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Die wichtigsten Argumente zum Theodizee-Problem

Irene Nickel

Ein Gott, allmächtig und sehr gütig –
zu schön, um wahr zu sein

Er steht im Mittelpunkt der traditionellen Glaubenslehren
von Juden, Christen und Muslimen:
ein Gott, von dem sie behaupten, er sei allmächtig und sehr gütig.

Aber – warum gibt es dann so viel Elend in der Welt? So viel Hunger, so viel Krieg, so viel Krankheit, so viel Schmerz? Warum geht es so vielen Menschen so erbärmlich schlecht? Wo bleibt die Hilfe Gottes?

Das sind schwierige Fragen für Menschen, die an einen allmächtigen und sehr gütigen Gott glauben. Wie schwierig, das wurde schon
in der Antike klar erkannt und beschrieben. 1 Die wesentlichen Punkte:

Warum gibt es all die Übel in der Welt?
Kann Gott sie nicht beseitigen? – Dann ist er nicht allmächtig.
Will Gott sie nicht beseitigen? – Dann ist er nicht gütig.
Kann und will er es? – Warum sind dann Übel da?
Warum beseitigt er sie nicht?
Warum hat er sie nicht längst beseitigt?
Warum hat er es überhaupt dazu kommen lassen,
dass Übel entstehen?

Ein weiterer Punkt könnte hinzugesellt werden:

Weiß Gott nichts von den Übeln in der Welt?
Unternimmt er deshalb so wenig dagegen? –
Dann ist Gott unwissend.

Viel zu unwissend,
um der Gott der Juden, der Christen oder der Muslime zu sein.
Viel zu unwissend,
um ein vollkommener Gott zu sein.

So hat die letzte Antwortmöglichkeit wenig Beachtung gefunden.
Wer hätte auch ein Interesse daran gehabt,
die Vorstellung von einem derart unwissenden Gott zu verteidigen?

Im Folgenden werde ich diese Möglichkeit beiseite lassen.
Ich werde davon ausgehen, dass mit „Gott“ stets ein Wesen gemeint ist,
das recht gut weiß, wie es zugeht in unserer Welt.

Damit bleiben die ursprünglichen Fragen
nach der angeblichen Allmacht und Güte Gottes.

Einige seiner Antwortmöglichkeiten – dass Gott vielleicht nicht allmächtig sei oder nicht gütig – sind unvereinbar mit den traditionellen Lehren von Juden, Christen und Muslimen. Anhänger dieser Lehren stehen vor schwierigen Fragen:

Warum in aller Welt sollte ein gütiger Gott es für richtig halten,
bei so viel Elend tatenlos zuzusehen?
Gibt es darauf eine vernünftige Antwort?

Und wenn nicht –
geht man dann vielleicht von falschen Voraussetzungen aus?
Stimmt dann vielleicht etwas nicht
an der Lehre vom allmächtigen und sehr gütigen Gott?
 

Es geht um eine Lehre, die vielen Juden, Christen und Muslimen viel bedeutet. Entsprechendes Interesse haben sie daran, diese Lehre gegen den Einwand zu verteidigen, all das Leiden in dieser Welt sei der Gegenbeweis.

Allerdings, eine überzeugende Erwiderung auf diesen Einwand zu finden, das erwies sich als schwierig, wenn nicht unmöglich.

Das Problem zog einiges an Aufmerksamkeit auf sich. So viel, dass es sogar einen besonderen Namen bekam: Das Theodizee-Problem. So nennt man es, seit der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz den Begriff der „Theodizee“ prägte, der „Rechtfertigung der Güte Gottes angesichts des Leids in einer von IHM abhängigen Welt“.

 

Am Theodizee-Problem scheiden sich die Geister

Das Theodizee-Problem hat die unterschiedlichsten Reaktionen ausgelöst.

Die eine Möglichkeit:

Die Absage an die Lehre vom allmächtigen und sehr gütigen Gott

Die andere Möglichkeit:

Der Versuch, diese Lehre zu verteidigen

Eine Reihe von Verteidigungsstrategien ist dabei zum Einsatz gekommen:

       Einige Gläubige suchten nach Gründen, aus denen ein allmächtiger und gütiger Gott wollen könnte,
dass diese Welt so ist, wie sie eben ist.
Der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz erklärte,
diese Welt sei so, wie sie ist, „die beste aller möglichen Welten“.

       Einige Gläubige vertreten die These, die Leiden der Menschen in dieser Welt seien ohne Bedeutung.

       Einige Gläubige scheinen zu meinen, Angriff wäre die beste Verteidigung. Auf Fragen nach dem Theodizee-Problem reagieren sie mit dem Vorwurf der Anmaßung.

       Einige Gläubige erklären, eine Lösung des Theodizee-Problems sei nicht erforderlich, um den Glauben an einen allmächtigen und sehr gütigen Gott für vertretbar zu halten.

 

Absage an die Lehre
vom allmächtigen und sehr gütigen Gott

Das Theodizee-Problem ist nicht für jeden Menschen ein Problem. Wer nicht an einen allmächtigen und sehr gütigen Gott glaubt – oder bereit ist, diesen Glauben aufzugeben – der kann eine einleuchtende Antwort finden auf die Frage: „Warum ist es möglich, dass so viele Menschen so sehr leiden und keine Hilfe erhalten?“

Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten:

Vielleicht ist Gott nicht allmächtig

Dann kann Gott den Leidenden vielleicht nicht mehr Hilfe bringen.

Für einige Christen hat diese Möglichkeit den Charme, dass sie weiter an einen sehr gütigen Gott glauben können. An einen liebenswerten Gott, der ihren emotionalen Bedürfnissen entgegenkommt, ihrem Wunsch, verstanden, akzeptiert und geliebt zu werden.

Freilich setzt sich ein Christ damit in Widerspruch zur Bibel und auch zum Apostolischen Glaubensbekenntnis, wo behauptet wird, dass Gott allmächtig sei. Trotzdem hat es Christen gegeben, die sich von dieser Vorstellung ausdrücklich distanziert haben. Die evangelische Theologin Dorothee Sölle (1929-2003) schrieb: „...und denke eigentlich jetzt, dass ich mit jüdischen und feministischen Theologen und Theologinnen zusammen immer kritischer gegen die Vorstellung dieses Allmachtspotentaten geworden bin“, und: „Gott hat keine anderen Hände als unsere.“

Andere Christen denken nicht so konsequent. Es kommt vor, dass Christen beteuern, sie würden an einen allmächtigen Gott glauben – aber wenn es darum geht, zu einer konkreten Situation etwas zu sagen, dann reden sie, als wenn sie seine Macht für einigermaßen begrenzt halten.

Dann sagen sie beispielsweise zum Tod eines Kindes:
„Gott wird sich schon etwas dabei gedacht haben.
Wer weiß, welches schlimme Schicksal dem Kind erspart geblieben ist!“

Das ergibt nur dann einen Sinn, wenn dieser Gott
nur zwischen diesen beiden Möglichkeiten die Wahl gehabt hätte:
zwischen dem frühen Tod und dem schlimmen Schicksal.
Es ergibt nur dann einen Sinn, wenn dieser Gott außerstande gewesen wäre, das Kind am Leben zu erhalten und das schlimme Schicksal abzuwenden. Es ergibt nur dann einen Sinn, wenn dieser Gott nicht allmächtig ist.

Nur in der Theorie
bekennen sich einige Christen noch zu einem allmächtigen Gott.
In der Praxis ihres Denkens
haben sie sich längst weit davon entfernt.

Vielleicht ist Gott nicht sehr gütig

Dann kann es sein, dass Gott gar nicht den Wunsch hat,
den Leidenden zu helfen. Auch das könnte erklären, warum er nicht hilft.

Vielleicht ist Gott weder allmächtig noch sehr gütig

Abstriche an der Macht Gottes und Abstriche an der Güte Gottes
können einander ergänzen.
Um das Ausbleiben der göttlichen Hilfe zu erklären,
braucht man weniger Abstriche an der Macht Gottes,
wenn man nicht auf sehr großer Güte beharrt.
Ebenso braucht man weniger Abstriche an der Güte Gottes,
wenn man nicht auf seiner Allmacht beharrt.

Vielleicht gibt es mehrere Götter

Dann gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, bei denen erklärlich wäre, warum göttliche Hilfe ausbleibt. Es könnte mächtige Götter geben, die nicht gütig genug wären, oder gütige Götter, die nicht mächtig genug wären; oder auch beide Arten von Göttern nebeneinander.

Vorstellungen von mehreren Göttern werden im Judentum, im Christentum und im Islam scharf abgelehnt; nach ihren Lehren gibt es nur einen Gott. Von einigen Gläubigen wird dies Dogma tatsächlich konsequent in ihr religiöses Leben umgesetzt.

Aber nicht von allen: Einige finden Schleichwege zu religiösen Vorstellungen mit mehreren Göttern. Der Trick besteht darin, dass man bestimmten Wesen Eigenschaften von Göttern zuschreibt, ohne sie als „Götter“ zu bezeichnen. Beispiele:

       Zwei mächtige Wesen, ein gutes und ein böses,
von denen (noch) keines allmächtig ist;
man nennt sie „Gott“ und „Teufel“.

       Eine allmächtige Gottheit von geringer Güte wird kombiniert mit einer gütigen Gottheit (oder auch mit mehreren):

       Ein allmächtiger Gott Vater wird kombiniert mit einer gütigen Mutter Gottes (und vielleicht auch mit weiteren gütigen Heiligen). In der katholischen Volksfrömmigkeit wird Maria vielfach wie eine Göttin verehrt, nur dass sie nicht so bezeichnet wird; das Gleiche gilt für eine Reihe von Heiligen.

       Wo eine derart intensive Heiligenverehrung abgelehnt wird, z. B. im Protestantismus, kann die Lehre von der Dreieinigkeit Gottes für eine Alternative genutzt werden: Gott Vater kann man sich als allmächtig vorstellen, Gott Sohn als gütig.

Vielleicht gibt es überhaupt keinen Gott

In diesem Fall ist völlig klar, dass kein Gott helfen kann.

Spricht irgendetwas
für eine bestimmte von diesen Möglichkeiten?

Das Theodizee-Problem liefert keinen zwingenden Grund, unter den verschiedenen Möglichkeiten, die von der Nicht-Existenz eines allmächtigen und sehr gütigen Gottes ausgehen, eine bestimmte auszuwählen.

Dennoch kann das Theodizee-Problem eine Rolle spielen,
wenn ein Mensch sich gegen den Glauben an Gott entscheidet.
Etwa aufgrund folgender Überlegung:

„Wenn es einen allmächtigen und sehr gütigen Gott nicht gibt, dann behaupten Thora, Bibel und Koran etwas Unwahres. Durch diese Falschaussage ist das Zeugnis von Thora, Bibel und Koran unglaubwürdig geworden. Ich habe keinen Grund, einer dieser Heiligen Schriften zu vertrauen und deshalb an Gott zu glauben. Auch sonst habe ich keinen triftigen Grund, an Gott zu glauben.“

 

  

Angeblich „die beste aller möglichen Welten“

Das ist eine kühne Behauptung, die der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz da aufgestellt hat: Diese Welt, mit all ihrem Leid und Schmerz, soll „die beste aller möglichen Welten“ sein?

Leibniz jedoch meinte, anders wäre es gar nicht möglich:

       Gottes unendliche Weisheit lasse ihn die beste unter allen möglichen Welten herausfinden,

       seine unendliche Güte lasse ihn diese beste Welt auswählen,

       und seine Allmacht lasse ihn diese beste Welt hervorbringen.

Logischerweise müsse die Welt, die Gott hervorgebracht hat – also die tatsächlich existierende Welt – „die beste aller möglichen Welten“ sein.

Nun, wenn die tatsächlich existierende Welt wirklich die beste aller möglichen Welten wäre, dann wäre es eine Erklärung dafür, dass ein allmächtiger und sehr gütiger Gott sich entschieden haben könnte, gerade diese Welt zu schaffen und keine andere. Dann wäre das Theodizee-Problem gelöst.

Es fehlte nur noch die Begründung, warum wir die tatsächlich existierende Welt – mit all ihrem Elend – für „die beste aller möglichen Welten“ halten sollten.

Gottes angebliche Weisheit, Güte und Allmacht
reichen da als Begründung nicht aus:
Wenn man Weisheit, Güte und Allmacht Gottes benutzt,
um daraus auf die beste Welt zu schließen,
und anschließend die beste Welt benutzt,
um daraus auf die Möglichkeit
von Weisheit, Güte und Allmacht Gottes zu schließen,
dann bekommt man am Ende nur etwas von dem wieder heraus,
was man am Anfang hineingesteckt hat.
So ein „Zirkelschluss“ beweist überhaupt nichts.

Das heißt:
Wenn man die Behauptung,
dass die tatsächliche Welt „die beste aller möglichen Welten“ sei,
benutzen will,
um auf die Möglichkeit von Weisheit, Güte und Allmacht Gottes zu schließen,
dann braucht man andere Begründungen für diese Behauptung.

Tatsächlich haben Leibniz und andere Philosophen und Theologen
eifrig nach Begründungen gesucht, warum man unsere Welt
für „die beste aller möglichen Welten“ halten könnte.
Dabei kam eine stattliche Sammlung von Argumenten zusammen.

