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Irene Nickel

Jesus – ein Lehrer der Nächstenliebe?

Fragt man Christen nach dem Hauptinhalt der Lehren Jesu,
so bekommt man oft zur Antwort:

„Die Nächstenliebe.

Das Gebot
Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

Tatsächlich war dies Gebot ein Bestandteil der Lehren Jesu,
wie dies in den Evangelien an mehreren Stellen zu lesen ist.

Allerdings war das nichts Besonderes.
Das Gebot der Nächstenliebe war nicht neu,
es steht schon genau so im „Gesetz“ der Juden, in der Thora,
in den fünf Büchern Mose (Levitikus = 3. Mose 19,18).

Wie auch das andere Gebot,
das oft noch vor dem Gebot der Nächstenliebe genannt wird,
schon in der Thora steht:

Darum sollst du den Herrn, deinen Gott,
lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.
      (Deuteronomium = 5. Mose 6,5)

Die besondere Bedeutung dieser beiden Gebote
wurde auch von anderen jüdischen religiösen Lehrern betont.
Wie von dem Gesetzeslehrer,
der im Evangelium nach Lukas die beiden Gebote zitiert,
woraufhin Jesus ihm recht gibt (Lukas 10,27-28).

Wenn Jesus Nächstenliebe predigte,
dann war das nichts Neues und nichts Besonderes.

Am Herzen lag Jesus eine andere Botschaft:

Das Reich Gottes ist nahe.
Kehrt um, und glaubt an das Evangelium.
      (Markus 1,14-15;
       ähnlich Lukas 4,43 und Matthäus 4,17)
1

Um dies zu verkünden, sei er gesandt, glaubte Jesus.
So beschreiben die Evangelien den Hauptinhalt seiner Predigt.
Immer wieder kommt Jesus darauf zu sprechen,
nicht zuletzt in vielen Gleichnissen.

Dass dies das Hauptanliegen Jesu war,
wird von der modernen Leben-Jesu-Forschung untermauert.
Und ebenso, dass Jesus,
wie in seiner Zeit und Kultur nicht ungewöhnlich,
das Hereinbrechen des Gottesreiches in naher Zukunft erwartete.2

Vor diesem Hintergrund ist zu sehen,
was Jesus dazu sagte, wie Menschen sich verhalten sollten.

Heute wissen wir:
Jesus ging von falschen Voraussetzungen aus.
Ein guter Grund,
den Schlussfolgerungen Jesu für das Verhalten der Menschen
mit Skepsis zu begegnen.

Doch das ist nicht der einzige Grund für meine Frage:
War Jesus ein bedeutender Lehrer der Nächstenliebe?

Einige Aspekte dieser Frage:

Wie ist Jesu Einstellung zu seinen Mitmenschen – liebt er sie?

Wenn Menschen über Menschen so denken wie Jesus

Angst vor der Hölle

Jesu Einstellung zur Familie

Jesu angebliche Wunderheilungen

Jesu Reaktionen auf Unglauben

Jesus fordert Bereitschaft zum Martyrium

Jesu Umgang mit Angehörigen anderer Völker oder Volksgruppen

Sorglosigkeit

Kurzfristig – längerfristig

Jesus und das „Gesetz“ der Juden

Jesu Verbot der Scheidung

Verschärfung von Geboten

Wenn schon Gedanken Sünde sein sollen

Und schließlich
Das Gebot der Nächstenliebe selbst:
Ist es überhaupt sinnvoll, Menschen dazu aufzufordern,
ihre Mitmenschen zu lieben „wie sich selbst“?

Will man sich Jesu Lehren näher ansehen,
dann gewinnt ein Tatbestand an Bedeutung:
Der Unterschied
zwischen dem historischen Jesus
und dem Jesus der Bibel.

Wenn in der Bibel steht, dass Jesus etwas Bestimmtes gesagt habe,
dann heißt das noch lange nicht,
dass der historische Jesus tatsächlich so etwas gesagt haben müsste.
Seine Gemeinde hat ihm gern mal das eine oder andere Wort in den Mund geschoben.

Was über die Botschaft Jesu in den Evangelien
nach Markus, nach Matthäus und nach Lukas zu lesen ist,
das ist nach Meinung des Theologen Ernst Käsemann

„größtenteils nicht authentisch,
sondern Ausprägung des urchristlichen Gemeindeglaubens
in seinen verschiedenen Stadien“.
      (Käsemann, Historischer Jesus, S. 59;
       nach Angaben von Rudolf Augstein
       in Jesus Menschensohn, S. 58)

Noch weniger kann man im Evangelium nach Johannes
mit einer getreuen Wiedergabe der Botschaft Jesu rechnen.
Sonstige Quellen helfen auch nicht viel weiter.

Auf Versuche von Theologen, auf dieser dürftigen Basis
die Botschaft des historischen Jesus zu rekonstruieren,
will ich hier nicht weiter eingehen.

Und auch nicht darauf,
dass manche Autoren es nicht einmal für sicher halten,
dass dieser Jesus überhaupt wirklich gelebt hat.
So schrieb Rudolf Augstein:

„Immer noch gilt Albert Schweitzers Satz aus dem Jahre 1913:
‚Das moderne Christentum muss von vornherein und immer
mit der Möglichkeit einer eventuellen Preisgabe
der Geschichtlichkeit Jesu rechnen.’“.
      (in Jesus Menschensohn, ursprünglich geschrieben 1972,
      auf S. 55 f im Buch von Hoffmann und Campe 1999;
      das Schweitzer-Zitat stammt aus Albert Schweitzers Buch
      Leben-Jesu-Forschung, S. 513 im UTB-Taschenbuch)

Auf all die Fragen zum historischen Jesus
will ich hier nicht weiter eingehen.

Das brauche ich auch nicht.
Mich interessieren weniger die längst vergessenen Lehren
eines Predigers, der zu seinen Lebzeiten kaum Beachtung fand.

Was mich interessiert,
ist der Jesus, der Geschichte machte:
die Jesus-Gestalt, die in der Bibel beschrieben wird.

Von dieser Jesus-Gestalt soll im Folgenden die Rede sein.
Was über diesen „Jesus“ ausgesagt wird,
das soll nichts mit dem historischen Jesus zu tun haben,
nichts mit einem Mann, der – vermutlich – tatsächlich gelebt hat.
Es bezieht sich vielmehr auf eine Gestalt namens Jesus,
die in der Bibel beschrieben wird;
so wie Hänsel und Gretel Gestalten sind,
die in Grimms Märchen beschrieben werden.

Sätze über diesen „Jesus“ können wahr oder falsch sein
in dem gleichen Sinne,
wie der Satz „Hänsels Schwester heißt Gretel“ wahr ist
und der Satz „Hänsels Schwester heißt Liesel“ falsch ist.
Ein Satz wie „Jesus lehrt, dass ...“
soll im Folgenden nichts anderes bedeuten
als „In der Bibel steht, dass Jesus lehrte, dass ...“.

Meine Frage lautet also:
Ist dieser Jesus – wie er in der Bibel beschrieben wird –
ein bedeutender Lehrer der Nächstenliebe?

  
Wie ist Jesu Einstellung zu seinen Mitmenschen – liebt er sie?

Nächstenliebe – das Wort klingt, als sei mehr damit gemeint
als nur ein Verhalten zum Nutzen dieses Nächsten.
Als sei auch ein Gefühl damit gemeint.
Zumindest der Wunsch, dass es dem Nächsten wohlergehen möge.
Und wohl auch eine liebevolle oder wenigstens freundliche Haltung
gegenüber dem Nächsten.

Von einer freundlichen Haltung gegenüber anderen Menschen
ist bei Jesus aber manchmal wenig zu spüren.
So nennt er ohne erkennbaren Grund seine Zuhörer „böse“ (Lukas 11,13).

Wenn jemand über seine Mitmenschen so negativ urteilt wie Jesus, dann darf gefragt werden:
Soll die Nächstenliebe, die er predigt, so aussehen?

Jesus scheint es auch überhaupt nichts auszumachen, wenn er verkündet, dass der Weg, den die meisten Menschen gehen, in die Verdammnis führe (Matthäus 7,13-14, Übersetzung nach Luther).
Das sieht ganz danach aus, als sei dieser Jesus der Meinung,
die meisten Menschen hätten es verdient, verdammt zu werden.

Ebenso scheint Jesus sich überhaupt nicht daran zu stören,
dass am Jüngsten Tage „der Menschensohn“
Menschen zu einer ewigen Strafe im ewigen Feuer verdammt,
denen er nichts Schlimmeres vorwirft
als unterlassene Hilfeleistung für Notleidende (Matthäus 25,41-46).
Es scheint Jesus nicht zu stören, dass „der Menschensohn“
diesen Menschen unendlich viel mehr Leid zufügt,
als diese Menschen je, durch ihre unterlassene Hilfeleistung,
anderen Menschen zugefügt haben.
Weder an der Härte noch an der Ungerechtigkeit dieses Urteils
scheint sich Jesus zu stören.

Noch gravierender wird das, wenn man hinzunimmt,
dass Jesus sich selbst als den „Sohn Gottes“
und als den „Menschensohn“ bezeichnet,
dem der „Vater“ dies Gericht übertragen habe
(Johannes 5,17 ff, insbesondere Vers 22 und 27).

Nimmt man das zusammen, dann kündigt Jesus damit an,
dass er selbst so viele Menschen zu ewigem Leiden verurteilen werde –
von Nächstenliebe das krasse Gegenteil.

So erweist sich der Jesus der Bibel als völlig ungeeignet,
die Menschen das Gebot der Nächstenliebe zu lehren.

An diesem Fazit ändert sich nicht viel,
wenn man andersartige, wohlklingendere Jesusworte hinzunimmt, etwa:

Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt,
damit er die Welt richtet,
sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.
      (Johannes 3,17)

Derlei Sprüche machen aus einem Jesus,
der ewige grausame und völlig unverhältnismäßige „Strafen“
verhängen will oder zumindest billigt,
kein Vorbild auf dem Gebiet der Nächstenliebe.
Bestenfalls machen sie aus ihm einen inkonsequenten Wirrkopf,
der nicht weiß, was er will, der einmal so redet und einmal anders.
Auch ein solcher Mensch eignet sich nicht zum Lehrer der Nächstenliebe.

  
Wenn Menschen über Menschen so denken wie Jesus

Wenn Christen die Ansicht Jesu übernehmen,
dass die meisten Menschen böse seien
und eine grausame ewige Strafe verdient hätten,
dann übernehmen sie eine extrem negative Ansicht
über die meisten ihrer Mitmenschen.

Das macht diese Christen gewiss nicht froher;
und es macht sie gewiss nicht geneigter,
ihren Mitmenschen mit einer Freundlichkeit zu begegnen,
die aus dem Herzen kommt.

Wäre das ein Zustand, der geeignet wäre,
eine Nächstenliebe gedeihen zu lassen,
die mehr wäre als pflichtgemäße Wohltätigkeit?

Wäre das ein Ergebnis, das jemand begrüßen würde,
dessen Wünsche von Nächstenliebe bestimmt sind?

 
Wer Jesu Ansichten über andere Menschen übernimmt,
der übernimmt nicht nur Ansichten über seine Mitmenschen,
der übernimmt auch Ansichten über sich selbst.
Wenn Jesus seine Zuhörer „böse“ nennt,
dann liegt es für den Christen nur zu nahe,
das nicht nur auf andere Menschen zu beziehen,
sondern auch auf sich selbst.

