (Übersetzung von Irene Nickel)

Ein weiteres Argument führt Victor J. Stenger auf S. 129 an:

„Die Beobachtungen in der Kosmologie
sehen exakt so aus, wie das zu erwarten ist,
wenn es keinen Gott gibt.“
(Übersetzung von Irene Nickel)

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