Das kleinere Übel

Lebewesen leiden unter Hunger und Durst, unter Schmerzen und unter Angst vor dem Tode – dafür glaubten Leibniz und andere eine Erklärung zu haben: All das sei notwendig, um das Verhalten der Lebewesen in die richtigen Bahnen zu lenken. Um sie zu motivieren, sich ausreichend mit Nahrung und Wasser zu versorgen, sich nicht unnötig in Gefahr zu begeben und Verletzungen und Krankheiten zu behandeln. Das diene dem Schutze der Lebewesen vor ernsten Gesundheitsschäden und vor einem vorzeitigen Tod. Im Vergleich dazu seien Hunger und Durst, Schmerz und Angst das kleinere Übel.

Tatsächlich haben Hunger und Durst und Schmerz und Angst in vielen Fällen die Funktion, die Überlebenschancen zu verbessern. Das erklärt ihr Vorkommen bei Lebewesen, deren Evolution auf blindem Zufall (Mutationen) und auf einer unbarmherzigen Selektion beruht. Es erklärt Hunger und Durst und Schmerz und Angst in einer Welt ohne Gott.

In einer Welt ohne Gott ist es kein Grund zur Verwunderung, dass all die unangenehmen Gefühle auch da vorkommen, wo sie keine Funktion für das Überleben haben. Von der Evolution kann man keine Designer-Lebewesen erwarten, die perfekt an die Bedingungen ihrer Lebenswelt angepasst wären. Evolution kann immer nur aus den genetischen Möglichkeiten auswählen, die durch zufällige Mutationen entstanden sind. Bei dieser Auswahl kommt es nicht auf den Einzelfall an. Es können Eigenschaften ausgewählt werden, die in bestimmten Fällen ohne Wirkung auf das Überleben sind oder sogar von Nachteil – wenn nur insgesamt gesehen die Vorteile überwiegen.

In einer Welt, für die sich ein allmächtiger und gütiger Gott entschieden haben soll, ist jedoch in jedem Einzelfall die Frage: Wozu sollte das gut sein?

       Was nützt quälender Hunger, wenn es nichts zu essen gibt?

       Was nützt quälender Schmerz, wenn es keine Heilung gibt?

       Was nützt der Schmerz, der niemandem zur Warnung dienen kann, weil er nicht durch Fehlverhalten entstand?

       Was nützt der Schmerz, der durch erwünschtes Verhalten entstand, z. B. durch den Versuch, einen anderen Menschen zu retten?

Ein kleineres Übel kann gerechtfertigt sein, wenn es vor einem größeren Übel bewahrt – nicht jedoch, wenn es nicht davor bewahrt.

Außerdem ist ein Übel, auch ein kleineres Übel, nur dann gerechtfertigt, wenn es keine bessere Möglichkeit gibt. Hätte ein allmächtiger Gott nicht auf angenehmere Weise dafür sorgen können, dass Lebewesen sich richtig verhalten? Bei einigen Verhaltensweisen funktioniert das doch:

       Lebewesen atmen ganz von selbst,
sie brauchen dazu keine Angst vorm Ersticken.

       Lebewesen zeugen und empfangen aus Freude am Geschlechtsverkehr,
sie brauchen dazu keine Angst vor Kinderlosigkeit.

Die Notwendigkeit der Erhaltung von Leben und Gesundheit liefert also keineswegs in jedem Fall eine befriedigende Erklärung, warum ein gütiger Gott sich dafür entschieden haben könnte, dass Lebewesen leiden müssen.

Hängt alles zusammen?

Hätte ein allmächtiger und gütiger Gott nicht eine Welt ohne Leiden erschaffen können? Dazu erklärte Gottfried Wilhelm Leibniz:
„Was ich bestreite, ist, dass sie dann besser wäre.“
Er meinte, dass in jeder möglichen Welt alles miteinander in Verbindung stehe. Deshalb könnte man Übel wie Hunger oder Schmerz „nicht ausmerzen [...], ohne zu viel größeren Nachteilen zu gelangen.“

Wirklich? Steht wirklich alles in einer so engen Verbindung? Was sollte es denn schaden, wenn ein Kranker weniger Schmerzen hätte?

Ist nicht etwas daran, wenn Tewje, der Milchmann aus Anatevka, seinen Gott fragt:

„Wenn ich ein reicher Mann wäre ...
würde das deinen großen und ewigen Plänen
denn so sehr in die Quere kommen?“

(englisch:
“If I were a rich man ...
Would it spoil some vast eternal plan –
If I were a wealthy man?”
)

Gerechtigkeit

Leiden sei eine „gerechte und wohlverdiente Strafe Gottes“ – mit dieser Behauptung haben Gläubige seit alters her versucht, menschliches Leiden zu erklären. Der Gedanke findet sich schon im Alten Testament, im Buch Hiob (auch Ijob oder Job genannt).

Dies erklärt jedoch nicht, warum auch Unschuldige leiden.

Im Alten Testament besteht der leidende Hiob darauf,
dass er unschuldig sei.

Unschuldig sind auf jeden Fall die Menschen,
die von Geburt an unter heftigen Schmerzen leiden.

Dass Unschuldige leiden, das ist auf keinen Fall
eine „gerechte Strafe“ – im Gegenteil, es ist höchst ungerecht.

So führt der Versuch, menschliche Leiden
durch die „Gerechtigkeit Gottes“ zu erklären,
nur zu neuen Fragen.
Er führt zu einer Variante des Theodizee-Problems:
Wenn Gott allmächtig und gerecht ist –
warum müssen dann so viele Unschuldige so viel leiden?

Im Buch Hiob kommt ein gewisser Elifas von Teman zu Wort, der seinem leidenden Freund Hiob vorhalten zu dürfen glaubte: „Bedenk doch! Wer geht ohne Schuld zugrunde? Wo werden Redliche im Stich gelassen? Wohin ich schaue: Wer Unrecht pflügt, wer Unheil sät, der erntet es auch. Durch Gottes Atem gehen sie zugrunde, sie schwinden hin im Hauch seines Zornes.“ (Kapitel 4 Vers 7-9) Dieser Elifas versteigt sich schließlich zu allerlei aus der Luft gegriffenen Vorwürfen: „Ist nicht groß deine Bosheit, ohne Ende dein Verschulden? Du pfändest ohne Grund deine Brüder, ziehst Nackten ihre Kleider aus. Den Durstigen tränkst du nicht mit Wasser, dem Hungernden versagst du das Brot. ...“ (Kapitel 22, Vers 5 ff)

Hier zeigt sich eine sehr unerfreuliche Nebenwirkung des Dogmas vom Leiden als „gerechter Strafe“:
Menschen, denen es schon schlecht genug geht,
sehen sich zu allem Überfluss mit der Anschuldigung konfrontiert, sie müssten irgendetwas besonders Schlimmes getan haben, um diese „Strafe“ zu verdienen.

Bart D. Ehrman, Professor für Neues Testament,
sieht hier ein doppeltes Problem:
dass die Vorstellung von Leiden als Strafe Gottes

„sowohl falsche Sicherheit als auch falsche Schuld erzeugt.
Wenn Strafe durch die Sünde kommt,
und ich kein bisschen leide, danke sehr,
macht mich das gerecht?
Gerechter als meinen Nachbarn, der seinen Job verloren hat,
oder dessen Kind bei einem Unfall getötet wurde,
oder dessen Frau brutal vergewaltigt und ermordet wurde?

Andererseits, wenn ich schwerem Leiden unterworfen bin,
liegt es wirklich daran, dass Gott mich straft?
Ist es wirklich meine Schuld,
wenn mein Kind mit einer Behinderung geboren wird?
Wenn die Wirtschaft abstürzt
und ich kein Essen mehr auf den Tisch bringen kann?
Wenn ich Krebs bekomme?“
      (God’s Problem. How the Bible Fails to Answer
      Our Most Important Question – Why We Suffer
, S. 55,
      Übersetzung von Irene Nickel)

Gegenseitige Hilfe

Leiden lasse viel Gutes entstehen, haben Gläubige argumentiert. Menschen würden einander helfen. Mitgefühl, Nächstenliebe und Solidarität würden zutage treten. Die guten Charaktereigenschaften, die sich so entwickeln und bewähren könnten, und die zwischenmenschlichen Beziehungen, die sich so verbessern könnten – wäre all das nicht viel wertvoller als die Freiheit von Leiden?

Nanu! Wird Leiden dadurch zu einer guten Sache? Müssten wir uns dann am Ende noch bei denen bedanken, die anderen Menschen Leiden zugefügt haben? Eine verkehrte Welt.

Eigentlich ist es sonnenklar: Es ist nicht gut, wenn Menschen unter Krieg und Verfolgung leiden, es ist nicht gut, wenn sie von unerträglichen Schmerzen geplagt werden, von Atemnot, Erbrechen oder Durchfällen, oder von quälenden Depressionen.

Trotzdem scheint es Menschen zu geben, die das allein nicht überzeugend finden; ihrer Meinung nach müsste eine etwas „philosophischere“ Begründung her.
Die kann gegeben werden:

Für wen sollte schweres Leiden denn zu einer guten Sache werden?

Für viele Leidende wird es das nicht. Manch einer leidet, ohne dass jemand hilft, ohne dass jemand Mitgefühl zeigt, ja ohne dass auch nur jemand davon weiß. Manch ein Leidender legt keinen Wert auf das Mitgefühl und die Zuwendung von Menschen, denen er gleichgültig wäre, wenn es ihm besser ginge. Manch ein Kranker oder Behinderter kennt keinen sehnlicheren Wunsch als den, sich selber helfen zu können und nicht auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen zu sein. Schließlich gibt es Menschen, die unter so heftigen Schmerzen leiden, dass sie sich an nichts mehr recht freuen können, auch nicht am aufrichtigsten Mitgefühl, an der schönsten Solidarität und an den liebevollsten zwischenmenschlichen Beziehungen.

Und die Menschen, die Mitgefühl, Nächstenliebe und Solidarität zeigen können, gute Charaktereigenschaften entwickeln und liebevolle zwischenmenschliche Beziehungen? Wenn diese Menschen es gut finden würden, dass all das mit schweren Leiden eines anderen Menschen erkauft wird – dann würden sie einem Irrtum aufsitzen. Denn all das Gute, das aus dem Leiden entstehen sollte, wäre dann ja gar nicht vorhanden: Kein mitfühlender Mensch würde es gut finden, davon zu profitieren, dass ein anderer Mensch von schwerem Leiden gequält wird. Kein solidarischer Mensch würde es gut finden, kein Mensch von gutem Charakter, kein Mensch, der eine liebevolle Beziehung zum Leidenden hätte.

Wer sonst könnte es gut finden? Niemand, dem am Wohlergehen von Menschen gelegen wäre. Da könnte er noch so viel Freude haben an menschlichem Mitgefühl, an menschlicher Solidarität und an guten menschlichen Beziehungen. Er würde diese Freude nicht damit erkaufen wollen, dass jemand anders dafür leiden muss. Dann wäre es keine Freude mehr – weder für einen mitfühlenden Menschen noch für einen gütigen Gott.

Wie kommen eigentlich intelligente Menschen auf die Idee, Leiden zu einer letztlich guten Sache zu erklären? Die Ursache liegt in dem Streben, einen Glauben zu rechtfertigen, nach dessen Dogmen alles, was existiert, letztlich gut sein muss; denn das müsste es, wenn es von einem gütigen Gott gewollt und kraft seiner Allmacht so herbeigeführt worden wäre.

Ein solcher Glaube kann offensichtlich dazu führen, dass Menschen nicht mehr zwischen Gut und Böse unterscheiden können.

Reife

Leiden habe einen guten Sinn darin, dass es Menschen reifer werden lasse, haben Gläubige argumentiert. Beliebt ist in diesem Zusammenhang ein Vergleich:

„Man kann sich ‚Gott’ als Vater/Mutter vorstellen und durchaus nach denselben Kriterien beurteilen wie menschliche Eltern. Ein guter Vater, der will, daß sein Nachwuchs zu seinem Ebenbild (bzw. einem vollwertigen Menschen oder einer vollwertigen Seele) wird, wird ihn lernen lassen – inklusive schmerzhafter Erfahrungen. ... Wer seinen Nachwuchs stets ängstlich von allen Gefahren abschirmt oder sie immer bloß verwöhnt, bekommt unselbstständige, egoistische, undankbare Kinder – kurz verzogene Gören, die dann ihrem Glück nicht selten selbst im Wege stehen.“

Dieser Vergleich wird von „Jay Ray“ im Philosophie-Forum vorgestellt
(Link verlorengegangen).

Ein Vergleich, der gerade da hinkt, wo er etwas zeigen soll. Gute Eltern lassen ihre Kinder gelegentlich schmerzhafte Erfahrungen machen – aber innerhalb vernünftiger Grenzen. Wo Lebensgefahr droht oder die Gefahr erheblicher Gesundheitsschäden, da tun gute Eltern das Ihre, um ihre Kinder zu schützen. Um ihre Kinder vor genau den Leiden zu bewahren, die Zweifel begründen, ob ein gütiger Gott so etwas wollen könnte. Der Vergleich mit dem Verhalten guter Eltern geht gerade an den Fällen vorbei, die das Theodizee-Problem so schwierig machen für die Gläubigen.