Dass Menschen ein negatives Bild von sich selbst haben,
das scheint Jesus für erstrebenswert zu halten,
ja sogar für besonders wichtig.
„Gerechtfertigt“ nennt Jesus nicht den Pharisäer,
der sich in mancher Hinsicht vorbildlich verhalten hat
und darum anderen Menschen etwas voraus zu haben meint – „gerechtfertigt“ nennt Jesus vielmehr den Zöllner,
der von sich selbst eine so schlechte Meinung hat,
dass er nicht einmal wagt, seine Augen zum Himmel zu erheben,
und sich nur an die Brust schlägt und betet:

Gott, sei mir Sünder gnädig!
     (Lukas 18,9-14; Gebet: 13)

An dieser negativen Selbsteinschätzung
soll sich, wenn es nach Jesus geht, nichts dadurch ändern,
dass Menschen für gewöhnlich auch manches richtig gemacht haben:

So soll es auch bei euch sein:
Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde,
sollt ihr sagen:
Wir sind unnütze Sklaven; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan.
     (Lukas 17,10)

 
Nach den Maßstäben Jesu
soll also nur das Schlechte zählen,
nicht aber das Gute.

Nach diesen Maßstäben kann man nicht zu einem gerechten Urteil
über das Verhalten eines Menschen kommen.
Sein gutes Verhalten
ist ebenso sein Verhalten wie sein schlechtes Verhalten.
Wer nur das eine würdigt und das andere nicht,
urteilt ungerecht.

Wer Jesu Maßstäbe übernimmt und sich selbst danach beurteilt,
tut sich selbst Unrecht.
Wer, wie Jesus, die Menschen dazu auffordert,
sich selbst Unrecht zu tun,
der tut ihnen Unrecht.

Von Nächstenliebe kann bei diesen Maßstäben Jesu auch keine Rede sein.
Es ist alles andere als liebevoll,
den Kummer eines Menschen über sein schlechtes Verhalten zu stärken und seine Freude über sein gutes Verhalten zu schwächen.
Es ist alles andere als liebevoll,
ihn dazu zu verleiten, sich selbst für schlechter zu halten, als er ist.
Es ist nicht liebevoll,
ihm auf diese Weise unnötigen Kummer zu bereiten.
Es ist nicht liebevoll,
ihm Maßstäbe zu vermitteln,
durch die einem realitätsgerechten Selbstwertgefühl
und einer intakten Selbstachtung
die Grundlage entzogen wird.

Dazu schreibt der Psychologe Prof. Franz Buggle:

„Nicht zuletzt die moderne klinische Psychologie hat aufgezeigt,
wie sehr eine so induzierte Selbstabwertung,
die Vermittlung eines so negativen Selbstbildes
      sowohl im Sinne der ‚Hilflosigkeit’,
            d. h. des Glaubens und des Gefühls,
            durch eigene Anstrengung und Aktivität
            nichts selbst bewirken zu können,
      wie auch der moralischen Selbstabwertung
            als völlig ‚verderbter’ Sünder
zur Quelle psychischer Störungen,
insbesondere, aber nicht allein, depressiver Störungen werden kann.“
      (Denn sie wissen nicht, was sie glauben, S. 173;
      Einrückungen zwecks Übersichtlichkeit von I. N.)

Eine Besserung des Verhaltens –
etwa ein Gewinn an tätiger Nächstenliebe –
ist von Jesu einseitiger Betonung des Negativen nicht zu erwarten.
Im Gegenteil:
Von der modernen Pädagogik können wir lernen,
dass ein Mensch seine guten Eigenschaften am besten entfaltet,
wenn er dafür Anerkennung findet,
und dass er seine schlechten Eigenschaften
am leichtesten dann verliert,
wenn sie nicht übermäßig beachtet werden.
Menschen mit gutem Selbstwertgefühl und intakter Selbstachtung
haben ein starkes Motiv,
sich dies Selbstwertgefühl und diese Selbstachtung zu erhalten:
So haben sie ein starkes Motiv zu wünschenswertem Verhalten.

 
Als Begründung für Jesu positive Bewertung des Sündenbewusstseins
wird – in der Einleitung zu Jesu Beispiel vom Pharisäer und Zöllner –
auf Menschen hingewiesen,
„die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren
und die anderen verachteten“.

Tatsächlich mag es vorkommen,
dass ein Übermaß an Beachtung der eigenen guten Taten
zu Hochmut führt
bis hin zur Verachtung von anderen Menschen.

Hochmut und Verachtung anderer Menschen
können freilich auch auf andere Weise entstehen:
Wenn die Frommen versuchen,
statt den Pharisäer den Zöllner zu kopieren,
wenn sie statt der Gerechtigkeit das Sündenbewusstsein kultivieren
und sich dann einbilden, so wären sie recht nach dem Herzen Gottes.

 
Meine Kritik an der einseitigen Betonung der „Sünden“
begegnet bisweilen dem Einwand,
sie lasse einen wichtigen Aspekt der Predigt Jesu außer Acht:

„... die Bedeutung des Wortes ‚Vergebung’
ist dir aber schon bekannt?“

hat mich einmal jemand ein wenig von oben herab gefragt.

„Aber sicher!“, habe ich geantwortet:

„Vergebung ist
eine durch christliche Denkmuster verhunzte Version der Versöhnung.
Das Traurige an der Vergebung ist,
dass jedes ‚ich vergebe dir’
ein ‚eigentlich bist du schuldig, aber ...’ voraussetzt.“

Vergebung mag helfen gegen die Angst vor Bestrafung.
Vergebung mag helfen gegen die Angst,
nicht mehr geliebt zu werden
oder sogar nicht mehr akzeptiert zu werden.

Aber Vergebung ändert nichts an dem Bewusstsein,
dass man sich schuldig gemacht habe.
Im Gegenteil:
Gerade dadurch, dass von „Vergebung“ gesprochen wird,
wird noch einmal bekräftigt,
dass jemand eine Schuld auf sich geladen habe,
für die er der Vergebung bedurfte.

Die Ursache der Angst mag ausgeräumt werden,
nicht aber die Ursache von Schuldgefühlen.

Schuldgefühle gedeihen auch da,
wo die Lehren Jesu so interpretiert werden,
dass der Aspekt der Vergebung betont wird.
Nach dem gleichen Muster,
das der Philosoph Walter Kaufmann
im Zusammenhang mit einem bestimmten Erziehungsstil beschrieben hat:

„Liberale Eltern erwecken in ihren Kindern Schuldgefühle,
indem sie ihnen sagen, sie verdienten Strafe,
und sie ihnen dann erlassen.
Es ist nicht mehr schick, so grob wie Kafkas Vater
die Hosenträger abzunehmen oder sonstige Vorbereitungen
für eine furchtbare Tracht Prügel zu treffen.
Gewöhnlich sagt man dem Kind etwa folgendes:
Wenn ich in deinem Alter das getan hätte,
wäre ich schwer bestraft worden;
das hast du auch verdient, doch ich würde dir nie so etwas antun.
Aber wie konntest du nur so etwas Abscheuliches tun?

Wenn man Schuldgefühle in seinen Kinder wecken will,
dann ist dies der beste Weg dazu.“
     (Jenseits von Schuld und Gerechtigkeit, S. 93 f;
      Hervorhebung von Walter Kaufmann)

 
Das Gefühl, Schuld auf sich geladen zu haben,
wird in der christlichen Religion noch dadurch verstärkt,
dass es heißt, dass diese Vergebung
mit dem Leiden und Sterben Jesu erkauft worden sei.
So sagt Jesus beim Abendmahl:

das ist mein Blut, das Blut des Bundes,
das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.
     (Matthäus 26,28)

Und an anderer Stelle sagt er vom „Menschensohn“,
er sei gekommen,

um ... sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.
     (Markus 10,45)

So wird aus der kleinsten Verfehlung eines Menschen
eine Mitschuld am bitteren Leiden und Sterben Jesu.
So können aus den kleinsten Verfehlungen
die schwersten und drückendsten Schuldgefühle entstehen.

Dass solche schweren Schuldgefühle
den harmlosesten Menschen, einschließlich Schulkindern,
nahegelegt werden,
das ist leider keine absurde Spekulation einer böswilligen Atheistin.
Ich erinnere mich noch gut daran,
wie ich, schon als Schulkind, in der evangelisch-lutherischen Kirche
mitsingen sollte und mitgesungen habe:

„Nun, was du, Herr, erduldet,
ist alles meine Last,
ich hab es selbst verschuldet,
was du getragen hast.“
     (aus dem Kirchenlied „O Haupt voll Blut und Wunden“)

Wohl gibt es Jesusworte,
in denen die Vergebung in einen anderen Zusammenhang gestellt wird:

Und wenn ihr beten wollt
und ihr habt einem anderen etwas vorzuwerfen,
dann vergebt ihm,
damit auch euer Vater im Himmel euch eure Verfehlungen vergibt.
     (Markus 11,25)

Für sich genommen
könnte das so verstanden werden,
als sei auch dies eine Möglichkeit für den Menschen,
Vergebung zu erlangen.
An anderer Stelle erklärt Jesus jedoch,
dass sein Tod sein müsse,
damit die Gläubigen nicht zugrunde gehen:

Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat,
so muss der Menschensohn erhöht werden,
damit jeder, der (an ihn) glaubt, in ihm das ewige Leben hat.
Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt,
dass er seinen einzigen Sohn hingab,
damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht,
sondern das ewige Leben hat.
     (Johannes 3,14-16)

Glauben zu müssen,
der Grund für den Foltertod eines anderen Menschen zu sein,
das muss jeden anständigen Menschen zutiefst betrüben.

Glauben zu müssen,
dass man darauf angewiesen sei,
auf diese Weise gerettet zu werden,
weil man so schwere Verfehlungen begangen habe,
dass man eigentlich verdient habe, zugrunde zu gehen,
das bedeutet,
ein äußerst negatives Bild von sich selbst haben zu müssen.

So etwas zu predigen, ist lieblos.

Erstens, weil dies negative Bild deprimierend ist.
Zweitens, weil es demütigend ist,
wenn ein so negatives Bild von einem gezeichnet wird
und man sich genötigt sieht, dies negative Bild für sich zu akzeptieren.
Und drittens,
weil Demütigungen wenig geeignet sind,
die Menschen besser und liebevoller zu machen.

Denn die natürliche Reaktion
auf Demütigungen
ist Wut.

Demütigungen sind Angriffe auf das Selbstwertgefühl,
und so lösen sie aggressive Gefühle aus.
Besonders, wenn es so schwere Demütigungen sind,
wie sie (letztlich) von Jesus ausgehen,
und erst recht, wenn es so ungerechte Demütigungen sind –
was hat denn der durchschnittliche Kirchgänger schon ausgefressen,
dass er ewige Strafe verdienen könnte?

Die Wut über die schwere Demütigung,
und über die ungerechte Behandlung,
muss jedoch aus dem Bewusstsein verbannt bleiben,
wenn der Gläubige überzeugt ist,
dass er auf die Vergebung Gottes angewiesen sei
und dass er diese nur erlangen könne,
wenn er sich selbst so demütigt, wie das von ihm erwartet wird.

Wut und aggressive Gefühle
können aus dem Bewusstsein verbannt werden,
aber sie sind damit nicht einfach verschwunden.
Solche verdrängten Gefühle
brechen sich gewöhnlich an anderer Stelle Bahn.
Wer einen Packen an verdrängter Wut und Aggressivität
mit sich herumschleppt,
wird dadurch nicht besser und nicht liebevoller.

 
So sind die Lehren Jesu dazu,
wie Menschen über sich selbst und ihr Verhalten denken sollen,
kein Beitrag zum Gedeihen der Nächstenliebe.

  
Angst

Alle wohltönenden Reden von der Vergebung machen nicht ungesagt,
dass Jesus der großen Mehrheit der Menschen
das Verderben prophezeit,
die ewige Folter im ewigen Feuer.
Wenn das fast allen Menschen droht,
wie soll dann irgendein Mensch sich davor sicher fühlen?