Nicht nur Eltern versuchen, Menschen vor Leiden zu bewahren. Größere Gemeinschaften verfolgen das gleiche Ziel, indem sie Gesetze schaffen, die Mord, Körperverletzung und andere Gewalttaten verbieten und unter Strafe stellen, und indem sie Polizisten, Staatsanwälte und Richter beauftragen, die Gesetze durchzusetzen und Verstöße gegen diese Gesetze zu bestrafen. Wir sind überzeugt, dass wir Mörder und andere Gewalttäter bestrafen dürfen, weil wir überzeugt sind, dass es schlecht ist, wenn Gewalttäter anderen Menschen Leiden zufügen oder Mörder ihnen das Leben nehmen. Dass es etwas Gutes sein könnte, weil Menschen durch Leiden oder Trauer reifer werden könnten, auf die Idee kommt normalerweise kein Mensch. Normalerweise würde jeder das als absurd zurückweisen. So normal denken einige Menschen aber dann nicht, wenn es gilt, ein religiöses Dogma zu verteidigen.

Gläubige könnten einwenden, der menschliche Täter wisse ja nicht, in welchen Fällen der Schaden durch das Leiden größer ist und in welchen Fällen der Nutzen durch das Reiferwerden und/oder durch die zwischenmenschliche Hilfe. Ein allmächtiger Gott wisse das aber sehr wohl.

Jedes Leiden, das von einem menschlichen Täter verursacht wird, ist – sofern es einen allmächtigen Gott gibt – zugleich ein Leiden, das von diesem allmächtigen Gott zugelassen wird. Ein und dasselbe Leiden kann nicht im einen Fall eine schlechte Sache sein und im anderen Fall eine gute Sache.

Außerdem sieht es nicht so aus, als wenn Leiden vor allem da auftreten würde, wo es positive Auswirkungen gibt: wo Menschen reifer werden, belastbarer, geduldiger und einfühlsamer für andere Menschen. Manchmal können sich solche positiven Auswirkungen nicht entfalten, weil der Leidende stirbt. Und wo es Auswirkungen gibt, sind sie nicht immer positiv. Allzu oft ist das Gegenteil zu beobachten: Es gibt leidende Menschen, die immer wieder schlechte Laune haben und sie an anderen Menschen auslassen. Es gibt leidende Menschen, deren Gedanken in einem fort um ihr eigenes Leiden kreisen, sodass sie kaum noch Interesse aufbringen für das, was in anderen Menschen vorgeht. Es gibt leidende Menschen, die resigniert und kleinmütig, ja apathisch werden. Es gibt Menschen, die unter der Last ihres Leidens zusammenbrechen, die depressiv werden oder abhängig von Alkohol oder Medikamenten, oder die sich gar das Leben nehmen.

Freier Wille

„Gott hat den Menschen weder als Marionette noch als Roboter erschaffen, sondern ihn mit der besonderen Gabe des freien Willens beschenkt“, so schwärmt Landesrabbiner Henry G. Brandt (Saar-Echo vom 10.12.2005). „Die Entscheidung über Tun und Nichtstun ist ihm überlassen, unter der Voraussetzung, dass die daraus sich ergebenden Folgen zu tragen sind.“

„Nur zu oft von anderen!“, möchte ich da hinzufügen.
Gilt diesem Gott der freie Wille des Mörders, der morden will, mehr als der freie Wille des Opfers, das leben will?!

Bei aller Abneigung gegen die Idee, Gott könnte den menschlichen Willen manipulieren und so den Menschen zur Marionette machen – für einen allmächtigen Gott wäre das kein Grund, potentiellen Opfern seinen Schutz zu versagen. Ein allmächtiger Gott bräuchte dazu nicht in den Willen des potentiellen Täters einzugreifen. Er könnte ihn von außen daran hindern, seine Tat durchzuführen. Wie wir ja auch von unserer Polizei erwarten, dass sie potentielle Opfer schützt, wenn sie Gelegenheit dazu bekommt. Wir wären äußerst befremdet, würde die Polizei stattdessen den „freien Willen“ des potentiellen Mörders respektieren und den Mord geschehen lassen. „Gütig“ würden wir so ein Verhalten gewiss nicht nennen.

Auf den „freien Willen“ verweisen Gläubige auch da, wo Dinge geschehen, die niemand gewollt hat. So schreibt die Landesbischöfin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, Frau Dr. Margot Käßmann: „Wir als Menschen freuen uns über den freien Willen ... Aber dann müssen wir auch Verantwortung übernehmen für unser eigenes Tun, für ungerechte Strukturen, für Krieg und Ungerechtigkeit. Auch dafür, dass in Erdbebengebieten unsicher gebaut wird und die Kräfte der Natur unterschätzt werden.“ (Saar-Echo Disclaimer vom 30.11.2005).

Richtig, auch da tragen wir Verantwortung. Nur, was haben die Erdbeben mit dem freien Willen zu tun? Wäre unser Wille weniger frei, wenn es keine gefährlichen Erdbeben gäbe? Wäre er nicht sogar noch freier, wenn wir mehr Möglichkeiten hätten, genau das zu erreichen, was wir wollen? Wenn wir nicht bei jeder Entscheidung irgendwelche Dinge in Kauf nehmen müssten, die wir eigentlich nicht wollen? Einsturzgefahr bei Billigbauten in Erdbebengebieten, hohe Kosten bei Bauten mit größerer Erdbebensicherheit, Arbeitslosigkeit und Not bei Verlassen der Erdbebengebiete ...

Verantwortung

„Dieses Prinzip der Verantwortung ist den Evangelischen immens wichtig“, fährt Frau Dr. Käßmann fort.

Ja, und es scheint, als wolle Frau Dr. Käßmann sehr viele Menschen in diese Verantwortung einschließen. Sie schließt sich selbst mit ein, wenn sie davon spricht, dass „wir“ Verantwortung übernehmen sollten für unsichere Bauten in Erdbebengebieten. Wieso eigentlich? Hat die Bischöfin persönlich solche Bauten errichtet oder in Auftrag gegeben? Vermutlich meint sie es anders. Vermutlich denkt sie an die „ungerechten Strukturen“, in denen arme Menschen genötigt sind, Billigbauten in Erdbebengebieten zu bewohnen. Vermutlich meint sie, dafür wäre fast jeder Mensch irgendwie mitverantwortlich; wer könnte schon von sich sagen, er hätte genug dagegen getan?

Mit einer solchen Argumentation kann man es schaffen, fast jeden Menschen für fast alles Unglück dieser Welt verantwortlich zu machen. Ob es gut ist, so etwas zu predigen – oder ob man damit nur den Unterschied zwischen Tätern und Unbeteiligten verwischt und obendrein vielen gutwilligen Menschen unnötigen Kummer bereitet – das ist ein anderes Thema.

Warum ist „dieses Prinzip der Verantwortung“ denn den Evangelischen so „immens wichtig?“ – Eine mögliche Erklärung wäre: Je tiefer die Unzufriedenheit mit dem eigenen Verhalten, um so einleuchtender die Vorstellung, man bedürfe der Vergebung und Erlösung, wie sie die christliche Botschaft verspricht. Damit wäre erklärt, was „dieses Prinzip der Verantwortung“ für den christlichen Glauben als ganzen bedeuten kann.

Was es jedoch mit dem Theodizee-Problem zu tun haben könnte, das spricht die Bischöfin nicht so unumwunden aus wie andere Gläubige.

Einen Zusammenhang zwischen Theodizee-Problem und menschlicher Verantwortung stellt Herr Oliver Nemitz folgendermaßen her: „Ohne jemandem zu Nahe treten zu wollen, denke ich, dass wir durch solche Fragen die Verantwortung für manches Leid auf Gott schieben wollen, die wir eigentlich selbst zu tragen haben.“ Einige Beispiele, wie Menschen Leid verursachen, kommentiert Herr Nemitz: „... aber Gott ist dafür nicht verantwortlich. Menschen begehen solche Taten und nur Menschen tragen auch die Verantwortung dafür.“
(http://www.olivernemitz.de/Religion/Leid.htm Disclaimer)

„Entweder – oder“, scheint Herr Nemitz zu meinen.
Entweder könnte Gott verantwortlich gemacht werden,
dann wären die Menschen nicht verantwortlich.
Oder die Menschen wären verantwortlich,
und dann wäre Gott nicht verantwortlich.

Eine solche Entweder-oder-Logik ist nicht zwingend. Im Alltagsleben gibt es Gegenbeispiele. Wenn ein Kaufhausdetektiv nachlässig arbeitet und infolgedessen die Ladendiebstähle sich häufen, dann würde es ihm wenig helfen zu erklären: „Verantwortlich für die Diebstähle sind doch die Diebe!“ Sein Chef würde ihn vermutlich auslachen. Erst recht würde es einem Dieb nicht helfen zu erklären: „Verantwortlich für meine wiederholten Diebstähle ist der Kaufhausdetektiv! Er hätte mich doch gleich beim ersten Versuch ertappen können!“ Es hilft wenig, auf die Verantwortung eines anderen hinzuweisen; seine Verantwortung schließt die eigene Verantwortung nicht aus.

Ähnliches lässt sich sagen, wenn nach Unglücksfällen versucht wird, die Verantwortung von Menschen und die Verantwortung eines allmächtigen Gottes gegeneinander auszuspielen. Zum Beispiel, wenn bei einem Erdbeben Billigbauten eingestürzt sind und schwere Verletzungen und Todesfälle verursacht haben. Dann könnten beide Seiten Verantwortung tragen: Die Menschen, die gewusst hätten, dass dort mit heftigen Erdbeben zu rechnen ist, und die trotzdem aus Geiz oder Leichtsinn dort Billigbauten errichtet hätten – und ein allmächtiger Gott, der gewusst hätte, dass die Billigbauten bei heftigen Erdbeben einstürzen würden, und der dennoch keinen Gebrauch von seiner Allmacht gemacht hätte, um die heftigen Erdbeben zu verhindern.

Zwischenergebnis:

Die Verantwortung von Menschen
schließt die Verantwortung eines allmächtigen Gottes nicht aus.
Die Verantwortung eines allmächtigen Gottes
schließt die Verantwortung von Menschen nicht aus.

Das bedeutet für die Verantwortung Gottes:

Mit Hinweisen auf die Verantwortung von Menschen kann man vielleicht von der Verantwortung eines allmächtigen Gottes ablenken. Man kann damit vielleicht vom Theodizee-Problem ablenken. Lösen kann man es auf diese Weise nicht.

Einen Grund dafür hat auch Herr Nemitz erkannt; er schreibt: „Die bisherigen Ausführungen beantworten die Frage nach dem Leid aber nur teilweise, denn es gibt auch Leid, für das die Menschen nicht verantwortlich sind, z.B. bei Naturkatastrophen.“ Jedoch auch in Fällen, in denen Menschen verantwortlich sind, würde ein allmächtiger Gott Verantwortung tragen. Das folgt aus der Definition der Allmacht: Ein allmächtiger Gott könnte bewirken, geschehen lassen oder verhindern, was auch immer er will. Damit wäre ein allmächtiger Gott verantwortlich für alles, was er bewirkt, was er geschehen lässt und was er verhindert. Er wäre verantwortlich für alles, was geschieht.

Einige Autoren des Alten Testaments scheinen das sehr klar gesehen zu haben. In Jesaja 45, 6-7 werden Gott die Worte in den Mund gelegt: „Ich bin der HERR – und sonst keiner –, der das Licht bildet und die Finsternis schafft, der Frieden wirkt und das Unheil schafft. Ich, der HERR, bin es, der das alles wirkt.“ Und in Amos 3, 6 heißt es: „Geschieht etwa ein Unglück in der Stadt, und der HERR hat es nicht bewirkt?“ Diese Worte aus alter Zeit könnten manch einem Christen von heute zur Warnung dienen, das Theodizee-Problem nicht zu unterschätzen.

Das bedeutet für die Verantwortung von Menschen:

Um ihre eigene Verantwortung ginge es denen, die die Theodizee-Frage aufwerfen, behauptete Herr Oliver Nemitz: „... denke ich, dass wir durch solche Fragen die Verantwortung für manches Leid auf Gott schieben wollen, die wir eigentlich selbst zu tragen haben.“

Auf eine unbequeme Fragen reagiert Herr Nemitz mit der Unterstellung unlauterer Motive. Das ist nichts als ein rhetorischer Trick: ein Versuch, mit dem Fragenden auch die Frage in ein ungünstiges Licht zu rücken. Bei Licht betrachtet sagen die Motive des Fragenden herzlich wenig darüber aus, ob eine Frage berechtigt ist oder nicht.

Trotzdem sei näher untersucht, was es mit dem von Herrn Nemitz unterstellten Motiv auf sich hat.

Herr Nemitz kritisiert schon die Aussage, dass Gott Verantwortung trage für das Leid, das von Menschen herbeigeführt wurde. Aber stammt diese Aussage von denen, die das Theodizee-Problem aufwerfen? Sieht man genauer hin, dann stellt man fest: Die Aussage „Gott trägt Verantwortung für alles, was geschieht“ ist nur die logische Schlussfolgerung aus der Aussage „Gott ist allmächtig“; ob Herr Nemitz das nun zugibt oder nicht. Ursprünglich stammt die Aussage „Gott trägt Verantwortung für alles, was geschieht“ also von denen, die einen allmächtigen Gott verkünden. Diejenigen, die das Theodizee-Problem aufwerfen, weisen lediglich auf diese Verantwortung hin. Das mag einigen Gläubigen missfallen. Aber wenn sie die kritisieren, die darauf hinweisen, gleichen sie Menschen, die einen Spiegel dafür kritisieren, dass er kein schöneres Spiegelbild zeigt.