Bis in die heutige Zeit hinein hat diese Lehre Jesu
viele Christen in größte Angst versetzt.
Sie wird ja bis in die heutige Zeit hinein verkündet,
die Lehre von den „Qualen der Hölle“ und ihrer „ewigen Dauer“.
Nicht etwa nur in fundamentalistischen kleinen Sekten,
sondern beispielsweise auch in offiziellen Verlautbarungen
der Römisch-Katholischen Kirche:

„Die Lehre der Kirche sagt,
dass es eine Hölle gibt und dass sie ewig dauert.
Die Seelen derer, die im Stand der Todsünde sterben,
kommen sogleich nach dem Tod in die Unterwelt,
wo sie die Qualen der Hölle erleiden, ‚das ewige Feuer’ ...“
     (Katechismus der Katholischen Kirche Nr. 1035)

Zu dieser Lehre schreibt Franz Buggle:

„Jesus führt so eine für das Neue Testament spezifische Strafvorstellung ein, nämlich von der ewigen Höllenstrafe,
eine Strafandrohung, deren unheilvolle, psychisch verheerende Wirkung [...] auf unzählige Menschen gar nicht übertrieben werden kann [...] Man versuche [...] sich klarzumachen, was eine Drohung
mit ewig dauernden extremen Qualen psychologisch bedeutet;
dagegen verblassen alle sonst bekannten Folterungen und Strafen, weil diese immer zeitlich endlich sind.“

„... es gibt kaum ein anderes psychologisches Phänomen
wie dasjenige der Drohung mit ewig dauernden Qualen,
das so sehr den Namen psychischen Terrors verdiente!“
     (Denn sie wissen nicht, was sie glauben, S. 120 bzw. S. 121,
     Hervorhebungen von Buggle in beiden Zitaten)

Eine Lehre, die vom Geist der Nächstenliebe bestimmt ist,
sieht anders aus.

 
Jesu Einstellung zur Familie

Die Familie – dort ist es,
wo viele Menschen Liebe füreinander empfinden,
wo sie einander Solidarität und liebevolle Fürsorge entgegenbringen.
Dort lernen sie die Liebe kennen und schätzen, dort üben sie sie ein.
Das ist von größter Bedeutung
für die seelische Entwicklung des einzelnen Menschen
und für das Funktionieren der Gesellschaft.

Das wäre Grund genug für einen Lehrer der Nächstenliebe,
mit der größten Wertschätzung von dieser Liebe und Fürsorge zu sprechen.

Jesus aber scheint nicht viel dafür übrig zu haben.
In seiner Bergpredigt sagt er dazu:

Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid,
was tut ihr Besonderes?
Tun nicht dasselbe auch die Heiden?
      (Matthäus 5,47, Übersetzung nach Luther)

Dass diese Freundlichkeit nichts Außergewöhnliches ist,
das ist kein Grund, ihren Wert gering zu achten.
Es ist eher ein Grund,
gut von den Menschen im Allgemeinen zu denken,
einschließlich der Heiden.

Die Liebe in der Familie zu bewahren, darauf legt Jesus wenig Wert.
Im Gegenteil, er scheint darin eher eine störende Konkurrenz zu sehen:

Denn ich bin gekommen,
den Menschen zu entzweien mit seinem Vater
und die Tochter mit ihrer Mutter
und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter.
Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.
Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich,
der ist meiner nicht wert;
und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich,
der ist meiner nicht wert.
      (Matthäus 10,35-37, Übersetzung nach Luther)

Und wer Häuser oder Brüder oder Schwestern
oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Äcker
verlässt um meines Namens willen,
der wird's hundertfach empfangen und das ewige Leben ererben.
      (Matthäus 19,29, Übersetzung nach Luther)

Wenn jemand zu mir kommt
und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst,
der kann nicht mein Jünger sein.
      (Lukas 14,26, Übersetzung nach Luther)

Familienbande als störend anzusehen,
einen Keil zwischen seine Anhänger und ihre Familien zu treiben:
in dieser Hinsicht verhält sich Jesus kaum anders
als so mancher Sektenführer von heute.

Dem entspricht Jesu eigenes Verhalten.
Als er hört, dass seine Mutter und seine Brüder zu ihm kommen
und mit ihm reden wollen, erwidert er:

Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder?

Und er reckte die Hand aus über seine Jünger und sprach:
Siehe da, das ist meine Mutter und meine Brüder!
      (Matthäus 12,46-50, Übersetzung nach Luther)

So sieht also Jesu „Nächstenliebe“ gegenüber seinen Angehörigen aus,
und so „befolgt“ er, nebenbei bemerkt, das vierte Gebot:
„Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.“

  
Jesu angebliche Wunderheilungen

Nicht wenige der Geschichten in den Evangelien handeln davon,
wie Jesus Kranke und Behinderte geheilt haben soll.
Hat er damit ein gutes Beispiel gegeben
für Werke der Nächstenliebe?

Nein!
Er hat ein schlechtes Beispiel gegeben.
Wir können froh sein, dass Ärzte von heute – auch christliche Ärzte –
mit seriöseren Methoden arbeiten als Jesus.

Abgesehen von angeblichen übernatürlichen Kräften,
setzt Jesus fast ausschließlich auf ein bestimmtes Rezept:
auf den „Glauben“,
das heißt, auf den Placebo-Effekt.

Jesus arbeitet mit den gleichen unseriösen Methoden
wie viele andere Scharlatane vor und nach ihm.
Mehr noch, er stiftet seine Jünger an, es ihm gleichzutun.

Damit bereitet er den Weg für andere Scharlatane.
Bis in unsere Zeit hinein sterben Menschen,
weil sie mehr auf gewisse christliche Prediger hören
als auf fachkundige Ärzte.

„Jesus meinte es doch gut, er wollte doch helfen,
er wusste es eben nicht besser“,
könnte jemand zu Jesu Verteidigung anführen wollen.
Das wäre freilich eine armselige Entschuldigung
für jemanden, der sich berufen fühlt, andere zu belehren.
Wenn einer mit einem solchen Anspruch auftritt,
dann sollte man mehr von ihm erwarten dürfen
als nur gute Absichten.

Jesus hätte es besser wissen können.
Er hätte sich um medizinische Kenntnisse bemühen können,
die auf Erfahrung beruhen, z. B. in der Kräuterheilkunde.
Davon ist nichts zu lesen.

Erst recht ist nichts davon zu lesen,
dass Jesus sich um eine realistische Einschätzung der Wirksamkeit
seiner eigenen Methoden bemüht hätte.
Im Gegenteil,
er immunisiert seine Methoden gegen jede kritische Überprüfung,
indem er seine Misserfolge kurzerhand einer anderen Ursache zuschreibt:
einem angeblichen Mangel an Glauben.

Diese Art von Dogmatismus
kann – gerade in der Heilkunst – gefährlich werden.
Jesus aber scheint diesen Dogmatismus geradezu zu fordern,
indem er immer wieder Glauben fordert.


Jesu Haltung ist möglicherweise nicht zuletzt damit zu erklären,
dass er mit seinen Heilungen (auch) andere Ziele verfolgte,
als seinen Mitmenschen zur Gesundheit zu verhelfen
und ihnen damit etwas Gutes zu tun.

Als zwei Jünger von Johannes dem Täufer zu ihm kommen und fragen:

Bist du der, der kommen soll,
oder müssen wir auf einen andern warten?

antwortet Jesus:

Geht und berichtet Johannes, was ihr gesehen und gehört habt:
Blinde sehen wieder, Lahme gehen, und Aussätzige werden rein;
Taube hören, Tote stehen auf,
und den Armen wird das Evangelium verkündet.
Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt.
      (Lukas 7,18-23)

Im Evangelium nach Johannes erklärt Jesus sogar,
dass eine schwere Behinderung – Blindheit von Geburt an –
eigens zu dem Zweck (von Gott) herbeigeführt worden sei,
dass Jesus mit der Heilung etwas demonstrieren könnte:

... das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden.
      (Johannes 9,1 ff)

Wenig Interesse an der Gesundheit eines Menschen
zeigt Jesus auch in einer Geschichte,
die im Evangelium nach Markus erzählt wird,
in Kapitel 9 ab Vers 17.
Da wird ein Junge mit einer schweren Epilepsie zu Jesus gebracht,
der prompt einen Anfall bekommt.
Jesus aber hat es nicht eilig mit der Heilung.
Ihm scheint es wichtiger zu sein, erst einmal seine Theorien
über den Zusammenhang von Glauben und Heilung auszubreiten;
während der arme Junge sich mit Schaum vor dem Mund auf dem Boden wälzt.

Für dies Verhalten Jesu gibt es freilich noch eine andere Erklärung,
die vielleicht noch unerfreulicher ist:
Es könnte sein, dass Jesus ein wenig darüber wusste,
wie epileptische Anfälle verlaufen.
Es könnte sein, dass er mit seinem Palaver über Glauben und Heilung
vor allem Zeit schinden wollte, bis der Junge so weit wäre,
dass Jesus das „Wunder“ vollbringen
und den Jungen, scheinbar geheilt, aufrichten könnte.
Es könnte sein, dass Jesus nur einen der einfachsten Tricks anwendete,
mit denen „Wunderheiler“ aller Zeiten ihr Publikum zu betrügen pflegen.

  
Jesu Reaktionen auf Unglauben

Der Eifer, mit dem Jesus zum Glauben aufruft,
hat seine Schattenseiten.

Diese Generation ist böse. Sie fordert ein Zeichen.
      (Lukas 11,29)

So beschimpft Jesus Menschen,
nur weil sie – für Jesus vielleicht unbequem, aber völlig zu Recht –
es abgelehnt haben, einem dahergelaufenen Wanderprediger
einfach auf sein Wort hin zu glauben.

Indem Jesus aus einer Frage der Religion
eine Frage von Gut oder Böse macht,
begünstigt er ein höchst unerfreuliches Verhalten:
dass Menschen ohne vernünftigen Grund,
allein wegen religiöser Unterschiede
einander „böse“ für halten,
dass sie allein deshalb einander ablehnen und einander meiden.
So gedeiht Intoleranz.

Verstärkt wird diese Tendenz noch
durch Ankündigungen von Strafe am „Tag des Gerichts“:

Dann begann er den Städten, in denen er die meisten Wunder getan hatte, Vorwürfe zu machen, weil sie sich nicht bekehrt hatten:
Weh dir, Chorazin! Weh dir, Betsaida! ...
Und du, Kafarnaum, meinst du etwa, du wirst bis zum Himmel erhoben? Nein, in die Unterwelt wirst du hinabgeworfen. Wenn in Sodom die Wunder geschehen wären, die bei dir geschehen sind, dann stünde es noch heute.
Ja, das sage ich euch: Dem Gebiet von Sodom wird es am Tag des Gerichts nicht so schlimm ergehen wie dir.
      (Matthäus 11,20-24)

Durch Ankündigung der Verdammnis:

... wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden.
      (Markus 16,16, in einer Rede des Auferstandenen.
      (Dass dieser Auferstandene
      nur in der Vorstellung seiner Anhänger existierte,
      ändert wenig an seiner geschichtlichen Wirksamkeit.)

Und durch Aussprüche wie diesen:

Wer aber einen dieser Kleinen, die an mich glauben,
zum Abfall verführt, für den wäre es besser,
dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt
und er ersäuft würde im Meer, wo es am tiefsten ist.
      (Matthäus 18,6, Übersetzung nach Luther)

So haben die Menschen ein Motiv mehr,
gegen religiöse Abweichungen vorzugehen.

Tatsächlich haben Christen das in großem Umfang getan:
in Morden an Ketzern und „Hexen“,
in Judenpogromen,
in Kriegen, die durch Glaubensdifferenzen
verursacht oder angeheizt wurden, z. B. im Dreißigjährigen Krieg.

So ging die Saat auf, die Jesus säte:
mit seinen feindseligen Reden
gegen die Menschen, die ihm nicht glaubten –
aber auch dadurch, dass er dem Glauben mehr Gewicht beimisst,
als dem friedlichen Zusammenleben der Menschen guttut.

Auf der Grundlage dieser Predigt Jesu
wurde die Geschichte des Christentums
in der Blütezeit seiner Macht
zu einer Geschichte der blutigen Intoleranz.

  
Jesus fordert Bereitschaft zum Martyrium

Nicht nur dem Glauben, auch dem Bekenntnis
misst Jesus außerordentliche Bedeutung bei:

Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten,
die Seele aber nicht töten können,
sondern fürchtet euch vor dem,
der Seele und Leib ins Verderben der Hölle stürzen kann.
...
Wer sich nun vor den Menschen zu mir bekennt,
zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen.
Wer mich aber vor den Menschen verleugnet,
den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.
      (Matthäus 10,28.32-33)

Dieser Jesus will Menschen lieber tot sehen
als zulassen, dass sie mit einem Lippenbekenntnis ihr Leben retten.
Denen, die sich nicht danach richten,
droht er das Schlimmste an, was er kennt: das Verderben der Hölle.
Dass ihnen das bevorsteht,
dafür werde er, Jesus, schon sorgen,
indem er sie vor „seinem Vater im Himmel“ verleugnet.

So viel Lieblosigkeit ist kaum zu überbieten.
Die Ichbezogenheit Jesu
lässt wenig Raum für Rücksicht auf andere Menschen.
Das betrifft nicht nur die,
die als Märtyrer ihr Leben verlieren.
Es betrifft auch Kinder, die als Waisen zurückbleiben,
Ehefrauen, die als Witwen zurückbleiben,
pflegebedürftige Angehörige, die fortan darauf hoffen müssen,
dass Fremde sich um sie kümmern.
Jesu Forderung ist rücksichtslos in dreifacher Hinsicht:

       Er verlangt, dass Menschen ihr Leben opfern.

       Er verlangt, dass Kinder, Frauen und Pflegebedürftige
ohne die Menschen zurückbleiben,
die bislang für sie gesorgt haben.

       Er verlangt von seinen Anhängern,
dass sie die Menschen im Stich lassen,
für deren Wohlergehen sie verantwortlich sind.

Wenn Menschen sich einreden lassen,
dass sie um des Bekenntnisses willen
so rücksichtslos gegen sich selbst
und gegen ihre nächsten Angehörigen sein müssten,
dann muss man sich nicht wundern,
wenn sie Rücksichtslosigkeit um des Bekenntnisses willen
generell für legitim, ja für erforderlich halten.
Wenn sie dieselbe Rücksichtslosigkeit
gegenüber Andersdenkenden praktizieren,
sobald sie die Macht dazu haben.
Hier liegt eine der Wurzeln eines christlichen Fanatismus,
der so manches Menschenleben gekostet hat.

In alten Zeiten,
als der christliche Glaube noch mächtig war in den Köpfen und Herzen,
kam mörderischer christlicher Fanatismus oft gewalttätig daher,
in Glaubenskriegen, in Ketzerverfolgungen und in Judenpogromen.

Heute eher auf Samtpfoten:
Da werden junge Christen angestiftet,
verbotenerweise in muslimischen Ländern zu missionieren,
obwohl sie damit nicht nur ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen,
sondern auch andere Menschen gefährden.
Die Arbeit von seriösen Hilfsorganisationen wird empfindlich gestört,
wenn bestimmte christliche Missionswerke
sich nicht an die internationalen Grundsätze des Roten Kreuzes
und anderer Organisationen halten –
Grundsätze, nach denen es Hilfswerken nicht gestattet ist,
zu helfen und zugleich zu missionieren.
Mit ihren Missionierungsversuchen
bringen einige Christen nicht nur sich selbst in Gefahr,
sondern auch die Mitarbeiter anderer Hilfsorganisationen.

Dieser gefährliche Missionseifer
wird in manchen christlichen Kreisen heute noch geschürt.
Auch in Deutschland:
Frontal 21 berichtete darüber am 4.8.2009 in seinem Beitrag
„Sterben für Jesus – Missionieren als Abenteuer“.
      (Der Link zu dem Beitrag auf den Seiten des ZDF
      ist leider nicht mehr aktiv)

„Für Gott als Märtyrer zu sterben“,
heißt es in dem Beitrag, habe „eine lange, unheilige Tradition“.
Eine berechtigte Kritik.
Denn diese Tradition ist untrennbar verquickt mit der Tradition,
Menschen auf diesen Weg zu locken.
Junge, leicht beeinflussbare Menschen voller Idealismus und Romantik.
Menschen mit schwachem Selbstbewusstsein,
für die es verlockend sein muss, sich einmal im Leben
ganz großartig und bedeutend vorkommen zu können.
Religiöse Menschen,
deren normale Selbstschutzmechanismen außer Kraft gesetzt werden,
wenn ihnen eingeredet wird,
die gefährliche Mission entspräche dem Willen Gottes.

Dass viele dieser – großenteils jungen – Christen
ehrlich überzeugt sind, sie täten das „freiwillig“,
das entbindet niemanden von der Verantwortung für ihren Tod.
Verantwortlich ist jeder, der sie auf ihren gefährlichen Weg gelockt hat.
Das gilt nicht nur für die Organisatoren der gefährlichen Mission.
Verantwortung tragen auch diejenigen,
die sich selbst auf diesen Weg begeben:
Denn sie sind, wie es in dem Beitrag gesagt wurde,
„Helden“ und „Vorbilder“ und damit Teil einer unheiligen Tradition,
für einen Weg zu werben, der in den Tod führen kann.

Dabei ist es – so sonderbar das anmuten mag – keineswegs absurd,
wenn Menschen,
die ihr Leben so sinnlos aufs Spiel setzen oder andere dazu verleiten,
sich darin durch die Predigt Jesu 3 bestätigt sehen,
wie sie sie in der Bibel lesen können.

 
Jesu Umgang mit Angehörigen anderer Völker oder Volksgruppen

Dazu ist das Bild Jesu in der Bibel nicht ganz einheitlich.
Als er – im Evangelium nach Matthäus – seine Jünger aussendet, gebietet er ihnen:

Geht nicht zu den Heiden und betretet keine Stadt der Samariter,
sondern geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.
Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe.
      (Matthäus 10,5-7)

Im Evangelium nach Johannes hingegen zeigt Jesus keine Scheu,
eine samaritische Frau um Wasser aus einem Brunnen zu bitten,
mit ihr über theologische Aussagen zu reden
und ihr schließlich kundzutun, er sei der Messias. (Johannes 4,4 ff)

Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lukas 10,30 ff)
weist Jesus die Rolle des vorbildlich Hilfeleistenden einem Samariter zu,
und an anderer Stelle preist Jesus den Glauben des nichtjüdischen Hauptmanns von Kapernaum (= Kafarnaum):

Amen, das sage ich euch: Einen solchen Glauben
habe ich in Israel noch bei niemand gefunden.
      (Matthäus 8,10; ähnlich Lukas 7,9)

Das schöne Bild bekommt allerdings erste Risse,
wenn man sich die Geschichte vom Hauptmann von Kapernaum
in unterschiedlichen Bibelübersetzungen ansieht.
Jesu Antwort auf die Bitte des Hauptmanns,
seinen Diener gesund zu machen,
lautet in der Einheitsübersetzung wie in der Übersetzung nach Luther:

Ich will kommen und ihn gesund machen.
      (Matthäus 8,7)

In der Gute Nachricht Bibel lautet Jesu Antwort jedoch:

Soll ich etwa kommen und ihn gesund machen?

Diese Version wird in der Einheitsübersetzung in einer Fußnote
als „andere Übersetzungsmöglichkeit“ angegeben.
Erläutert wird außerdem:
„Fromme Juden betraten die Häuser von Heiden nicht,
um sich nicht unrein zu machen.“

Soso. Will derselbe Jesus, der mit Zöllnern und Sündern isst (Matthäus 9,11)
und in Kauf nimmt, dafür von den Pharisäern kritisiert zu werden,
vielleicht plötzlich auf Distanz gehen,
wenn es sich um Heiden handelt?

Welche Absicht steht eigentlich dahinter,
wenn Jesus im Gleichnis vom barmherzigen Samariter
die negative Rolle einem Priester und einem Leviten zuweist
und die Rolle des Vorbilds ausgerechnet einem Samariter?
Oder wenn Jesus den Glauben des Hauptmanns
dem geringeren Glauben in Israel gegenüberstellt?

Zeigt sich darin wirklich, wie einige Christen es sehen möchten,
eine aufgeschlossene Haltung
gegenüber Samaritern und Angehörigen heidnischer Völker?
Oder dient die Zuweisung der positiven Rolle an Menschen,
die gewöhnlich Ablehnung erfahren,
vor allem dazu,
durch diesen Gegensatz
der Kritik an der anderen Seite,
am Priester und am Leviten oder am weithin ungläubigen Israel,
zusätzliche Schärfe zu verleihen?


Von besonderer Aufgeschlossenheit gegenüber Nicht-Israeliten
kann jedenfalls keine Rede sein
in einer Geschichte, in der eine kanaanäische Frau auf Jesus zukommt
und ihn anfleht:

Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids!
Meine Tochter wird von einem Dämon gequält.
      (Matthäus 15,22)

Jesus aber ignoriert die Frau.
Damit er überhaupt irgendetwas dazu sagt,
müssen erst seine Jünger an ihn herantreten und ihn bitten:
„Befrei sie (von ihrer Sorge), denn sie schreit hinter uns her.“
Jesus antwortet abweisend:

Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.

Als die Frau trotzdem zu Jesus kommt,
vor ihm niederfällt, ihn mit „Herr“ anredet und dringend um Hilfe bittet,
erwidert Jesus:

Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen
und den Hunden vorzuwerfen.
      (Matthäus 15,26)

Es ist ein bemerkenswertes Beispiel von Menschenverachtung,
wie Jesus hier Menschen mit Hunden vergleicht
und das einem dieser Menschen auch noch ins Gesicht sagt.

Jedoch, was tut eine verzweifelte Mutter nicht für ihr krankes Kind –
die Frau akzeptiert den demütigenden Vergleich, um Jesus zu entgegnen:

Ja, du hast recht, Herr! Aber selbst die Hunde
bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen.

Da endlich antwortet ihr Jesus:

Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen.

Und von dieser Stunde an ist, laut Bibel, ihre Tochter geheilt.
Jedenfalls hat Jesus endlich den guten Willen gezeigt, die Tochter zu heilen.

Aber rechte Freude darüber will nicht aufkommen.
Zu sehr hat Jesus die Frau gedemütigt,
zu sehr hat er sie dazu getrieben, sich selbst zu demütigen.

Dieser Jesus ist kein Vorbild
im Umgang mit Menschen aus anderen Völkern oder Volksgruppen.

  
Sorglosigkeit

In sehr naher Zukunft,
so die Lehre Jesu,
würde das Reich Gottes hereinbrechen:

„Und er sagte zu ihnen: Amen, ich sage euch:
Von denen, die hier stehen,
werden einige den Tod nicht erleiden,
bis sie gesehen haben, dass das Reich Gottes in (seiner ganzen) Macht gekommen ist
.“
      (Markus 9,1)

Vor diesem Hintergrund
wird manches am Verhalten Jesu und an seinen Äußerungen verständlicher.

Beispielsweise, wie Jesus Sorglosigkeit predigt:

Deswegen sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben
und darum, dass ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib
und darum, dass ihr etwas anzuziehen habt. ...

Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht,
sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen;
euer himmlischer Vater ernährt sie.
Seid ihr nicht viel mehr wert als sie? ...

Und was sorgt ihr euch um eure Kleidung? Lernt von den Lilien,
die auf dem Feld wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht.
Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen.

Wenn aber Gott schon das Gras so prächtig kleidet,
das heute auf dem Feld steht und morgen ins Feuer geworfen wird, wie viel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen! ...
      (Matthäus 6,25-30; und ähnlich weiter bis 34)

Dazu schreibt Robert Leicht in der ZEIT: 4

„So kann nur jemand sprechen,
der das Ende der Welt unmittelbar vor sich sieht.“

In der Tat – denn wenn das Ende der Welt auf sich warten lässt,
dann sind Jesu Ratschläge inakzeptabel, ja geradezu absurd.
Wer darauf hört, läuft Gefahr,
in ernste Schwierigkeiten zu geraten,
vielleicht sogar in bittere Armut.
Und nur zu oft bringt er nicht nur sich selbst in eine solche Lage,
sondern auch seine ganze Familie.

Diese Ratschläge Jesu sind keine guten Ratschläge für uns heute.
Und für die Zeitgenossen Jesu waren sie es ebenso wenig.