Wenn man von der eigenen Verantwortung ablenken will, dann hat man vielleicht ein Motiv, auf die Verantwortung Gottes für alles Geschehen hinzuweisen. Aber hat man dann auch ein Motiv, die Theodizee-Frage zu stellen? Hat man dann auch ein Motiv, sich mit dieser Frage ernsthaft und ergebnisoffen auseinanderzusetzen?

Eher nicht. Ergebnisoffen darüber nachzudenken bedeutet, auch den Zweifel zuzulassen,
ob die Lehre vom allmächtigen und sehr gütigen Gott denn wahr ist.
Ob es wirklich einen allmächtigen und sehr gütigen Gott gibt; vielleicht sogar, ob es überhaupt einen Gott gibt.
So riskiert man, am Ende ohne einen Gott dazustehen, den man verantwortlich machen könnte.

Wer das riskiert, tut es bestimmt nicht, um seine Verantwortung auf Gott zu schieben. Im Gegenteil, das riskiert nur, wer den Mut hat, seine Verantwortung selbst zu tragen.

Wer hingegen seine Verantwortung nicht selbst tragen will und sie lieber ganz auf Gott schieben will – wer die Verantwortung guten Gewissens allein Gott überlassen will – der braucht einen Gott, der dieser Verantwortung gerecht würde. Den könnte er finden in jenem allmächtigen und sehr gütigen Gott, der, nach Ansicht des Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz, gewiss dafür sorgen würde, dass diese Welt nur die „beste aller möglichen Welten“ sein kann.

Gerade wer die Verantwortung allein Gott überlassen will, hätte ein Motiv, am Glauben an einen allmächtigen und sehr gütigen Gott unbeirrbar festzuhalten. Ein Motiv, diesen Glauben nicht durch eine ergebnisoffene Beschäftigung mit dem Theodizee-Problem zu gefährden.

„Ja, gibt es denn so was?!“, könnte jetzt jemand erstaunt fragen. „Gibt es wirklich Menschen, die im Ernst meinen, sie könnten die ganze Verantwortung Gott überlassen und bräuchten sich für nichts mehr verantwortlich zu fühlen?“

So etwas gibt es. Sogar dann, wenn es um die folgenreichsten Entscheidungen geht; wie um die Entscheidung über einen Atomkrieg, der die gesamte Menschheit vernichten könnte. Dazu schrieb kein Geringerer als der Jesuit Gustav Gundlach, Professor (und zeitweilig Rektor) der päpstlichen Gregoriana in Rom: „... wir haben erstens sichere Gewissheit, dass die Welt nicht ewig dauert, und zweitens haben wir nicht die Verantwortung für das Ende der Welt. Wir können dann sagen, dass Gott der Herr, der uns durch seine Vorsehung in eine solche Situation hineingeführt hat oder hineinkommen ließ, wo wir dieses Treuebekenntnis zu einer Ordnung ablegen müssen, dann auch die Verantwortung übernimmt.“ (zitiert nach Karlheinz Deschner, Abermals krähte der Hahn, Seite 656 im Taschenbuch von Moewig)

So wenig sind sich einige gläubige Menschen ihrer Verantwortung bewusst für die Folgen ihrer Entscheidungen. Das ist erschreckend. Und es kann gefährlich werden, wenn Menschen mit einer solchen Einstellung die Macht in die Hände bekommen, über Leben und Tod ihrer Mitmenschen zu entscheiden.

Dabei sind diese Menschen nicht einfach Asoziale, denen es gleichgültig ist, wie es ihren Mitmenschen ergeht. Gustav Gundlach SJ hat sich viele Gedanken darüber gemacht, wie Menschen sich verhalten sollten; u. a. hat er während der 30er Jahre wesentlich an einer nie veröffentlichten Enzyklika Pius XI. gegen Rassismus und Antisemitismus mitgearbeitet
(http://www.perlentaucher.de/buch/7059.html
Disclaimer). Die Einstellung, Menschen wären unter Umständen nicht verantwortlich, wenn sie die Vernichtung der Menschheit herbeiführten, beruht keineswegs auf einem schlichten Charakterfehler. Sie beruht auf einem bestimmten Glauben: auf dem Glauben an einen allmächtigen und sehr gütigen Gott.

Der Teufel

„Wir Christen habens uns doch leicht gemacht, um mit Gott nicht hadern zu müssen: Alles Gute kommt von Gott - für das Schlechte wird der Teufel verantwortlich gemacht.....“, schrieb „schorsch“
(http://www.seniorentreff.de/diskussion/threads8/thread427.php Disclaimer).

Wenn das ein Versuch zur Lösung des Theodizee-Problems sein soll, müsste die Frage beantwortet werden:
Könnte Gott verhindern, dass der Teufel Schaden anrichtet,
oder könnte er es nicht?

1. Möglichkeit:
Gott könnte nicht verhindern, dass der Teufel Schaden anrichtet.

Dann wäre Gott nicht allmächtig. Wer sich für diese Möglichkeit entscheidet, der entscheidet sich gegen die Lehre vom allmächtigen und sehr gütigen Gott.

2. Möglichkeit:
Gott könnte verhindern, dass der Teufel Schaden anrichtet.

Dann wäre Gott mitverantwortlich für jeden Schaden, den er nicht verhindert. Dann gilt für den Hinweis auf die angebliche Verantwortung des Teufels das Gleiche wie für Hinweise auf die Verantwortung von Menschen: Sie ändern nichts daran, dass ein allmächtiger Gott verantwortlich wäre für alles, was geschieht.

Für die 2. Möglichkeit hat sich die Römisch-Katholische Kirche entschieden. Im Katechismus der Katholischen Kirche Disclaimer heißt es in Absatz 395: „Satan ist auf der Welt aus Hass gegen Gott ... tätig. Sein Tun bringt schlimme geistige und mittelbar selbst physische Schäden über jeden Menschen und jede Gesellschaft. Und doch wird dieses sein Tun durch die göttliche Vorsehung zugelassen, welche die Geschichte des Menschen und der Welt kraftvoll und milde zugleich lenkt. Dass Gott das Tun des Teufels zulässt, ist ein großes Geheimnis ...“

Den Autoren scheint klar zu sein:
Der Hinweis auf das „Tun des Teufels“
liefert keine Antwort auf die Theodizee-Frage.

Dies „große Geheimnis“ lässt der Katechismus-Absatz ein Geheimnis bleiben. Er lässt einen Bibelspruch folgen: „Wir wissen, dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt“ (Brief des Paulus an die Römer 8, 28).

So ein Bibelspruch mag Menschen zufrieden stellen, die alles für bare Münze halten, was in der Bibel steht. Wer kritischer hinsieht, stellt fest: Von „Wissen“ kann keine Rede sein. Was Paulus da verkündet, das ist bestenfalls Glaubenssache. Es darf ebenso angezweifelt werden wie die Theorien des Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz, denen zufolge alles letztlich zu etwas Gutem führen würde, zur „besten aller möglichen Welten“.

Ewigkeit

„Da das zeitlich-irdische Leben zwar ein sehr hohes, aber nicht das höchste Gut ist, muss es weder von Gott noch von den Menschen mit allen Mitteln angestrebt werden. Das höchste Ziel bzw. Gut des Menschen ist nach dem christlichen Glauben das ewige Leben .... Wenn nötig, kann Gott dafür auch das physische Übel einsetzen ...“, heißt es in einem „Lösungsansatz“ für das Theodizee-Problem im Artikel „Theodizee Disclaimer in Wikipedia, Version vom 28.6.2006. Ähnliche Gedanken finden sich schon in der Bibel; dort sagt Jesus: „Es ist besser für dich, als Krüppel in das Leben hineinzugehen, als mit zwei Händen in die Hölle zu kommen, in das unauslöschliche Feuer.“ (Markus 9, 43)

Wenn ein Großinquisitor so argumentieren würde,
um die Folterung eines Ketzers zu „rechtfertigen“,
dann läge darin noch eine gewisse Logik.

Wenn es aber um das Verhalten eines allmächtigen Gottes geht, dann ist eine solche Argumentation einfach Unsinn. Der Denkfehler besteht darin, davon auszugehen, dass die Leiden „nötig“ wären. Ein allmächtiger Gott hätte es aber nicht nötig, deswegen Leiden zuzufügen. Er hätte die Möglichkeit, einem jeden Menschen ein angenehmes ewiges Leben zu verschaffen und ihn vorm Feuer der Hölle zu bewahren.

Das wäre nicht genug, könnte ein gläubiger Mensch erwidern. Es komme auch darauf an, gewisse Voraussetzungen zu erfüllen.

Gewiss kann der Gläubige es für sehr wichtig halten, dass ein Mensch in seinem irdischen Leben gewisse Verhaltensweisen an den Tag legt und/oder gewisse Charakterzüge entwickelt. Dann könnte er versuchen zu begründen, warum diese Verhaltensweisen und/oder Charakterzüge so wichtig sein sollen, dass ihre Herbeiführung selbst schweres Leiden rechtfertigen könnte. Das wäre dann ein anderes Argument. Dabei ginge es um die Verhaltensweisen und/oder Charakterzüge, nicht um das ewige Leben. Denn für einen allmächtigen Gott bestünde keinerlei Notwendigkeit, diese Verhaltensweisen und/oder Charakterzüge zur Voraussetzung für ein angenehmes ewiges Leben zu machen.

Gottes Ruhm

Im Evangelium nach Johannes ist am Anfang des 9. Kapitels zu lesen: „Unterwegs sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war. Da fragten ihn seine Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Oder haben seine Eltern gesündigt, so dass er blind geboren wurde? Jesus antwortete: Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden.“ Danach soll Jesus den Blinden geheilt haben.

Man mag es ja erfreulich finden, dass Jesus hier der Auffassung entgegentrat, das Unglück eines Menschen wäre ein Grund zu der Annahme, dass dieser Mensch gesündigt haben müsste, oder seine Eltern.

Doch bietet Jesu Erklärung keinen Grund zu ungetrübter Freude. Nur damit „das Wirken Gottes offenbar werden“ soll, nur damit Jesus das durch eine Wunderheilung offenbar werden lassen konnte, hätte ein Mensch sein Leben von Geburt an mit einer schweren Behinderung verbringen müssen?! Das könnte das Verhalten eines selbstherrlichen Gottes erklären, dem sein eigener Ruhm über alles ginge. Nicht jedoch das Verhalten eines gütigen Gottes.

Naturgesetze

„Gott ist nicht grausam ... Sondern, wenn ein Unglück passiert, ist es allemal die Eigengesetzlichkeit dieser Schöpfung. Wenn jemand vor das Auto läuft und überfahren wird, ist es kein grausamer Gott, sondern es sind die Naturgesetze. Wer so über die rote Ampel hinwegsieht, dem ist nicht zu helfen. Wunder sind für diese Fälle nicht vorgesehen. Es gibt kein Menschenrecht auf Wunder“, sagte der Heidelberger Dozent für Neues Testament, Klaus Berger (Zwischenspeicher von G o o g l e für http://www.evangelische-kirchenzeitung.de/200213/glaube.htm nach dem Stand vom 29. Apr. 2006 12:16:38 GMT,
Link nicht mehr gefunden.).

Natürlich hätte der Mensch in diesen Fällen keinen Rechtsanspruch darauf, von Gott durch ein Wunder gerettet zu werden.

Aber würde ein gütiges Wesen nach Rechtsansprüchen fragen? Hätte es nicht schon aus Mitleid den Wunsch, Rettung zu bringen, unabhängig von Rechtsansprüchen, als ein freiwilliges Geschenk seiner Güte?

Die Naturgesetze wären für einen allmächtigen Gott kein unüberwindliches Hindernis. Es läge bei ihm, ob er schützend eingreift, oder ob er den Naturgesetzen ihren Lauf lässt und Menschen zu Schaden kommen lässt. Er wäre verantwortlich für die Folgen.

Der allmächtige Gott lenke die Welt „unter voller Respektierung der Naturgesetze“, schreibt der Theologe Hans Küng („24 Thesen zur Gottesfrage“, S. 96f).

Gott „respektiert“ die Naturgesetze, das scheint zu heißen: Er hält sich freiwillig daran, obwohl er auch anders könnte. Als allmächtiger Gott müsste er – logischerweise – auch anders können.

Dann wäre die Frage: Warum will er nicht anders? Warum will er bei den Naturgesetzen nicht mal Fünfe gerade sein lassen, wenn es darum geht, einen Menschen vor schweren Verletzungen zu bewahren? Was kann an den Naturgesetzen denn so wichtig sein?

„In einer chaotischen Welt“ würde „niemand die Konsequenzen seiner Entscheidung absehen“ können, heißt es in einer Antwort auf diese Frage. „Niemand könnte sich in verantwortlicher Weise für oder gegen etwas entscheiden. Gleiches würde für eine Welt gelten, die durch ein permanentes Eingreifen Gottes bestimmt würde.“
(Skript einer Vorlesung von Prof. Armin Kreiner Disclaimer (PDF))

Eine Welt, in der wir die Konsequenzen unserer Entscheidungen und Handlungen absehen können, hat zweifellos ihre Vorteile. Die Naturgesetze sind uns dabei eine Hilfe.
Aber müssen sie dazu ohne Ausnahme gelten?

Nein. Wir können die Konsequenzen unserer Entscheidungen und Handlungen immer dann absehen, wenn auf ähnliche Verhaltensweisen regelmäßig ähnliche Konsequenzen folgen. Ganz egal, wie diese Regelmäßigkeit zustande kommt: durch Naturgesetze oder dadurch, dass Gott regelmäßig in ähnlicher Weise eingreifen würde.

Ein allmächtiger Gott hätte sogar Möglichkeiten, so unauffällig einzugreifen, dass kein Mensch etwas von einer Verletzung von Naturgesetzen gemerkt hätte. Beispielsweise hätte ein allmächtiger Gott alle HI-Viren unauffällig vernichten können, bevor sich Menschen damit infizierten. Niemand hätte sich über das Ausbleiben von AIDS-Erkrankungen gewundert.

Niemand wäre in seiner Fähigkeit beeinträchtigt worden, die Konsequenzen seines Verhaltens abzusehen. Im Gegenteil: Viele Ärzte hätten die Konsequenzen ihres Handelns besser vorhersehen können, als sie in den frühen 1980er Jahren ihren Patienten Bluttransfusionen gaben:
Das hätte nicht die völlig unvorhersehbare Folge gehabt,
dass einige der Patienten an AIDS erkrankten und bald starben.

Bewertungen

Gott bewerte manches anders als wir Menschen, argumentieren Gläubige.

„... dass das Sein und die Existenz an sich gut sind, auch wenn die Menschen dies oft nicht verstehen. Das impliziert die Überzeugung, dass das bloße Dasein der Welt ein Akt göttlicher Güte uns gegenüber ist“, heißt es in einer Darstellung der Auffassungen des jüdischen Gelehrten Maimonides (1138-1204).
(http://www.hagalil.com/judentum/philosophie/welt.htm Disclaimer)

Das klingt gerade so, als machten die Menschen einen Fehler, wenn sie die Auffassung, dass das Sein und die Existenz „an sich gut“ seien, nicht vorbehaltlos teilen. Wenn sie Fragen stellen wie: Was ist mit den Menschen, denen es so schlecht geht, dass sie nichts mehr herbeisehnen als ein Ende ihrer Existenz im Tode? Wie sollten sie ihre Existenz als „an sich gut“ ansehen? Und wenn nicht – soll man dann etwa sagen, sie hätten irgendetwas nicht richtig verstanden?

Nein. Ob etwas „gut“ ist oder nicht, das lässt sich nicht objektiv und allgemeinverbindlich feststellen. Ob jemand etwas als „gut“ bewertet, das hängt nicht nur von Tatsachen ab – die man objektiv und allgemeinverbindlich feststellen könnte – sondern auch von den Gefühlen, die er den Tatsachen entgegenbringt. Da kann es vorkommen, dass eine Tatsache bei verschiedenen Personen unterschiedliche Gefühle auslöst und infolgedessen unterschiedlich bewertet wird, ohne dass man sagen könnte, dass die eine Person Recht hätte und die andere Unrecht.

Wenn es um die Entscheidung geht, wie es jemandem ergehen soll, wessen Gefühle und Bewertungen sind dann besonders wichtig? Die des Betroffenen, sollte man meinen. Jedes gütige Wesen würde es so sehen. Einem gütigen Wesen läge es fern, die eigenen Vorlieben für das einzig Maßgebliche zu halten und die Gedanken und Gefühle der Betroffenen als unbedeutend abzutun. Ein gütiges Wesen würde sich für die Gedanken und Gefühle der Betroffenen sehr interessieren. Es würde diese Gedanken und Gefühle bei der Bildung seiner eigenen Bewertungen einbeziehen. Es würde sich nicht darüber hinwegsetzen, wenn es nicht einen sehr guten Grund dafür hätte. „Ich bin so großartig, ich bin so klug, ich weiß alles am besten“, das allein wäre kein hinreichender Grund für ein gütiges Wesen.

„... dass wir Menschen unterschätzen, wie hoch Gott die menschliche Freiheit bewertet. Ohne sie wären die Menschen unfähig, Gott zu begegnen, wirkliches Glück in der Gottesliebe zu finden und von Gott geliebt zu werden. Es mag für immer unser Begreifen übersteigen, wie Gott einen solchen Preis für die Freiheit des Menschen, ihn zu lieben, akzeptieren konnte. Doch für den Christen hat dieses Geheimnis ... sein Gegenstück in der Tatsache, dass Gott sich selbst nicht von diesem Leiden ... ausnahm. Da das Wort Gottes Mensch wurde in der Inkarnation, in seinem Leben, seinem Leiden und Tod am Kreuz, bezahlte Gott selbst den äußerst möglichen Preis für die Freiheit des Menschen, Gott zu lieben.“ – Mit diesem Zitat von Schmitz-Moormann schließt ein Aufsatz auf einer Internet-Seite der Mission der Deutschen Dominikaner. (Theodizee: Befreit uns Gott von Übel und Leid?), Link nicht mehr gefunden

Nur am Rande sei hier bemerkt: Es mag noch einleuchten, dass der Mensch für die Freiheit, Gott zu lieben, die Freiheit gebraucht haben könnte, Gott nicht zu lieben. Aber hätte er dafür die Freiheit gebraucht, zu foltern und zu morden?

Thema an dieser Stelle sind Bewertungen. Dazu ist festzuhalten: Selbst wenn Gott einen noch so hohen Preis gezahlt hätte für seine Bewertungen – es hätte seine Bewertungen nicht zu unseren Bewertungen gemacht.

Die Bewertungen und Gefühle der Betroffenen aber sind es,
die einem gütigen Wesen wichtig wären bei seinen Entscheidungen.

Lieber kein Schlaraffenland

„Würde es uns denn in einer Welt gefallen, in der uns alles in den Schoß fiele und alle Hindernisse aus dem Weg geräumt würden?“ –
In diesem Sinne antwortete mir eine Christin, als ich sie in einem Privatbrief auf das Theodizee-Problem ansprach.

Ich glaube auch nicht, dass es uns in einer solchen Welt gefallen würde. Auf die Dauer würden wir uns wohl fürchterlich langweilen.

Auf die Dauer würden wir uns sicherlich wohler fühlen in einer Welt, in der wir uns manchmal abmühen und Hindernisse überwinden müssen, um bestimmte Ziele zu erreichen; um so größer ist am Ende die Freude. Und auf die Dauer würden wir uns sicherlich wohler fühlen, wenn wir uns ab und an einmal ärgern müssen, weil der Erfolg unserer Bemühungen allzu lange auf sich warten lässt oder ganz ausbleibt; um so mehr freuen wir uns, wenn wir doch Erfolg haben.

Aber ist dies eine Lösung des Theodizee-Problems? Könnte ein gütiger Gott deshalb eine Welt so voller Leiden geschaffen haben?

Nein. Eine gewisse Portion an unangenehmen Erfahrungen mag uns einen Gewinn an Lebensfreude bescheren. Wie eine kleine Prise Salz manchen Speisen mehr Wohlgeschmack verleiht. Das heißt aber nicht, dass noch mehr noch besser wäre. Ein Übermaß an Salz verdirbt den Geschmack der Speisen, und ein Übermaß an Leiden verdirbt die Freude am Leben.

 

Angebliche Bedeutungslosigkeit von Leiden in dieser Welt

Ausgleich im Jenseits

„Selig seid ihr, die ihr hier hungert; denn ihr sollt satt werden. Selig seid ihr, die ihr hier weinet; denn ihr werdet lachen“, predigt Jesus im Evangelium nach Lukas 6, 21. Erwartungen dieser Art haben Gläubige für Theodizee-Versuche genutzt. Zur Klage über die körperlichen Leiden von Kindern, die noch zu jung sind, um gesündigt zu haben, schrieb der heiliggesprochene Kirchenlehrer Augustinus u. a.: „wer weiß, was Gott diesen Kindern ... an gutem Ausgleich vorbehält ...?“ Im Philosophie-Forum heißt es in einem von „Jay Ray“ vorgestellten Theodizee-Versuch: „Daher kann man glauben, dass Leid unbestritten unangenehm ist, aber man es nicht schlimm, sondern sogar nützlich für einen selbst finden würde, wenn man erst mal den größeren Zusammenhang (zB nach dem Tode) erkennen wird.“

So könnte man begründen, dass Gottes Handeln – insgesamt gesehen – dem Menschen mehr Nutzen als Schaden bringe. Und dass es ganz besonders dem leidenden Menschen vor allem Nutzen bringe.

Das Theodizee-Problem besteht aber nicht in der Frage, ob es sein kann, dass ein allmächtiger Gott für den Menschen nützlich ist. Das Theodizee-Problem besteht in der Frage, ob es sein kann, dass ein allmächtiger Gott sehr gütig ist. Einem sehr gütigen Wesen aber würde es nicht genügen, insgesamt gesehen nützlich zu sein. Ein sehr gütiges Wesen würde sich für das Wohlergehen in jeder Lebensphase interessieren. Es würde niemanden schwerem Leiden ausgesetzt sehen wollen, wenn es nicht einen sehr guten Grund dafür hätte.

Ein sehr gütiger Gott könnte den Wunsch haben, einem Menschen nach dem Tode sehr viel Gutes zu tun. Das erklärt nicht, warum er ihn vorher schwer leiden lassen sollte. Nur damit das Gute ein Ausgleich ist? Sollte Gott so darauf erpicht sein, einen Ausgleich zu schaffen, dass er schweres Leiden zufügt oder bestehen lässt, nur damit er später etwas auszugleichen hat? Das wäre wohl kaum das Verhalten eines gütigen Gottes. Es erinnert eher an den Feuerwehrmann, der Feuer legt, nur damit er etwas zu löschen hat.

Auf diese Weise kommt man einer Lösung des Theodizee-Problems nicht näher. Nicht einmal, wenn man davon ausgeht, dass ein so erfreulicher Ausgleich möglich wäre, dass – wie Jesus meinte – gerade die Leidenden glücklich zu schätzen wären. Aber wäre das möglich? Das kann bezweifelt werden. Aus verschiedenen Gründen:

       Kann ein späterer Ausgleich überhaupt eine Rechtfertigung dafür sein, einen Menschen schweren Leiden auszusetzen? Noch dazu, ohne vorher zu fragen? Würde es uns gefallen, wenn jemand so etwas mit uns machen würde? Würden wir es in Ordnung finden?

       „Die Erlösung im Jenseits kommt immer zu spät. Sie kann nicht im geringsten ungeschehen machen, was zuvor geschehen ist. ... In welchem annehmbaren Sinn sollte erfahrenes Leid je wieder gutgemacht werden können?“, schreibt Joachim Kahl in seinem AufsatzDie Antwort des Atheismus Disclaimer.

       Schließlich ist die Frage, ob es einen Ausgleich im Jenseits denn wirklich gibt; ja, ob es überhaupt ein Jenseits gibt.

Aber nehmen wir einmal an, es gebe einen allmächtigen Gott, und der habe unsere diesseitige Welt geschaffen und außerdem noch eine jenseitige Welt. Eine dieser Welten kennen wir: die diesseitige. Damit haben wir unsere Erfahrungen: Längst nicht jeder Leidende erhält einen Ausgleich für seine Leiden. Was könnten wir danach von einer jenseitigen Welt erwarten? Einen Ausgleich für jeden Leidenden?

Nicht, wenn wir uns an unsere Erfahrungen halten. Wie wir das im täglichen Leben ja auch tun. Wenn wir eine Schinken-Pizza probiert haben und sie hat uns nicht geschmeckt, dann erwarten wir nicht viel Besseres von der Salami-Pizza desselben Herstellers. Wir kämen gar nicht auf die Idee zu erwarten, dass die Salami-Pizza „zum Ausgleich“ besonders lecker schmecken müsste.

Fehlt es nur an Gutem?

„Privatio boni“ – etwa: „Mangel an Gutem“ – nennt man ein Argument, das von so berühmten Theologen wie dem Kirchenlehrer Augustinus gebraucht wurde. Es läuft darauf hinaus, dass eigentlich nur das Gute wirklich vorhanden sei, nicht jedoch das Übel. Das Übel bestehe lediglich darin, dass es an Gutem fehle. Etwa so, wie zwar das Licht wirklich vorhanden ist, die Dunkelheit hingegen lediglich darin besteht, dass es an Licht fehlt.

Wenn man behaupten kann, dass eigentlich nur das Gute wirklich vorhanden sei, dann kann man auch behaupten, dass der allmächtige Gott eigentlich nur Gutes geschaffen habe. Berühmte Theologen fanden diese Behauptung nützlich für ihre Versuche einer Theodizee.

Theologen und Philosophen mögen meinen,
so könnten sie das Leiden von Mensch und Tier hinwegdiskutieren.
Mit ihren Gedankenspielen ändern sie jedoch nichts daran, dass die Gefühle eines Leidenden wirklich vorhanden sind. Dass es nicht etwa das Fehlen von angenehmen Gefühlen ist, das den Leidenden so plagt, sondern das Vorhandensein von unangenehmen Gefühlen.