Jesus hat sich geirrt? Er war ein Kind seiner Zeit?
Das wäre eine armselige Entschuldigung
für einen, der sich berufen fühlt, andere zu belehren.

Die Vorstellungen vom nahen Reich Gottes,
die Jesu Zeit im Umlauf waren,
mögen seinen Irrtum begünstigt haben –
unvermeidbar war er nicht.

Schließlich haben viele Menschen derselben Zeit
diesen Irrtum vermeiden können;
es gab genug, die Jesus nicht geglaubt haben.

Und das nicht nur, weil es ein Gebot der Klugheit ist,
nicht irgendeinem Wanderprediger einfach auf sein Wort hin
die großartigsten Ankündigungen zu glauben.
Sie hatten weitere gute Gründe:

       Die Erfahrung lehrt,
dass Gott – wenn er überhaupt existiert
und in das Leben der Menschen und Völker eingreift –
dies jedenfalls nicht in der Form zu tun pflegt,
dass er einen mächtigen Anführer mit vielen Engeln zur Erde kommen und ein Gottesreich errichten lässt.
Die Erfahrung lehrt,
dass Gott – wenn überhaupt – höchstens in der Form eingreift,
dass er Naturkatastrophen schickt oder feindliche Eroberer.

Wer bereit ist, aus der Erfahrung zu lernen,
wird deshalb allen Endzeitszenarien
mit dem größten Misstrauen begegnen.

       Die Erfahrung lehrt,
dass es Propheten gegeben hat,
deren Ankündigungen nicht eingetroffen sind;
auch unter den Propheten, die den Anspruch erhoben,
im Namen Gottes zu sprechen.

Diese Erfahrung hat durchaus ihren Niederschlag gefunden
in der religiösen Tradition Israels.
So hätte Jesus in der Thora lesen können:

Und wenn du denkst: Woran können wir ein Wort erkennen,
das der Herr nicht gesprochen hat?,
dann sollst du wissen:
Wenn ein Prophet im Namen des Herrn spricht
und sein Wort sich nicht erfüllt und nicht eintrifft,
dann ist es ein Wort, das nicht der Herr gesprochen hat.
Der Prophet hat sich nur angemaßt, es zu sprechen.
      (Deuteronomium = 5. Mose 18,21-22)

       Die Erfahrung lehrt,
dass Visionen keine Gewähr für die Wahrheit bieten.

Es scheint, dass auch das seinen Niederschlag gefunden hat
in der religiösen Tradition Israels;
jedenfalls ist beim Propheten Jeremia die Rede
von Visionen, die „aus dem eigenen Herzen stammen“,
also „nicht aus dem Mund des Herrn“ (Jeremia 23,16).

All diese Erfahrungen hätten auch für Jesus Grund genug sein können,
darüber nachzudenken, ob er nicht vielleicht im Irrtum war.
Zumal das „Evangelium“, das er verkündete,
einige Ähnlichkeit hatte mit den Ankündigungen der Propheten,
deren Visionen nach Jeremia „aus dem eigenen Herzen“ stammten:

Immerzu sagen sie denen, die das Wort des Herrn verachten:
Das Heil ist euch sicher!;
und jedem, der dem Trieb seines Herzens folgt, versprechen sie:
Kein Unheil kommt über euch.“
      (Jeremia 23,17; Hervorhebung I. N.)

Auch in der unmittelbaren Umgebung Jesu
fehlte es nicht an Menschen, die nicht glaubten,
dass das, was Jesus antrieb, von Gott herkam;
sie hatten andere Erklärungen dafür:

       „Er ist von Sinnen“, sagen Jesu Angehörige. (Markus 3,21)

       „Er ist von Beelzebul besessen“, sagen die Schriftgelehrten.       (Markus 3,22)

       „Er ist von einem unreinen Geist besessen“, sagen
nicht näher bezeichnete Zuhörer Jesu. (Markus 3,30)

Jesus hätte also Gründe genug gehabt, darüber nachzudenken,
ob er nicht im Irrtum war.

Er hätte es tun sollen,
bevor er andere Menschen mit absurden Weltende-Phantasien
in Aufregung versetzte.

Er hätte es tun müssen,
bevor er anderen Menschen Ratschläge erteilte,
deren Befolgung schlimme Konsequenzen für diese Menschen hätte,
falls Jesus irrte.

Aber davon scheint der Jesus der Bibel weit entfernt zu sein.
Sein Fehler besteht nicht einfach darin, dass er irrt –
es kommt hinzu, dass er sich seiner Sache zu sicher ist.
Wenn Menschen ihm nicht glauben,
tut er sie einfach als „Kleingläubige“ ab.
Die Möglichkeit,
dass diese Menschen im Recht sein könnten
und er selbst im Irrtum,
scheint dieser Jesus nicht einmal ernsthaft in Betracht zu ziehen.

Das Problem bei diesem Jesus besteht nicht einfach darin,
dass er von falschen Voraussetzungen ausgeht.
Das Problem besteht vor allem darin,
dass er unkritischen Glauben für eine Tugend hält
und es deshalb ablehnt,
seine Voraussetzungen einer gründlichen Überprüfung zu unterwerfen.

Eine vorbildliche Praxis der Nächstenliebe sieht anders aus.

Zu einer vorbildlichen Praxis der Nächstenliebe gehört,
dass man nicht leichtfertig
handelt oder Ratschläge erteilt.
Dass man vorher überlegt,
welche Folgen bestimmte Handlungen oder Ratschläge haben können,
und welche Folgen sie voraussichtlich haben werden.

Dazu gehört, dass man sich bemüht,
von den richtigen Voraussetzungen auszugehen.
Dazu gehört die Bereitschaft,
sorgfältig und unvoreingenommen zu überprüfen,
ob man tatsächlich von den richtigen Voraussetzungen ausgeht.
Und natürlich die Bereitschaft,
ebenso sorgfältig und unvoreingenommen zu überprüfen,
ob man tatsächlich die richtigen Schlussfolgerungen zieht.

Dazu gehört, dass man sich auch dann
nicht von einer unvoreingenommenen Überprüfung abhalten lässt,
wenn es um religiöse Dogmen oder Gebote oder Offenbarungen geht
oder um sonstige Aussagen religiöser Herkunft.

Dazu gehört,
dass man seinen Verstand gebraucht,
und dass man bereit ist,
aus Erfahrungen zu lernen.

  
Kurzfristig – längerfristig

Für einige von Jesu Anweisungen macht es einen Unterschied,
ob das Reich Gottes unmittelbar bevorsteht
oder ob wir noch für längere Zeit
mit den Verhältnissen dieser Welt rechnen müssen.

Ein weiteres Beispiel aus der Bergpredigt:

Wer dich bittet, dem gib,
und wer von dir borgen will, den weise nicht ab.
      (Matthäus 5,42)

Das immer so zu halten, das mag hingehen,
wenn das Reich Gottes unmittelbar bevorsteht
und dann für jeden gesorgt wird.

Wenn wir aber noch für längere Zeit
in dieser Welt zurechtkommen müssen,
dann kommen wir nicht so leicht um die Frage herum:

Können wir uns das denn leisten?

Brauchen wir unser Geld und Gut nicht selber,
zum Beispiel für unsere Altersvorsorge,
für unsere Vorsorge für den Fall von Arbeitslosigkeit oder Krankheit?

Und:
Brauchen wir es nicht vielleicht für unsere nächsten Angehörigen?
Für die Ausbildung der Tochter oder des Sohnes?
Für den Fall, dass der Ehemann oder die Ehefrau pflegebedürftig wird
und seine Ehefrau bzw. ihr Ehemann selbst schon zu hinfällig ist,
um das zu leisten?
Müssen wir nicht längerfristig planen,
um der Verantwortung für unsere Angehörigen gerecht zu werden?

Eine längerfristige Planung
gehört nicht nur zu einer klugen Vorsorge für die eigene Person.
Sie gehört auch zu einer vorbildlichen Praxis der Nächstenliebe.

Jesus ignoriert das.
Er erweist sich als ein schlechter Lehrer der Nächstenliebe.


Was wäre, wenn viele Menschen auf Jesus hören würden?
Die Folgen träfen nicht immer
nur diese Menschen und ihre Angehörigen.

Die Fragen „Wem würde es nützen?“
und „Wem würde es schaden?“
stellen sich besonders bei folgenden Worten der Bergpredigt:

Ich aber sage euch:
Leistet dem, der euch etwas Böses antut,
keinen Widerstand,
sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt,
dann halt ihm auch die andere hin.

Und wenn dich einer vor Gericht bringen will,
um dir das Hemd wegzunehmen,
dann lass ihm auch den Mantel.

Und wenn dich einer zwingen will,
eine Meile mit ihm zu gehen,
dann geh zwei mit ihm.
      (Matthäus 5,39-41)

Die Antworten:
Nützen würde es den Menschen,
die anderen Menschen Unrecht zufügen.
Schaden würde es nicht nur den Menschen,
denen Unrecht zugefügt wird.
Schaden anrichten würde es darüber hinaus,
weil es diejenigen ermutigen würde,
die anderen vielleicht Unrecht zufügen wollen.
Sodass dann noch mehr Menschen darunter leiden müssten,
dass ihnen Unrecht zugefügt würde.

Da halte ich mehr von einem Motto,
das ich in der 68er-Bewegung gehört habe:

Wer sich nicht wehrt,
lebt verkehrt.

Gemeint war, dass es auch dann wünschenswert ist,
dass Menschen sich gegen Unrecht wehren,
wenn sie keinen oder keinen nennenswerten Vorteil davon haben.
Damit diejenigen, die vielleicht anderen Unrecht zufügen wollen,
nicht darauf spekulieren können,
dass ihre Opfer sich aus Bequemlichkeit allerlei gefallen lassen.
Damit sie es nicht so leicht haben,
wenn sie anderen Unrecht zufügen,
und deshalb vielleicht weniger motiviert sind,
anderen Unrecht zuzufügen.

Kurz:
Sich gegen Unrecht zu wehren,
kann ein Akt von vorbildlicher Nächstenliebe sein.

Was schon für die private Gegenwehr des Einzelnen gilt,
gilt erst recht für die gesamte Gesellschaft:
Man stelle sich nur einmal vor, zu welchen Zuständen es führen würde,
wenn die gesamte Gesellschaft
auf Jesus hören und darauf verzichten würde,
etwas dagegen zu tun, dass ihren Mitgliedern Unrecht zugefügt würde.
Wie dann das Unrecht überhand nehmen würde!
Wie sehr Unschuldige darunter leiden würden!

Zu schweigen davon,
dass dann auch die neuzeitlichen Errungenschaften unserer Kultur
nicht mehr sicher wären:
unsere Freiheit, unsere Menschenrechte, unsere Demokratie.

Robert Leicht schreibt dazu: 5

„Diese endzeitliche Perspektive ist auch der Grund dafür,
dass es so schwer ist, aus der Bergpredigt
eine Ethik für eine Welt abzuleiten,
die doch offenbar auf Dauer gestellt ist – oder doch zu sein scheint.
Den Feind zu lieben, dem Übel nicht zu widerstreben,
wie soll man daraus eine wehrhafte Demokratie
und einen durchsetzungsfähigen Rechtsstaat bauen,
geschweige denn Law and Order durchsetzen?“

Er fährt fort:

„Kaum zu übersehen – und wie verlegen! – sind die Versuche
in der Auslegungs- wie Kirchengeschichte,
diese Bergpredigt als absolut verbindlich zu bewahren
und gleichzeitig eine praktikable Welt zu gestalten.“

Und er fügt hinzu,
was der bedeutende Leben-Jesu-Forscher Albert Schweitzer darüber dachte:

„Albert Schweitzer meint,
darin könne man allenfalls eine »Interimsethik« erkennen,
eine Ethik für die letzten Tage der Welt.“

  
Jesus und das „Gesetz“ der Juden

Jesus und das „Gesetz“ der Juden,
das seien geradezu Gegensätze,
meinen viele Christen.
Einige, vor allem wohl unter den evangelisch-lutherischen Christen,
haben immer wieder den Bibelspruch gehört:

So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird
ohne des Gesetzes Werke,
allein durch den Glauben.
      (Römer 3,28, Übersetzung nach Luther)

Und vielleicht auch den Spruch:

Nun aber sind wir vom Gesetz frei geworden
und ihm abgestorben, das uns gefangen hielt,
sodass wir dienen im neuen Wesen des Geistes
und nicht im alten Wesen des Buchstabens.
      (Römer 7,6, Übersetzung nach Luther)

Allerdings, das sind Worte des Apostels Paulus.
Jesus aber sagt laut Bibel:

Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin,
das Gesetz oder die Propheten aufzulösen;
ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.

Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen,
wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht.

Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst
und lehrt die Leute so,
der wird der Kleinste heißen im Himmelreich;
wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich.
      (Bergpredigt, Matthäus 5,17-19, Übersetzung nach Luther)

Damit bestätigt Jesus die Fortgeltung
von jedem einzelnen Gebot der Thora,
des „Gesetzes“ der Juden.
Eines Buches voller Unmenschlichkeiten,
einschließlich Aufforderungen zu Verbrechen
wie Völkermord und exzessiver Gebrauch der Todesstrafe.

        mehr dazu unter Die Bibel – ein inhumanes Buch

„So hat Jesus das doch nicht gemeint“,
denkt jetzt vielleicht manch ein christlicher Leser.

Nun, ich kann nicht völlig ausschließen,
dass Jesus so unwissend gewesen sein könnte
wie viele Christen,
die nicht ahnen und sich gar nicht vorstellen können,
zu welchen Verbrechen in ihrer Bibel aufgefordert wird.
Ich kann auch nicht völlig ausschließen,
dass Jesus so leichtfertig gewesen sein könnte
wie manche Christen,
die die Befolgung der Gebote der Bibel fordern,
ohne sich je darüber informiert zu haben, wie diese Gebote aussehen.

Wenn Jesus so ahnungslos und so leichtfertig wie viele Christen
die Forderung erhoben hätte,
die Gebote einer heiligen Schrift zu befolgen,
dann wäre das eine Kombination
von Unwissenheit und Mangel an Verantwortungsbewusstsein,
die einen nicht eben zu einem vertrauenswürdigen Lehrer macht.

Oder Jesus weiß, was er tut,
als er die Fortgeltung sämtlicher Gebote der Thora predigt:
Er weiß, dass er damit die Fortgeltung des Gebots predigt,
das zur Tötung von Männern auffordert,
die homosexuellen Verkehr hatten (Levitikus =3. Mose 20,13),
und die Fortgeltung des Gebots,
das zur Tötung von Männern und Frauen auffordert,
die Ehebruch begangen haben (Levitikus =3. Mose 20,10).
Kurz, Jesus predigt die Fortgeltung von Aufforderungen zum Mord.
In dem Fall wäre Jesus erst recht alles andere
als ein vertrauenswürdiger Lehrer der Nächstenliebe.

Eine dritte Möglichkeit –
nämlich dass der historische Jesus jene Worte,
mit denen die Fortgeltung sämtlicher Gebote der Thora bestätigt wurde,
vielleicht gar nicht gesagt hat,
dass sie ihm vielleicht nur in den Mund gelegt wurden –
diese dritte Möglichkeit kann hier außer Betracht bleiben,
da hier, wie ich ja schon schrieb,
gar nicht vom historischen Jesus die Rede sein soll,
sondern von dem Jesus, wie er in der Bibel dargestellt wird.

Und dieser Jesus der Bibel
bestätigt nun einmal die Fortgeltung sämtlicher Gebote der Thora.
Und damit logischerweise auch die Fortgeltung
der Aufforderung zum Mord an Homosexuellen und Ehebrechern.

„Aber“, wird jetzt manch ein Christ einwenden wollen,
„derselbe Jesus der Bibel
ist doch immer wieder damit angeeckt,
dass er am Sabbat Dinge tat,
die nach Meinung seiner Landsleute am Sabbat nicht erlaubt waren.
Und dieser Jesus hat doch sogar dafür gesorgt,
dass eine Ehebrecherin nicht getötet wurde.“
(Evangelium nach Johannes 8,3-11)

Das ist freilich nur ein weiteres Beispiel dafür,
dass der Jesus der Bibel einmal so redet und einmal anders.
Er ist kein Lehrer,
der eindeutige Angaben darüber hinterlassen hätte,
was er denn am Ende für richtig hielt.

  
Jesu Verbot der Scheidung

In der Bergpredigt referiert Jesus eine Bestimmung des „Gesetzes“:

Ferner ist gesagt worden:
Wer seine Frau aus der Ehe entlässt,
muss ihr eine Scheidungsurkunde geben.
      (Matthäus 5,31)

um dann dagegen zu setzen:

Ich aber sage euch:
Wer seine Frau entlässt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt,
liefert sie dem Ehebruch aus;
      (Matthäus 5,32, 1. Teilsatz)

Viele freundliche Christen von heute glauben gern,
dass Jesus dies Scheidungsverbot
aus menschenfreundlichen Gründen ausgesprochen habe:

„zum Schutz der rechtlich empfindlich benachteiligten Frau“

schreibt der Theologe Hans Küng.
(Christ sein, C II.3. Der Sinn der Bergpredigt; S. 293 bei dtv)

Zu dieser schönen Vorstellung passt allerdings überhaupt nicht,
was Jesus im Anschluss daran sagt:

und wer eine Frau heiratet,
die aus der Ehe entlassen worden ist,
begeht Ehebruch.

Das heißt, wenn es nach Jesus geht,
dann soll eine geschiedene Frau keine Möglichkeit haben,
sich durch eine erneute Heirat
aus der damals sicherlich recht unangenehmen Lage einer geschiedenen Frau zu befreien.

Diesem Jesus geht es offensichtlich nicht um das Wohlergehen von Frauen.
Im Gegenteil, sein Verbot der Wiederheirat für geschiedene Frauen
ist noch frauenfeindlicher
als die entsprechenden Bestimmungen des „Gesetzes“. 6

 
Nicht ganz so einfach liegt der Fall für Jesu Verbot der Scheidung.
Scheidung ist nicht gleich Scheidung –
es spielt eine Rolle, wie es einer Frau danach ergeht,
ob sie materieller Not und gesellschaftlicher Ächtung ausgesetzt ist,
oder ob sie materiell abgesichert und gesellschaftlich akzeptiert ist.

Gut möglich, dass es in Jesu Zeit und Kultur
einer geschiedenen Frau derart schlecht erging,
dass sie selbst dann am Fortbestand ihrer Ehe interessiert war,
wenn es längst eine Ehe ohne Liebe,
ja eine Ehe ohne gegenseitige Wertschätzung geworden war.
Gut möglich, dass in jener Zeit und Kultur
einiges für die Auffassung sprach,
dass ein weitgehendes Scheidungsverbot
mehr Leiden verhüten als Leiden hervorbringen würde.

Trotzdem bleiben zwei Fragen:

   1.  Ist es sinnvoll, mit einem strikten Verbot
alle Eheleute über einen Kamm zu scheren?
Es dürfte zu jeder Zeit Ehen gegeben haben,
die in einem Zustand waren,
dass eine Scheidung das kleinere Übel gewesen wäre,
auch und gerade für die Frau.
Beispielsweise,
wenn ein gewalttätiger Ehemann seine Frau derart prügelte,
dass sie um ihr Leben fürchten musste und um ihre Gesundheit.

   2.  Wie steht es mit einer anderen Möglichkeit,
Frauen davor zu schützen,
durch Scheidung in eine sehr unangenehme Lage zu geraten?
Wie steht es damit,
dass man etwas für die Verbesserung der Lage geschiedener Frauen tun könnte?

Nach Ansätzen dazu sucht man beim Jesus der Bibel vergeblich.
Seine Predigt ist eher geeignet,
die Lage geschiedener Frauen noch zu verschlimmern.

Dabei hätte es auch dann ein Akt der Nächstenliebe sein können,
sich für die Verbesserung der Lage geschiedener Frauen einzusetzen,
wenn man die eigene Zeit und Kultur so einschätzt,
dass ein Scheidungsverbot
mehr Leiden verhüten als hervorbringen würde.

Erstens, weil es trotz Verbot weiterhin geschiedene Frauen geben wird.
Verbote werden nicht immer eingehalten.
Und im Evangelium nach Matthäus wird –
anders als im Evangelium nach Markus –
sogar eine Ausnahme vom Scheidungsverbot ausdrücklich zugelassen.
(Matthäus 19,3-9; Markus 10,2-12)

Und zweitens, weil es ein höchst veränderungsbedürftiger Zustand ist,
wenn die Lage geschiedener Frauen so schlecht ist,
dass Frauen in der Fortsetzung einer unglücklichen Ehe
das kleinere Übel sehen müssen.

Man kann ein Scheidungsverbot
in einer bestimmten Zeit und Kultur für sinnvoll halten
und gleichzeitig Anstrengungen unternehmen,
um die Lage geschiedener Frauen zu verbessern
und damit dies Scheidungsverbot irgendwann überflüssig zu machen.

Aber überflüssig machen
will Jesus sein Scheidungsverbot überhaupt nicht.
Stattdessen stellt er eine enge Verbindung her
zum Verbot des „Ehebruchs“,
ein Verbot, das seiner Meinung nach fortgelten soll
„bis Himmel und Erde vergehen“ (Matthäus 5,18).

 
Nun, Himmel und Erde sind noch da,
und wir können fragen, ob Jesu Lehren heute
eher hilfreich oder eher hinderlich sind
bei der Umsetzung der Nächstenliebe in die Praxis.

Heute sind wir in der glücklichen Lage,
dass geschiedene Frauen
so weit materiell abgesichert und gesellschaftlich akzeptiert sind,
dass viele Frauen in einer Scheidung das kleinere Übel sehen können
im Vergleich zum Fortbestand einer unglücklichen Ehe.

Und auch wenn Kinder da sind,
können wir Erich Kästner zustimmen,
wenn er erklärt,
es gebe „auf der Welt sehr viele geschiedene Eltern“,
und „sehr viele Kinder, die darunter litten!“,
und wenn er fortfährt,
es gebe „sehr viele andere Kinder, die darunter litten,
dass die Eltern sich nicht scheiden ließen!“
      (Das doppelte Lottchen, S. 59; Hervorhebung von Kästner)

Heute sind wir in der glücklichen Lage,
dass wir im Einzelfall entscheiden können,
was das Beste ist für die Betroffenen,
für die Frau, für den Mann, für die Kinder.
Heute kann es für alle das Beste sein,
wenn wir uns nicht nach Jesu Scheidungsverbot richten.
Und, natürlich,
dass wir auch nicht von anderen Menschen verlangen,
sich nach Jesu Scheidungsverbot zu richten.

Heute finden wir besseren Rat
bei Philosophen wie Bertrand Russell (1872–1970).
Er schrieb unter anderem:

„Es sollte anerkannt werden, dass, wenn keine Kinder vorhanden sind, geschlechtliche Beziehungen eine reine Privatangelegenheit bedeuten, die weder den Staat noch die Nachbarn etwas angeht. ...
Wenn Kinder vorhanden sind, ist es ein Irrtum, zu glauben,
dass es unbedingt in ihrem Interesse liege,
eine Scheidung sehr schwierig zu machen.
Gewohnheitsmäßige Trunksucht, Grausamkeit
und Geistesgestörtheit sind Gründe,
die eine Scheidung im Interesse der Kinder
ebenso notwendig machen
wie im Interesse der Frau oder des Mannes.