Leiden sind Realität, und Leiden können Menschen und Tiere sehr quälen. Daran kann das „Privatio boni“-Argument nichts ändern. Auf diese Weise ist das Theodizee-Problem nicht zu lösen.

 

Vorwurf der Anmaßung

Über Gott zu Gericht sitzen?

Schon im Alten Testament findet sich dieser Vorwurf: „Weh dem, der mit seinem Schöpfer rechtet, er, eine Scherbe unter irdenen Scherben. Sagt denn der Ton zu dem Töpfer: Was machst du mit mir?, und zu dem, der ihn verarbeitet: Du hast kein Geschick? Weh dem, der zum Vater sagt: Warum zeugtest du mich?, und zur Mutter: Warum brachtest du mich zur Welt? So spricht der Herr, der Heilige Israels und sein Schöpfer: Wollt ihr mir etwa Vorwürfe machen wegen meiner Kinder und Vorschriften über das Werk meiner Hände?“ (Jesaja 45, 9 ff, d. h. Deutero-Jesaja)

Verschiedene Denker haben sich mit dem Vorwurf der Anmaßung auseinandergesetzt.

So der Philosoph Immanuel Kant in seinem berühmten Aufsatz „Über das Misslingen aller philosophischen Versuche in der Theodizee“ (1791). Er sah durchaus die Möglichkeit, dass man in der Auseinandersetzung mit dem Theodizee-Problem – und sei es in der Absicht, „die Sache Gottes zu verfechten“ – eine „Sache unserer anmaßenden, hiebei aber ihre Schranken verkennenden, Vernunft“ sehen könnte.

Dennoch billigte Kant die Auseinandersetzung mit dem Theodizee-Problem. Denn der Mensch als ein vernünftiges Wesen sei berechtigt, jede Lehre zu prüfen, ehe er ihr Achtung entgegenbringt. Kants Begründung: „damit diese Achtung aufrichtig und nicht erheuchelt sei.“

Heute trennen einige Denker deutlicher diese beiden Fragen:

       „Kann Gott gerechtfertigt werden?“

       „Kann der Glaube an einen allmächtigen und sehr gütigen Gott gerechtfertigt werden?“

Einige vertreten entschieden die Meinung, beim Theodizee-Problem gehe es um die zweite der beiden Fragen: um einen Prüfstein für die Glaubhaftigkeit einer religiösen Lehre.

So wird dies heute nicht nur von Religionskritikern gesehen, sondern auch von Gläubigen. Auf einer Internet-Seite der Mission der Deutschen Dominikaner ist zu lesen: „Mit Theodizee meinen wir weniger die Rechtfertigung Gottes, etwa dass er sich uns gegenüber für die Verhängung oder auch nur Zulassung von Übel und Leid rechtfertigen müsste – dies von Gott zu fordern, wäre eine unverschämte Anmaßung –, sondern im Sinne der Apologetik eher die Rechtfertigung des Glaubens an einen Gott, von dem wir im bekannten Loblied singen: ‚...der alles so herrlich regieret...’“ (Theodizee: Befreit uns Gott von Übel und Leid?)

Selbst nicht unschuldig

„Anmaßung, als neutraler und angeblich unschuldiger Zensor über Gott und die Welt das Urteil sprechen zu wollen“ – diesen Vorwurf erhebt der Theologe Hans Küng im Rahmen seiner Antwort auf das Theodizee-Problem (Christ Sein, S. 357, 5. Seite des Unterkapitels Kein neuer Gott im Kapitel C.IV.2).

„Angeblich unschuldig“? Für unschuldig halten müsste man sich vielleicht, wenn man Gott etwas vorwerfen wollte. Aber vielen geht es beim Theodizee-Problem gar nicht um Vorwürfe. Und auch nicht unmittelbar um Gott. Sondern um die Beurteilung einer religiösen Lehre: ob sie zutreffen kann oder nicht.

Zweifel daran äußern sich nicht selten als Zweifel an der Güte Gottes. Wenn festgestellt wird, dass jemand nicht sehr gütig sei, dann wird über ihn etwas Unerfreuliches festgestellt. Bei derlei Feststellungen wird leicht vergessen, zu unterscheiden:

       Etwas Unerfreuliches festzustellen, ist das eine;

       es jemandem vorzuwerfen, ist das andere.

Um festzustellen, ob etwas zutrifft, braucht man keine besonderen moralischen Qualitäten. Man braucht kein ehrlicher Mensch zu sein, um festzustellen, dass jemand anders gestohlen hat. Erst wenn es darum geht, jemandem einen Diebstahl vorzuwerfen, gilt: Dazu hat kein Recht, wer selber stiehlt wie ein Rabe.

Ebenso gilt: Gott Mangel an Güte vorzuwerfen, dazu hätte man kein Recht, wenn man selbst nicht besser wäre. Aber das wäre kein Hindernis, solchen Mangel an Güte festzustellen. Kein Hindernis, sich eine Meinung darüber zu bilden, was über die Güte eines allmächtigen Gottes gesagt werden kann; ob man zu dem Schluss kommen muss, dass er – sofern er existiert und allmächtig ist – nicht besonders gütig sein könne.

Das Ergebnis dieser Meinungsbildung müssten wir nicht davon abhängig machen, wie gütig oder wie unschuldig wir sind. Im Gegenteil, das wäre unvernünftig.
Denn von unseren Unzulänglichkeiten wird kein Gott gütig,
und keine Lehre darüber wird wahr.

Klüger?

Sich für klüger zu halten als Gott – diesen Vorwurf erhebt der Jesuit P. Albert Keller SJ im Rahmen eines kurzen „Besinnungstextes Disclaimer zum Theodizee-Problem: „Steckt nicht hinter der anklagenden ... Frage, wie Gott denn all das Elend und Unrecht in der Welt zulassen könne, insgeheim unsere Überzeugung, das könne doch unmöglich zum Guten führen? Uneingestanden halten wir uns dann für klüger als Gott, der uns eben dies versichern lässt, dass alles zum Guten führt ...“; dabei bezieht sich P. Albert Keller SJ auf den Bibelspruch: „Wir wissen, dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt“ (Brief des Paulus an die Römer 8,28).

Man muss sich nicht für klüger halten, um seinem eigenen Urteil trauen zu können. Nicht einmal für ebenso klug. Wie viel 2 mal 0,37 ist, das kann ein Milchmädchen so gut beurteilen wie der klügste Mathematik-Professor.

Für klüger als Gott braucht man sich schon gar nicht zu halten, um die Behauptung des Paulus im Römerbrief anzuzweifeln. Es genügt vollauf, wenn man dem eigenen Urteil mehr traut als dem Urteil des Paulus. Und dazu haben wir in diesem Fall allen Grund. Der Apostel erweist sich als ein Kind seiner Zeit, wenn er schreibt, wir würden wissen, dass Gott dies oder das tun würde. Heute pfeifen es die Spatzen von den Dächern: Wir können nicht einmal wissen, ob Gott überhaupt existiert.

 

Angebliche Entbehrlichkeit einer Lösung
des Theodizee-Problems

Angeblich unzureichende Kompetenz
zur Beurteilung der Theodizee-Frage

Trotz aller bisherigen Theodizee-Versuche sei das Theodizee-Problem ungelöst – zu diesem Schluss kam der Philosoph Immanuel Kant in seinem Aufsatz „Über das Misslingen aller philosophischen Versuche in der Theodizee“. Er schrieb: „dass alle bisherige Theodizee das nicht leiste was sie verspricht, nämlich die moralische Weisheit in der Weltregierung gegen die Zweifel, die dagegen aus dem, was die Erfahrung an dieser Welt zu erkennen gibt, gemacht werden, zu rechtfertigen“.

Diese Auffassung hat inzwischen einige Verbreitung gefunden. Bis hinein in die Kreise von Gläubigen, die am Glauben an einen allmächtigen und sehr gütigen Gott festhalten.

Darin können sie sich sogar durch Kant bestätigt fühlen; denn auch er distanzierte sich nicht von diesem Glauben. Stattdessen behauptete er, wir könnten „auch das Gegenteil nicht beweisen“. All das sei uns zu hoch, es übersteige die Möglichkeiten unserer Vernunft. Es gebe so vieles, was wir nicht wüssten und nicht verstünden.

Aber – müssten wir denn so viel wissen und verstehen, um Fragen zu beantworten wie: Kann es sein, dass es etwas Gutes sein könnte, wenn Kinder im Bombenfeuer verbrennen? Kann es sein, dass ein sehr gütiges Wesen damit einverstanden sein könnte? Dass es nichts daran ändern wollen würde?

Und wenn das nicht sein kann – ist die Frage so schwierig, was ein sehr gütiges Wesen dann tun würde, wenn es allmächtig wäre? Und ob die Welt dann so aussehen würde, wie sie tatsächlich aussieht? Oder, andersherum gefragt: da die Welt nun einmal so aussieht, ob es dann sein kann, dass es einen allmächtigen und sehr gütigen Gott geben könnte?

Ist uns das wirklich zu hoch?
Übersteigt es wirklich die Möglichkeiten unserer Vernunft,
uns dazu ein Urteil zu bilden?

Mir scheint das eher die Ausrede derjenigen zu sein,
die sich sträuben, das Ergebnis vernünftiger Überlegungen zu akzeptieren – weil es nicht das Ergebnis ist,
zu dem sie gern gelangt wären.

Unsere Vernunft sei nicht unfehlbar, meinen einige Gläubige.
Deshalb sei es gar nicht vernünftig, sich allzu sehr darauf zu verlassen.
Wir sollten lieber auf das Wort Gottes hören.

Stimmt, unsere Vernunft ist nicht unfehlbar. Nur – welche Alternativen haben wir denn?

Das „Wort Gottes“? So bezeichnen Gläubige bestimmte Texte ihrer eigenen Religion. Texte, von denen sie glauben, dass darin das Wort eines Gottes überliefert sei. Mit dieser Begründung empfehlen einige, diesen Texten uneingeschränkt zu vertrauen.

Eine triftige Begründung ist das nicht. Schon deshalb nicht, weil man nicht uneingeschränkt darauf vertrauen kann, dass in diesen Texten wirklich das Wort eines Gottes überliefert ist. Wir haben ja nicht einmal Gewissheit, dass es einen Gott überhaupt gibt. Erst recht nicht, dass je ein Gott sein Wort an die Menschen gerichtet hat. Schon gar nicht, dass dies Wort in ganz bestimmten Texten überliefert ist.

Was selbst so unsicher ist, kann nicht viel Vertrauen begründen. Die Unsicherheiten hier sind weit größer als die Unsicherheiten, die durch die Fehlbarkeit unserer Vernunft entstehen. Die angeblich göttliche Herkunft eines Textes ist kein vernünftiger Grund, diesem Text mehr zu vertrauen als den eigenen vernünftigen Überlegungen.

Um Vertrauen in ihre Heilige Schrift werben einige Gläubige mit dem Argument, es stehe doch so viel Gutes und Richtiges darin.

Vertrauen auf der Grundlage des Inhalts einer Schrift – da wäre zunächst zu überprüfen, wie es um diese Grundlage bestellt ist:

       Steht wirklich so viel Gutes und Richtiges darin?

       Und andererseits: Steht auch Falsches oder Schlechtes darin? Ist es viel? Betrifft es Wichtiges?

Bei der Überprüfung einiger wichtiger Heiliger Schriften – wie Thora, Bibel und Koran – stellt sich heraus, dass man tatsächlich allen Grund zur Skepsis hat.

Und selbst wenn man viel Richtiges gefunden hätte und nichts Falsches oder jedenfalls nichts Falsches von Bedeutung – selbst dann könnte nur ein gewisses Maß an Vertrauen gerechtfertigt sein, aber niemals ein uneingeschränktes Vertrauen.

Wir mögen tausend Behauptungen einer Schrift überprüft und für richtig befunden haben, die tausenderste kann dennoch falsch sein. Es kann vorkommen, dass vernünftige Überlegungen uns zu dem Schluss führen, dass die tausenderste Behauptung nicht richtig sein kann.

Theoretisch könnte dann wohl jemand sagen: „Ich werde mich geirrt haben. Die Behauptung wird schon richtig sein, weil die tausend anderen ja auch richtig waren.“ – Aber vernünftig wäre das nicht. Die tausend richtigen Behauptungen sind kein zwingender Beweis dafür, dass auch die tausenderste richtig sein müsste. Wohl aber kann es einen zwingenden Beweis geben, dass die tausenderste falsch sein muss.
 

Es mag noch weitere Gründe geben, einer Schrift zu vertrauen. Nie jedoch kann es vernünftig sein, in diesem Vertrauen so weit zu gehen, dass man deshalb jeden Unsinn glaubt.

Soweit Vertrauen in einen Text vernünftig ist, beruht es auf nichts anderem als auf einem vernünftig begründeten Urteil, dass dieser Text vertrauenswürdig sei.

Soweit Vertrauen in einen Text vernünftig ist, kann es nicht größer sein als unser Vertrauen in unsere Fähigkeit, die Vertrauenswürdigkeit eines Textes zu beurteilen.

Wir haben also gar nicht die Wahl zwischen unseren eigenen Urteilen und irgendetwas, was mehr Vertrauen verdienen könnte. Wir haben lediglich die Wahl, in welchen Fragen wir unserem Urteil am meisten vertrauen.
 

Der Bereich religiöser Schriften ist nun ein Bereich, in dem es gar nicht so einfach ist, sich ein Urteil zu bilden. Die klügsten Köpfe vertreten die unterschiedlichsten Ansichten. Es gibt so manches, was wir besser beurteilen können. Es gibt so manches, bei dem wir uns unserer Sache sicherer sein können.

In einem Fall bin ich mir meiner Sache sehr sicher:
All das viele und schwere Leiden auf dieser Welt
kann unmöglich dem Willen eines gütigen Wesens entsprechen.
Und wenn in der Bibel oder in einer sonstigen Heiligen Schrift zu lesen ist, es entspräche dem Willen eines gütigen Gottes,
dann traue ich mir das Urteil zu: Das ist offensichtlich nicht wahr.
 
 

Appell an die Treue

„Man muss angesichts dieses Gottes das entwickeln, was auch sonst im Leben nötig ist, nämlich aushalten können, Treue und zu dem stehen, was Gott uns verheißen hat, auch wenn es im Augenblick nicht so aussieht, als dass er’s je erfüllen würde“ – so kommentierte der Theologe Klaus Berger das Übermaß von Leid auf dieser Welt. (Quelle: Eberhard Reuß, Südwestrundfunk SWR2, Glaubensfragen, „Wie viel Leid erträgt der Mensch? Disclaimer)

Treue – dies Wort hat einen guten Klang. Und Treue kann tatsächlich etwas Gutes sein: Treue zu einer guten Sache, Treue zu Menschen, deren Vertrauen wir nicht enttäuschen wollen.

Aber es kommt vor, dass Treue ihren guten Sinn verliert: Wenn eine vermeintlich gute Sache sich als schlecht herausstellt. Wenn Menschen, denen man vertraute, Dinge tun, die man nicht akzeptieren kann. Oder, im Bereich der Religion: wenn man zu dem Schluss kommt, dass man das, was man bisher geglaubt hat, nicht mehr für glaubhaft halten kann; dass man beispielsweise nicht mehr für glaubhaft halten kann, dass es den Gott, den man bisher verehrt hat, überhaupt gibt.

„Treue“ verliert ihren guten Sinn, wo sie Menschen daran hindert, aus neuen Erkenntnissen angemessene Konsequenzen zu ziehen. „Treue“ verliert ihren guten Sinn, wo sie Menschen daran hindert, zu denken und zu tun, was sie für richtig halten. „Treue“ dieser Art ist keine lobenswerte Beständigkeit, sondern zu kritisierender Starrsinn.

Appell an das Gottvertrauen

„Durch Leiden soll der Mensch zum Leben gelangen. Warum das so ist, warum das für den Menschen gut und sinnvoll ist, warum es nicht ohne Leid besser ginge, das kann keine Vernunft erweisen.“ schreibt der Theologe Hans Küng (Christ sein, S. 528).

Durch so viel Leiden? Soll wirklich alles Leiden für den Menschen „gut und sinnvoll“ sein? Es ist schon erstaunlich, was ein Theologe alles „gut und sinnvoll“ finden kann, wenn er trotz Theodizee-Problem an dem Glauben festhalten will, es gebe einen „allmächtigen und allgütigen“ Gott.

„Das kann aber vom Leiden, Sterben und neuen Leben Jesu im Vertrauen auf Gott schon in der Gegenwart als sinnvoll angenommen werden“, fährt Küng fort, „in der Gewissheit der Hoffnung auf ein Offenbarwerden des Sinnes in der Vollendung.“

Angenommen werden kann das anscheinend – in dem Sinne, dass es psychologisch möglich ist, so etwas anzunehmen. Für manche Menschen jedenfalls.

Aber ob das auch angenommen werden kann in dem Sinne,
dass es nicht unvernünftig ist –
das ist eine andere Frage.

   Küng meint, „im Vertrauen auf Gott“. Er empfiehlt „unbedingtes und restloses Vertrauen“ (Christ sein, S. 357).

Er empfiehlt ein Ausmaß an Vertrauen,
das niemals vernünftig begründet werden kann.

   Küng spricht vom „Leiden, Sterben und neuen Leben Jesu“. Das Entscheidende dabei ist das „neue Leben“ Jesu. Einige Seiten zuvor schreibt Küng: „Allein von der geglaubten Auferweckung Jesu zu neuem Leben mit Gott kommt ein Sinn in dieses sinnlose Sterben.“ (Christ sein, S. 515; Hervorhebung von Küng)

Küngs entscheidender Punkt ist ein Schwachpunkt:
Warum sollte jemand glauben,
dass Jesus wirklich „zu neuem Leben auferweckt“ worden sei?
Warum sollte jemand etwas so Außergewöhnliches glauben?

Solange dafür keine vernünftige Begründung gegeben wird,
ist dieser Punkt nicht geeignet, Vertrauen vernünftig zu begründen.

   Küng macht Hoffnung auf „ein Offenbarwerden des Sinnes in der Vollendung“.

Wieder ist die Frage:
Warum sollte jemand glauben,
dass diese Hoffnung nicht trügen würde?

Wenn die Gegenwart so ganz anders aussieht –
und wenn nicht einmal im Ansatz erkennbar ist,
wie diese Hoffnung denn einmal erfüllt werden könnte –
dann ist eine solche Vertröstung auf später nicht eben vertrauenerweckend.
Eher gibt sie Anlass zu skeptischen Fragen:
„Warum erst später? Warum nicht jetzt?“

   „Unbedingtes und restloses Vertrauen“ empfiehlt Küng – und nennt es im gleichen Satz ein „ungesichertes Wagnis“ (Christ sein, S. 357).

Küng weiß es offenbar selbst: Eine sichere Grundlage für dies Vertrauen hat er nicht zu bieten. Ähnlich sehen das nicht wenige Christen von heute. Dennoch scheinen viele von ihnen dies „ungesicherte Wagnis“ für etwas Wünschenswertes, ja Großartiges zu halten.

Eine erstaunliche Einstellung. Vernünftiges Vertrauen ist schließlich kein Vertrauen aufs Geratewohl. Es ist abhängig von der Qualität der Grundlage, auf der es beruht. Je sicherer die Grundlage, um so größeres Vertrauen kann vernünftig sein. Je unsicherer die Grundlage, um so enger die Grenzen für ein vernünftig begründetes Vertrauen:

       Grenzen der Gewissheit: Je unsicherer die Grundlage, um so mehr muss man damit rechnen, eines Tages mit Gründen konfrontiert zu werden, das Vertrauen zu überdenken – und am Ende möglicherweise umzudenken. Um so unvernünftiger ist, was Küng empfiehlt: „entschiedene Ablehnung eines auch nur leisen und unausgesprochenen Misstrauens“ (Christ sein, S. 357). Dies ist eine Absage an das kritische Denken. Unvernünftig vor allem dann, wenn man bereits Gründe kennt, das Vertrauen zu einem angeblich allmächtigen und sehr gütigen Gott zu überdenken: all die Leiden in dieser Welt.

       Grenzen der Risikobereitschaft: Auf einer unsicheren Grundlage wird kein vernünftiger Mensch bereit sein, ohne Not etwas Wertvolles in Gefahr zu bringen. Da kann es einen schon wundern, wie wenig einige Christen vor dem Risiko zurückschrecken, ihr Vertrauen an einen Unwürdigen zu verschwenden oder an ein bloßes Hirngespinst.

Wo die Grundlagen unsicher sind, da ist Vertrauen nur in Grenzen vernünftig. Was darüber hinausgeht, verdient eher Bezeichnungen wie Leichtgläubigkeit oder Vertrauensseligkeit.
Wenn es um Wichtiges geht, kann übergroßes Vertrauen zu Leichtfertigkeit ausufern.

Trotzdem empfiehlt Küng, Gott ein „unbedingtes und restloses Vertrauen“ entgegenzubringen. So freimütig er zugibt, dass es sich um ein „ungesichertes Wagnis“ handelt, so weit ist er davon entfernt, von seiner Empfehlung irgendwelche Abstriche zu machen.

Für dies Vertrauen wirbt Küng mit beredten Worten: „Einen letzten Halt findet der leidende, zweifelnde, verzweifelte Mensch nur im nüchternen Eingeständnis der Unfähigkeit, das Rätsel des Leids und des Bösen enträtseln zu können. ... In jenem gewiss ungesicherten und doch befreienden Wagnis, dem unbegreiflichen Gott in Zweifel, Leid und Schuld, in aller inneren Not und allem äußeren Schmerz, in aller Angst, Sorge, Schwäche, Versuchung, in aller Leere, Trostlosigkeit, Empörung einfach und schlicht ein unbedingtes und restloses Vertrauen entgegenzubringen. ... Nur wenn wir – trotz allem – ausgesprochen oder unausgesprochen ‚Amen’ (‚so sei es’, ‚so ist es recht’) sagen, lässt sich das Leid zwar nicht ‚erklären’, aber bestehen.“ (Christ sein, S. 357)

Mit anderen Worten: Der Mensch soll nicht etwa deshalb glauben und vertrauen, weil er Gründe hätte zu erwarten, dass wirklich stimmen würde, was er glauben und worauf er vertrauen soll – der Mensch soll glauben und vertrauen, weil er sich dann besser fühlen könnte. Weil er sich einen Vorteil davon versprechen könnte.

Diese Art von Argumentation nennt man:
Aufforderung zum Wunschdenken.
Aufforderung dazu, sich selbst etwas in die Tasche zu lügen.

Kein Wunder, dass der Philosoph Hans Albert die Ausführungen Küngs zum Theodizee-Problem folgendermaßen kommentiert: „Von einem modernen »kritischen« Theologen kann man offenbar nicht mehr erwarten, dass er eines der wichtigsten und schwierigsten Probleme der Theologie ernst nimmt.“ (Das Elend der Theologie, S. 161)

Das Leiden Jesu

Wenn Christen sich zum Theodizee-Problem äußern, dann kommt es nicht selten vor, dass sie dabei auf das Leiden und Sterben Jesu verweisen. Einige scheinen das für einen Beitrag zur Lösung des Theodizee-Problems zu halten, oder zum angemessenen Umgang mit dem Theodizee-Problem.

Für sich genommen – ohne theologische Deutungen und Dogmen – ist in Jesu Foltertod keine Lösung des Theodizee-Problems zu erkennen. Eher ist dieser Foltertod ein Teil des Problems. Gleichsam ein Theodizee-Problem im Kleinformat:
Warum musste Jesus so leiden und sterben,
wenn Gott doch angeblich allmächtig und sehr gütig ist?

„... von der geglaubten Auferweckung Jesu zu neuem Leben mit Gott kommt ein Sinn in dieses sinnlose Sterben“, schreibt Hans Küng.
(Christ sein, S. 515; Hervorhebung von Küng)

Das wäre erklärungsbedürftig:
Warum hätte Jesus dies „Leben mit Gott“
nicht auch ohne vorheriges Leiden und Sterben haben können?

Nicht viel anders wird das, wenn Küng das ganze Geschehen als Botschaft an den leidenden Menschen versteht:

„Im Blick auf den einen Leidenden“ sei ein „Sinn-Angebot“ gemacht, meint Küng – vor allem für den leidenden Menschen. Küng beschreibt es so: „Aber weder Leiden noch Sterben kann ihn in Angst um die Hoffnung bringen. ... Eine Situation mag noch so trostlos, sinnlos, verzweifelt sein – auch hier ist Gott da.“ (Christ sein, S. 528)

Warum sollte dies „Sinn-Angebot“ mit so viel Leiden verbunden sein müssen? Weil einige Menschen so sehr leiden? – Ja, warum müssen denn diese Menschen so sehr leiden? Könnte es nicht allen zusammen besser gehen?

Anders argumentiert Peter Hahne, ZDF-Journalist und examinierter evangelischer Theologe, in seinem Buch „Leid – Warum lässt Gott
das zu?“. „Gott hat das Leid bereits ertragen“, zitiert ihn Frank Krüger
im Saar-Echo Disclaimer vom 30.11.2005. „In der Person seines Sohnes
Jesus Christus. Wir brauchen Gott gar keinen Prozess zu machen.“

Nanu? Würden wir keinen Prozess machen,
hätte ein Masochist gemeint, er hätte ein Leid ja selbst ertragen,
also hätte er es anschließend auch anderen zufügen dürfen? Würden wir ihn „gütig“ nennen?

Gegenwart und Beistand Gottes

Gott sei „bei den Leidenden“ und „stehe ihnen bei“, erklärt die evangelische Landesbischöfin Margot Käßmann
(Saar-Echo Disclaimer vom 30.11.2005).

Wird Gottes unterlassene Hilfeleistung gegenüber Leidenden dadurch weniger skandalös?

Durch Anwesenheit und Zuwendung zu helfen, das ist manchmal das Einzige, was wir Menschen für einen Leidenden tun können. Wir Menschen haben manchmal einfach nicht die Möglichkeit, jemanden vom Leiden zu befreien. Damit sind wir entschuldigt.