Die besondere Bedeutung, die gegenwärtig dem Ehebruch beigemessen wird, ist völlig unvernünftig.
Viele Formen schlechten Verhaltens
sind eindeutig für das eheliche Glück verhängnisvoller
als eine gelegentliche Untreue.“
      (Warum ich kein Christ bin, S. 77)

„Drittens sollte eine Scheidung möglich sein,
ohne dass einer von beiden für schuldig erklärt wird,
und sie sollte nicht als irgendwie entehrend betrachtet werden.
Eine kinderlose Ehe sollte auf Wunsch eines der beiden Partner
aufgelöst werden können,
und jede Ehe in gegenseitigem Einverständnis –
wobei in jedem Fall eine einjährige Kündigungsfrist nötig wäre.
Eine Scheidung sollte natürlich
auch aus einer Anzahl anderer Gründe möglich sein – Geisteskrankheit, Verlassen, Grausamkeit usw.,
aber der häufigste Grund sollte gegenseitiges Einverständnis sein.“
      (Warum ich kein Christ bin, S. 160)

Nach Russell gibt es verschiedene Gründe,
die eine Scheidung wünschenswert machen können.
Darunter:
„Gründe, die in den Beziehungen zwischen Mann und Frau liegen.
Es kommt vor,
auch wenn keiner der beiden Seiten ein Vorwurf zu machen ist, dass es für ein Ehepaar unmöglich ist,
freundschaftlich zusammen zu leben,
oder ohne dass einer von ihnen ein großes Opfer bringen müsste.
Es kommt vor, dass beide eine wichtige Arbeit zu tun haben,
und dass sie dazu an verschiedenen Orten leben müssen.
Es kommt vor, dass einer von beiden,
ohne Abneigung gegen den anderen zu empfinden,
eine so tiefe Zuneigung zu einer anderen Person entwickelt,
dass er die Ehe als unerträgliche Fessel empfindet.

Wenn in einem solchen Fall keine legale Abhilfe möglich ist,
muss mit Sicherheit Hass aufkommen. ...

Wenn eine Ehe an Unvereinbarkeit scheitert
oder an einer überwältigenden Leidenschaft eines Partners
für eine andere Person,
dann sollte man nicht ... nach einem Schuldigen suchen.“
      (
Marriage and Morals, S. 141 f,
      Übertragung ins Deutsche von Irene Nickel)

In der ruhigen Art Bertrand Russells,
auf Schuldzuweisungen zu verzichten
und aufzuzeigen, was nötig ist,
damit Menschen aus einer einmal eingetretenen unglücklichen Situation das Beste machen können –
in dieser Art Bertrand Russells
findet sich mehr von einer vorbildlichen Praxis der Nächstenliebe
als in all den Aufgeregtheiten Jesu,
in seiner Fixierung auf religiöse Gebote und Verbote
und auf „Sünden“ und Strafen.

 
Keine Spur von Nächstenliebe
findet sich in Jesu Verbot einer Wiederheirat
von geschiedenen Menschen,
von geschiedenen Frauen und auch von geschiedenen Männern (Markus 10,11‑12).

Keine Spur von Nächstenliebe
findet sich auch in den Bestrebungen einiger Christen,
dies Gebot Jesu heute noch zu propagieren
oder gar zu erzwingen.

Heute mag die Situation einer geschiedenen Frau
nicht mehr so unangenehm sein wie früher,
und so mag es weniger dringlich für sie sein,
sich durch Wiederheirat einer solchen Situation zu entziehen.

Um so wichtiger ist heute ein anderer Grund für eine Wiederheirat:
die Möglichkeit, in einer neuen Ehe ein neues Glück zu finden.

Noch heute sind Christen lieblos genug,
um geschiedenen Menschen dies Glück zu missgönnen.
Noch heute sind Christen lieblos genug,
um Menschen zu nötigen, auf eine Wiederheirat zu verzichten.
Noch heute müssen in Deutschland
Menschen um ihren Arbeitsplatz fürchten,
wenn sie als Geschiedene wieder heiraten
oder wenn sie einen geschiedenen Menschen heiraten.
So sieht es noch heute aus für Menschen,
die in katholischen Kindergärten, Krankenhäusern oder Altenheimen
ihren Arbeitsplatz haben.
In dieser Praxis von katholischen sozialen Einrichtungen
lebt die Lieblosigkeit Jesu bis in die heutige Zeit fort.

Das wird nicht viel besser dadurch,
dass es heute relativ leicht ist,
auch ohne Trauschein zusammenzuleben.
Es wird nicht viel besser dadurch,
dass ein solches Zusammenleben ohne Trauschein
von vielen katholischen sozialen Einrichtungen
stillschweigend geduldet wird
und eine Kündigung nur im Falle einer standesamtlichen Heirat erfolgt.
Es sind verständliche und dringende menschliche Wünsche,
über die sich die Verantwortlichen in den katholischen Einrichtungen
rücksichtslos hinwegsetzen:
der Wunsch, die Zusammengehörigkeit durch Heirat zu bekräftigen,
der Wunsch nach gesellschaftlicher Anerkennung der Beziehung
und der Wunsch,
die Beziehung unter den Schutz der Gesellschaft zu stellen,
unter den Schutz des Menschenrechts auf Ehe und Familie
und unter den Schutz staatlicher Gesetze,
beispielsweise, in Deutschland,
unter den Schutz von Artikel 6 des Grundgesetzes.

Zum Verhalten katholischer Einrichtungen zur Wiederheirat
ist freilich zu sagen,
dass es wohl kaum im Sinne Jesu sein dürfte,
wenn geschiedene Menschen mit ihren neuen Partnern
in Beziehungen ohne Trauschein zusammenleben.
Jesus dürfte gewollt haben,
dass sie überhaupt nicht mehr in neuen Beziehungen leben.
Noch mehr als die katholische Kirche und ihre Einrichtungen
war Jesus darauf aus,
Menschen davon abzuhalten,
in neuen Beziehungen ein neues Glück zu finden.

  
Verschärfung von Geboten

Mit einem Gebot, das den Ehebruch verbietet,
begründet Jesus unter anderem
sein Verbot der Scheidung
und sein Verbot, eine geschiedene Frau zu heiraten.

Als ihm entgegengehalten wird:

Wozu hat dann Mose vorgeschrieben,
dass man (der Frau) eine Scheidungsurkunde geben muss,
wenn man sich trennen will?
     (Matthäus 19,7)

antwortet Jesus:

Nur weil ihr so hartherzig seid,
hat Mose euch erlaubt, eure Frauen aus der Ehe zu entlassen.
     (Matthäus 19,8)

Wer vom heutigen Sprachgebrauch ausgeht,
denkt bei der erwähnten „Hartherzigkeit“
leicht an mangelndes Mitgefühl gegenüber Menschen,
in diesem Falle gegenüber Frauen.
Das griechische Wort „σκληροκαρδία“ („sklerokardia“)
muss jedoch keineswegs so verstanden werden;
an anderer Stelle im Neuen Testament
wird es eindeutig in einem anderen Sinne verwendet:

Zuletzt, als die Elf zu Tisch saßen, offenbarte er sich ihnen
und schalt ihren Unglauben und ihres Herzens Härte,
dass sie nicht geglaubt hatten denen, die ihn gesehen hatten
als Auferstandenen.
     (Markus 16,14, Übersetzung nach Luther)

Die „σκληροκαρδία“, die „Herzens Härte“,
die hier gescholten wird,
ist keine Härte gegen Menschen,
sondern gegen Gottes Anliegen, gegen Gottes Botschaft.

Eine gleichartige Interpretation von „σκληροκαρδία“
ergibt auch bei dem Jesuswort von Matthäus 19,8 einen Sinn:

Weil ihr euer Herz verhärtet habt
gegen die Anliegen Gottes, gegen seinen Willen,
nur deshalb hat Mose euch erlaubt,
eure Frauen aus der Ehe zu entlassen.

Diese Interpretation passt vorzüglich dazu,
dass Jesus im Zusammenhang mit dem Scheidungsverbot
ein weiteres Verbot verkündet,
das Verbot der Heirat mit einer geschiedenen Frau. (Matthäus 5,32)
Ein Verbot, das gewiss nicht
mit einem mitfühlenden Herzen gegenüber Menschen zu erklären ist.
Wohingegen die Behauptung, dass Gott es eben so wolle,
sich auf nahezu jedes beliebige Gebot oder Verbot anwenden lässt.

Nun predigt Jesus in einer Umgebung,
in der es bereits bestimmte Vorstellungen davon gibt, was Gott will:
das, was in den Büchern Mose geboten wird.
Jesus aber beschränkt sich nicht darauf,
einfach die Einhaltung dieser Gebote zu fordern.
Vielmehr verschärft er diese Gebote,
interpretiert Forderungen hinein,
die im Wortlaut dieser Gebote überhaupt nicht vorkommen.
Und stößt auf Widerspruch.

Um seine Lehre zu verteidigen,
stellt Jesus eine bemerkenswerte Theorie auf:
In den Geboten des Mose sei der eigentliche Wille Gottes
verwässert worden durch Kompromisse,
zu denen Mose sich veranlasst sah
durch die „Härte des Herzens“,
die mangelnde Bereitschaft seiner Leute,
ganz nach dem Willen Gottes zu leben.
Jesus aber würde in seiner Lehre
den ursprünglichen, den wahren Willen Gottes
wiederherstellen.

Hier ist die Vorstellung, eine Verschärfung der Gebote
entspreche dem wahren Willen Gottes,
eng verwoben mit einer negativen Einstellung zu (anderen) Menschen.
Einerseits dient eine negativ bewertete Eigenschaft,
die „Härte des Herzens“, die anderen Menschen nachgesagt wird,
zur Begründung der Behauptung,
Gott würde eigentlich schärfere Gebote befolgt wissen wollen.
Andererseits haben die Frommen,
wenn sie von schärferen Geboten ausgehen,
mehr Möglichkeiten,
menschliches Verhalten als Verstoß gegen Gebote anzusehen,
und folglich mehr Möglichkeiten,
sich in ihrer negativen Einstellung zu anderen Menschen
bestätigt zu sehen.
Und schließlich bietet die Verschärfung von Geboten
den Frommen eine Gelegenheit,
anderen Menschen zusätzliche Lasten aufzubürden
und so ihre Aggressionen und ihren Sadismus auszuleben,
und bei alldem
sich auch noch in dem Bewusstsein zu sonnen,
so würden sie dem wahren Willen Gottes Geltung verschaffen.

Solche Theorien über den wahren Willen Gottes
kann sich ein jeder zunutze machen,
wenn er den Wunsch verspürt,
vorhandene religiöse Gebote zu verschärfen
und Forderungen hineinzuinterpretieren, die dort gar nicht vorkommen.

Verschärfende Interpretationen dieser Art hat es dann auch gegeben.
Beispielsweise hat die Römisch-Katholische Kirche
in das 6. Gebot, das den Ehebruch verbietet,
die Forderung hineininterpretiert,
auf „künstliche“ Methoden der Empfängnisverhütung 7
wie Pille oder Kondom zu verzichten.

Dass Jesus das Gebot der Nächstenliebe predigte,
das hat solche menschenfeindlichen Verschärfungen religiöser Gebote
offenbar nicht verhindert.

Es hat ja auch Jesus selbst nicht daran gehindert,
die Gebote, die er vorfand, zu verschärfen
und um menschenfeindliche zusätzliche Forderungen zu erweitern.