Aber eine Lösung des Theodizee-Problems ist auf diese Weise nicht zu haben. Ein allmächtiger Gott hätte viele Möglichkeiten, Leidende vom Leiden zu befreien – was soll man davon halten, wenn er sie nicht nutzt? Was würden wir wohl von einer Mutter halten, die ihrem schwerkranken Kind eine heilende Medizin vorenthalten würde und darauf verweisen würde, dass sie ja bei ihrem leidenden Kind sei und ihm „beistünde“? Würden wir uns nicht an den Kopf fassen? Würden wir uns nicht fragen, ob man so einer Mutter nicht das Sorgerecht entziehen sollte? Ob man sie nicht auf ihren Geisteszustand untersuchen sollte?

Leid nicht erklären, sondern etwas dagegen tun

„Wenn bei der Antwort auf die Frage, warum Gott solches Leid zulasse, fast die Worte ausbleiben, so können wir dennoch etwas tun: helfen“, erklärte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann (zitiert nach Karsten Huhn, Nach dem Seebeben beschäftigt viele die Frage nach Gottes Gerechtigkeit, gefunden unter http://www.idea.de/cfml/index.cfm, Link nicht mehr aktiv).

Nicht ungeschickt, wie der Kardinal argumentiert. „Können wir das eine Problem nicht lösen, wenden wir uns einem anderen zu!“ – das hat seine psychologischen Vorteile. Gleich fühlt man sich nicht mehr so hilflos. Und man kann ein prima Gewissen dabei haben: Schließlich ist es ja sehr wichtig, den Leidenden zu helfen. Etwaigen Bedenken kann man mit der Frage begegnen:
„Ist das denn nicht wichtiger, als über das Theodizee-Problem nachzugrübeln?!“

Ein verführerisches Argument. Jedoch: „Etwas anderes ist wichtiger“, das gilt fast überall. Von den meisten Problemen könnte man das sagen. Soll man sich deshalb davon ablenken lassen?
Besser nicht zu schnell. Sonst könnten wichtige Probleme auf der Strecke bleiben. Ein Problem, das nicht das wichtigste Problem der Welt ist, muss deshalb noch lange nicht unwichtig sein.

 

Auswertung

Im Theodizee-Problem haben viele Theologen und Philosophen eine Herausforderung gesehen,
einen ernst zu nehmenden Einwand
gegen den Glauben an einen allmächtigen und sehr gütigen Gott.

Mögliche Reaktionen:

1. Versuche, diesen Einwand zu widerlegen

2. Versuche, diesen Einwand für irrelevant zu erklären
oder gar für illegitim

3. Die Einsicht, dass dieser Einwand völlig berechtigt ist
und dass die Lehre vom allmächtigen und sehr gütigen Gott
damit widerlegt ist
 

1. Möglichkeit der Reaktion:
Versuche, den Einwand zu widerlegen

Viele haben es mit der Erklärung versucht,
die vorhandenen Übel seien notwendig:
um schlimmere Übel zu vermeiden,
oder um höchst erstrebenswerte Ziele zu erreichen,
erstrebenswert genug, um dafür gewisse Übel in Kauf zu nehmen.
Daneben gab es Versuche, die Übel für bedeutungslos zu erklären.
So wurde eine umfangreiche Sammlung an Erklärungsversuchen zusammengetragen.

Aber eine überzeugende Lösung des Theodizee-Problems,
die die Lehre vom allmächtigen und sehr gütigen Gott als glaubhaft erweisen könnte, hat man damit nicht gefunden.

Da hilft es nicht viel, wenn man argumentiert,
mit all den Erklärungsversuchen sei man einer Lösung so nahe gekommen, dass man in den restlichen ungelösten Fragen
kein Problem mehr zu sehen brauche.
Dass man erwarten dürfe,
dass es auch auf diese Fragen eine Antwort geben müsste,
da man schon in so vielen Fällen eine Erklärung für das Leiden
gefunden zu haben meint.

Vielmehr versagen all die Erklärungsversuche gerade da, wo das Theodizee-Problem besonders schwierig ist. Wo Menschen von besonders schwerem Leiden betroffen sind, und wo man beim besten Willen keinen Sinn in diesem Leiden zu erkennen vermag.
 

Einige der Erklärungsversuche machen das Problem nicht besser, sondern eher noch schlimmer. Etwa wenn erklärt wird, es wäre gut, wenn die einen leiden, damit Glücklichere helfen können. Oder wenn die einen verletzt werden und sterben müssen, damit Mörder und Gewalttäter nach ihrem „freien Willen“ handeln können.

Dabei zeigt sich in derlei absurden Vorstellungen nur der Widersinn, der schon in der Lehre vom allmächtigen und sehr gütigen Gott angelegt ist. Die logische Konsequenz dieser Lehre ist nämlich, was der englische Dichter und Philosoph Alexander Pope (1688-1744) in einem vielzitierten Gedicht in die Worte gefasst hat: “Whatever is, is right”, in deutscher Prosa: „Was auch immer da ist, was auch immer geschieht, es ist gut so.“ Die logische Konsequenz ist, dass alles, aber auch alles auf dieser Welt „gut so“ genannt werden müsste; selbst die schlimmsten Verbrechen, selbst die qualvollsten Leiden müssten „gut so“ genannt werden.

So ist im Grunde schon die Behauptung
„Es gibt einen Gott, und er ist allmächtig und sehr gütig“
eine Verhöhnung aller Leidenden.
 

2. Möglichkeit der Reaktion:
Versuche, den Einwand für irrelevant zu erklären
oder gar für illegitim

Was Philosophen und Theologen alles zusammengetragen haben an Versuchen zu erklären, warum ein allmächtiger und sehr gütiger Gott seinen leidenden Geschöpfen so wenig helfen würde – viele Menschen finden es nicht überzeugend.

Darunter auch Christen. Teilweise stoßen die Erklärungsversuche sogar auf ein gewisses Unbehagen. „Manche halten eine Lösung auch gar nicht für wünschenswert, weil sie mit einem gewissen Recht fürchten, dass sie auf eine Legitimierung des Leidens hinausliefe“,
ist zu lesen bei Peter Knauer SJ Disclaimer.

Sehr deutlich formuliert Alfred Buß, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen: „Ehrliche Theologie gesteht ein, dass es auf die Frage nach dem Sinn des Leidens keine Antwort gibt. Wer sie trotzdem versucht, setzt nur Irrlichter auf.“ (gefunden unter http://www.idea.de/cfml/index.cfm, Link nicht mehr aktiv).

So sehen es heute nicht wenige Christen.
Jedoch nicht alle ziehen daraus Konsequenzen für ihren Glauben.
Einige glauben weiterhin an einen allmächtigen und sehr gütigen Gott.

Einige verweisen darauf, sie hätten Wichtigeres zu tun,
als über das Theodizee-Problem nachzudenken.
Einige erklären sich für unzuständig: Das sei ihnen „zu hoch“,
oder sie hätten „unbedingtes und restloses Vertrauen“ zu Gott.
Einige erheben gar den Vorwurf, die Theodizee-Frage sei „anmaßend“.

Gründe genug, sich über das Theodizee-Problem hinwegzusetzen?

Vielleicht für jemanden, für den sein Glaube nicht viel mehr ist
als ein Für-wahr-Halten bestimmter Glaubenssätze. Für den sich ohne diesen Glauben kaum etwas ändern würde. In diesem Fall
würde es kaum einen Unterschied machen, ob das Theodizee-Problem diesen Glauben ad absurdum führt oder nicht. Dann wäre verständlich, wenn ein Mensch das zu den weniger wichtigen Dingen zählt und meint, darum brauche er sich nicht unbedingt zu kümmern.

Es gibt jedoch Gläubige, für die das ganz anders aussieht. Der Glaube an einen allmächtigen und sehr gütigen Gott hat maßgebliche Bedeutung für ihr ganzes Leben.

Für diesen Glauben ist die Theodizee-Frage von größter Relevanz: Ist sie doch die Frage, ob das, was da geglaubt wird, überhaupt stimmen kann. Und wenn nicht, dann hätte der Gläubige allen Grund, seinen Glauben zu überdenken.

Angesichts der Bedeutung, die der Glaube an einen allmächtigen und sehr gütigen Gott für einige Gläubige hat, darf man sich darüber wundern, wie viele meinen, sie könnten die Theodizee-Frage ignorieren. Sie könnten eine Frage ignorieren, die erhebliche Konsequenzen für ihren Glauben haben könnte.

Ein Glaube, für den, von einer gewissen geistig-seelischen Reife an, jeder Mensch selbst verantwortlich ist. Auch dann, wenn er mit Begründungen wie „mir zu hoch“ oder „ich vertraue ...“ auf eigene kritische Überlegungen verzichtet und bei dem bleibt, was er nun einmal glaubt. Also in aller Regel großenteils bei dem, was er von klein auf gelehrt wurde.

Angesichts der Bedeutung, die einige Gläubige ihrem Glauben zuschreiben, darf man sich darüber wundern, wie bereitwillig viele von ihnen die Entscheidung darüber dem Zufall überlassen, der sie in einer bestimmten Umgebung zur Welt kommen ließ
und zuerst mit bestimmten Vorstellungen in Berührung kommen ließ.
 

Was den Vorwurf der „Anmaßung“ angeht –
kann man ein solches Denkverbot akzeptieren?
Darf man es akzeptieren?

Wenn es um Wichtiges geht – ist man es dann nicht sich selber schuldig, nach einer sorgsam durchdachten Entscheidung zu suchen?
Ist man das nicht manchmal auch anderen Menschen schuldig?
Zum Beispiel, wenn man Kinder hat oder haben will
und die Entscheidung zu fällen hat,
welche Überzeugungen man ihnen von klein auf nahebringen will?
Könnte man es verantworten,
auf eine durchdachte Entscheidung zu verzichten?
 

3. Möglichkeit der Reaktion:
Die Einsicht, dass der Einwand völlig berechtigt ist
und dass die Lehre vom allmächtigen und sehr gütigen Gott
damit widerlegt ist

Damit ist das Theodizee-Problem gelöst.

Mehr noch:
Damit ist eine Lösung für das Theodizee-Problem gefunden,
von der man überzeugt sein darf, dass sie den Tatsachen entspricht.

Weil man einen triftigen Grund hat für die Überzeugung,
dass das Gegenteil nicht sein kann:
Denn ein allmächtiger und sehr gütiger Gott
hätte mehr Menschen vor Leiden bewahrt.
 

Auf Feststellungen dieser Art reagieren einige Gläubige mit persönlichen Vorwürfen.

Dr. Nadeem Elyas vom Zentralrat der Muslime nennt es „naiv und dumm“, im Glauben eine „Garantie gegen Armut, Seuchen, Naturkatastrophen, Krieg und Vernichtung auf Erden“ zu sehen. (Saar-Echo vom 3.12.2005)

Dabei ist eine weitgehende Garantie gegen all das
eine logische Konsequenz aus den Dogmen
von der Allmacht und der Allgüte Gottes.
An diese Garantie zu glauben, das mag man „naiv und dumm“ nennen.
Es ist jedoch nicht naiver und nicht dümmer,
als an die Allmacht und Güte Gottes zu glauben.
 

Einen anderen Vorwurf bekam ich gelegentlich in Diskussionen mit Gläubigen zu hören:
„Du machst es dir leicht!“

Das könnte ein berechtigter Vorwurf sein,
wenn ich es mir zu leicht gemacht hätte.
Wenn ich etwas Wichtiges zu wenig beachtet hätte.

Das ist jedoch, soweit ich sehe, nicht der Fall.
Ich sehe keinen Grund,
mich durch einen solchen Vorwurf getroffen zu fühlen.

Aus meiner Sicht sind es eher diese Gläubigen,
die etwas Wichtiges zu wenig beachten:
das Theodizee-Problem,
einen schwerwiegenden Einwand
gegen die Lehre vom allmächtigen und sehr gütigen Gott.

Dass diese Gläubigen es manchmal schwer haben damit,
dass es diesen Einwand gibt
und kein überzeugendes Argument dagegen,
das mag sein.

Na und?
Es ist kein Verdienst, sich das Leben schwer zu machen.
Wenn das völlig unnötig ist,
wenn es nicht zu einem besseren Ergebnis führt,
dann ist das nur unvernünftig.

Es ist auch kein Verdienst, an einem Glauben festzuhalten,
wenn die Argumente dagegen stichhaltiger sind
als die Argumente dafür.

Schon gar nicht, wenn es gegen diesen Glauben
ein so stichhaltiges Argument gibt wie das Theodizee-Problem –
während die Suche nach Gegenargumenten von vergleichbarer Qualität
kläglich gescheitert ist.

Es ist kein Verdienst,
sich der Überzeugungskraft von Argumenten zu verschließen.
 

Meiner Entscheidung
gegen den Glauben an einen allmächtigen und sehr gütigen Gott
brauche ich mich nicht zu schämen.
Ich bin überzeugt, dass ich diese Entscheidung
mit guten Gründen für richtig halten kann.
 

Braunschweig, den 22. November 2006

Irene Nickel

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1 Diese Überlegungen wurden von dem Kirchenschriftsteller Laktanz (ca. 250–320 u. Z.) überliefert und dem Philosophen Epikur
(ca. 341–270 v.u.Z.) zugeschrieben. Nach heutiger Auffassung stammt diese Überlegung jedoch weder von Epikur noch aus seiner Schule,
sondern von einem unbekannten Philosophen der skeptischen Richtung.

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Ergänzt am 4. Dezember 2006, sowie am 28. Dezember 2006

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URL: http://irenenickelreligionskritik.beepworld.de/theodizee_meinung.htm


   

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