  
Wenn schon Gedanken Sünde sein sollen

Auf vielerlei Weise kann der Mensch zum Sünder werden,
wenn es nach Jesus geht:

Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist:
Du sollst nicht die Ehe brechen.
Ich aber sage euch:
Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht,
hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.
     (Bergpredigt, Matthäus 5,27-28, Einheitsübersetzung)

Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist:
Du sollst nicht töten;
wer aber jemand tötet, soll dem Gericht verfallen sein.
Ich aber sage euch:
Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt,
soll dem Gericht verfallen sein ...
     (Bergpredigt, Matthäus 5,21-22, Einheitsübersetzung)

Dass Maßstäbe dieser Art von der katholischen Amtskirche
gern übernommen werden, wird niemanden wundern, der sie kennt.
Sie verkündet:

„Jesus ist gekommen, um die Schöpfung
in der ursprünglichen Reinheit wiederherzustellen.
In der Bergpredigt legt er den Plan Gottes entschieden aus ...“
     (Katechismus der Katholischen Kirche Nr. 2336)

„Wenn Jesus an das Gebot: ‚Du sollst nicht töten’ (Mt 5,21) erinnert, fordert er den Frieden des Herzens
und verurteilt die Unsittlichkeit des mörderischen Zorns
und des Hasses.“
     (Katechismus der Katholischen Kirche Nr. 2302)

Aber auch ein „progressiver“ Theologe wie Hans Küng
kann sich dafür begeistern:

„Gottes befreiende (sic!) Forderung aber ist radikal. ...
Gott will mehr:
Er beansprucht nicht nur den halben, sondern den ganzen Willen.
Er fordert nicht nur das kontrollierbar Äußere,
sondern auch das unkontrollierbare Innere – des Menschen Herz. ...
Nicht nur das Handeln, sondern das Sein. ...
Jegliches ‚Nur’ in der Interpretation der Bergpredigt
bedeutet eine Verkürzung und Abschwächung
des unbedingten Gotteswillens ...“
     (Christ sein, C II.3, Der Sinn der Bergpredigt; S. 293 f bei dtv)

Das mag man ja wünschenswert finden:
Dass Menschen nicht nur richtig handeln,
sondern auch mit dem Herzen dabei sind.

Aber was, wenn es anders ist?
Wenn ungerufen
Gefühle des Zorns oder der Lüsternheit auftauchen?

So etwas ist unkontrollierbar,
meint Hans Küng,
und damit hat er weitgehend recht.
Also hat es wenig Sinn,
von Menschen zu fordern,
dass sie dies Unkontrollierbare kontrollieren sollten.

Zudem es ist unfair,
sie schuldig zu sprechen
für etwas, was sie gar nicht kontrollieren konnten.
Es ist unfair,
vielen Menschen unnötige Schuldgefühle einzureden
und ihnen damit unnötigen Kummer zu bereiten;
vielen Menschen,
die doch das getan haben, was sie konnten:
richtig handeln.

Jesus
erweist sich auch in diesen Aussagen der Bergpredigt
als unfair
und als lieblos.

Traurig ist dabei:
Viele seiner Anhänger,
einschließlich Menschen, die eigentlich gute Absichten hegen,
scheinen nicht das Geringste davon zu merken.

 
Als Begründung für Jesu harte Worte über Zorn und Lüsternheit
führen Christen gelegentlich Begründungen an wie die folgende:

„Sei nicht zornmütig, denn der Zorn führt zum Mord, ...
... sei nicht lüstern, denn die Lüsternheit führt zur Unzucht,
meide die Zoten und freche Blicke; denn all das führt zum Ehebruch.“
     (nach Angaben auf einer Seite eines Schweizer Bibelkreises 8
     stammen diese Worte aus der Didache,
     auch Lehre der zwölf Apostel oder
     Die Lehre des Herrn durch die zwölf Apostel für die Heiden
   
 genannt, einer christlichen Schrift aus dem 2. Jahrhundert)

„Wehret den Anfängen!“, das scheint der Gedanke dabei zu sein.

Das klingt einleuchtend.
Aber das heißt nicht, dass man so sein Ziel erreicht.
Es mag ja oft so sein,
dass man unerfreuliche Entwicklungen am leichtesten stoppen kann,
wenn man sie in ihren Anfängen stoppt.
Voraussetzung ist aber,
dass man sie tatsächlich in diesen Anfängen stoppen kann.
Und das erweist sich oft als unmöglich,
wenn es um Gefühle des Zorns oder des sexuellen Begehrens geht.

Wenn der Mensch immer wieder scheitert in seinem Bestreben,
diese Gefühle zu vermeiden,
dann wirkt das entmutigend;
wenn das Erstrebte sich als unerreichbar erweist,
dann schwindet die Motivation, sich noch ernsthaft darum zu bemühen.

Die zynische Variante dieses Motivationsverlustes sieht so aus:

„Hängen kann ich für ein Schaf so gut wie für ein Lamm.
Wenn mit dem begehrlichen Blick oder dem Aufwallen des Zorns
die Sünde schon begangen ist,
warum sollte ich mir dann noch die Mühe machen, die Tat zu vermeiden?“

Ein offener und trotziger Zynismus dieser Art
dürfte freilich bei Gläubigen eher selten sein.
Häufiger dürften sie sich mit Schuldgefühlen plagen,
mit dem Gefühl, versagt zu haben,
und mit der Angst vor erneutem Versagen.
Die Gläubigen werden sich einreden, dass sie sich ernsthaft bemühen,
aber sie werden nicht mehr viel Kraft dafür haben,
nachdem sie ihre Kräfte
im aussichtslosen Ringen mit unkontrollierbaren Gefühlen verausgabt haben
und darüber die Hoffnung auf nennenswerten Erfolg verloren haben.

 
Etwas anders sehen die Probleme aus,
wenn der Versuch, bestimmte Gefühle zu vermeiden, scheinbar gelingt.
Manche Menschen haben beträchtlichen Erfolg bei dem Bestreben,
unerwünschte Gefühle, wie z. B. Zorn oder sexuelles Begehren,
aus ihrem Bewusstsein zu verbannen.

Die unerwünschten Gefühle verschwinden aber nicht einfach – vielmehr werden sie ins Unterbewusste verdrängt.
Danach ist es nicht mehr möglich,
diese Gefühle bewusst zu bearbeiten
und Möglichkeiten zu finden, besser damit umzugehen.
So bleiben Möglichkeiten ungenutzt,
das eigene Verhalten positiv zu beeinflussen,
denn erfreuliches Verhalten ist nicht nur eine Frage des guten Willens,
sondern auch eine Frage des „Gewusst wie“.

Grundlage eines effektiven „Gewusst wie“
sind zutreffende Vorstellungen über die eigene psychische Struktur.
Auf dieser Grundlage können sogar Aggressionen,
die sonst wegen ihres destruktiven Potentials
nicht ohne Grund gefürchtet werden,
in sozial nützliche Bahnen gelenkt werden. 9

Beispielsweise in die Bekämpfung von Missständen.
Studenten der „68er“ Generation wussten das;
eine ihrer Parolen lautete:
„Verwandelt euren Hass in Energie!“

Die Nutzung dieses Potential wird erschwert,
wenn der Zorn in Grund und Boden verdammt
und deshalb vielfach verleugnet wird.

Und nicht nur das:
Schon die einfache Zügelung der Aggressionen wird erschwert,
wenn der Mensch sich seine Aggressionen nicht eingesteht.
Wenn er deshalb nicht merkt, wann er sich einem Punkt nähert,
an dem er sich eine bestimmte Situation nicht mehr zumuten kann,
wenn er nicht explodieren und emotionales Porzellan zerschlagen will,
um dass es ihm nachher ehrlich leid tut.

 
Es kommt nichts Gutes dabei heraus,
wenn einem Menschen eingeredet worden ist,
dass er bestimmte Gefühle nicht haben dürfe –
ob er auf aufkeimende Gefühle dieser Art
nun mit Schuldgefühlen und Versagensängsten reagiert
oder mit Verdrängung ins Unterbewusste.

Beide Reaktionen können bei ein und demselben Menschen nebeneinander vorkommen.
Oder das eine kann zum anderen führen.

Beispielsweise kann es vorkommen,
dass jemand Zorn auf seinen Bruder empfindet
und deshalb meint, dass er sich für schuldig halten müsse.
Die bewusste Reaktion
kann dann in drückenden Schuldgefühlen bestehen.
Unbewusst bleiben
muss aber oft das Wissen darum,
dass man schuldig gesprochen wird
und sich mit drückenden Schuldgefühlen plagen muss
wegen etwas, wofür man gar nichts kann.
Unbewusst bleiben
muss oft die Erkenntnis,
dass man ungerecht behandelt wird.
Denn der Zorn über diese ungerechte Behandlung
müsste ein Zorn sein auf den, der einen zu Unrecht schuldig spricht,
und für den gläubigen Christen wäre das letztlich Gott.
Zorn auf Gott
aber wäre für viele Christen
die Sünde schlechthin.
Das wäre ein starkes Motiv,
diesen Zorn nicht ins Bewusstsein dringen zu lassen.
Und auch nicht den Grund für diesen Zorn,
das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden.
Es wäre ein starkes Motiv,
all das ins Unterbewusste zu verdrängen.

So kann aus einem vergleichsweise harmlosen Problem –
der Gedanke an den Zorn auf den Bruder war noch erträglich genug,
dass er dem Bewusstsein zugänglich gemacht werden konnte –
ein Problem von solchem Ausmaß werden,
dass der Wunsch nach Verdrängung unwiderstehlich wird.

Außerdem hilft es nicht, mit dem ursprünglichen Problem umzugehen.
Sicherlich ist es nicht schön, wenn ein Bruder dem anderen zürnt.
Aber dieser Zorn hat oft die besten Chancen, schnell zu verrauchen,
wenn man keine große Sache daraus macht.
Oft hilft es schon, wenn Zeit vergeht,
dass einem der Anlass für den Zorn nicht mehr so wichtig erscheint
und geschwisterliche Gefühle wieder in den Vordergrund treten können.
Zumal man bei ruhiger Überlegung zu dem Schluss kommen kann,
dass mit ein wenig Großzügigkeit das Leben angenehmer wird
für alle Beteiligten;
und dass man selber ja auch Fehler macht
und deshalb gut daran tut,
so viel Großzügigkeit zu zeigen,
wie man selbst im umgekehrten Fall erhoffen können möchte.

All das fällt leichter,
wenn man es nur mit einem schlichten zwischenmenschlichen Konflikt
zu tun hat.
Wenn das Ganze nicht mit einem Ballast
an Schuldgefühlen und Verdrängungen befrachtet wird,
die mit dem zwischenmenschlichen Konflikt gar nichts zu tun haben.
Die erst dadurch entstehen,
dass die eine Seite des Konflikts, der Zorn,
als ein schwerer Verstoß gegen ein religiöses Gebot gedeutet wird.
Diese Deutung Jesu
ist kein Beitrag zur Vermeidung oder zur leichteren Beilegung
von zwischenmenschlichen Konflikten.

 
Das Gebot der Nächstenliebe selbst

Wenn Christen etwas Gutes über Jesus sagen wollen,
dann sprechen sie gern von der Nächstenliebe,
und auch von seinem Gebot der Nächstenliebe.

Dies Gebot stellt Jesus über viele andere Gebote,
er stellt es über alle einzelnen Gebote
zum Verhalten gegenüber Menschen.

 
Auslegungen

In dieser Vorrangstellung des Gebots der Nächstenliebe
erkennen Christen guten Willens die Möglichkeit,
dies Gebot als eine Auslegungsregel
für all die einzelnen Gebote aufzufassen:
Sie sind so auszulegen, wie es die Nächstenliebe erfordert.
Einige Christen sehen es sogar so,
dass durch das Gebot der Nächstenliebe
bestimmte einzelne Gebote außer Kraft gesetzt werden könnten.
In diesem Sinne halten einige Christen es für legitim,
wenn beispielsweise Geschiedene kirchlich getraut werden
und homosexuelle Paare den Segen der Kirche erhalten.
Wenn Christen ihre Gebote so verstehen,
dann führt das zu menschenfreundlicheren Ergebnissen
als stures Beharren auf den einzelnen Geboten.

Jesus jedoch denkt nicht daran,
diese Möglichkeit der Auslegung konsequent zu nutzen.
Im Gegenteil, einigen der einzelnen Gebote
fügt er noch Verschärfungen hinzu,
die alles andere als menschenfreundlich sind.
Und bis heute gibt es viele Christen, und einflussreiche Christen,
die es ihm gleichtun.

 
Jesu Gebot – genau gelesen

Jesus verlangt nicht einfach nur Nächstenliebe,
er verlangt sehr viel mehr:

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
     (Markus 12,31)

Was damit alles verlangt wird,
das verdeutlicht Jesus mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter,
mit seiner Antwort auf die Frage, wer denn der Nächste sei.
(Lukas 10,25-37)

Eine wohlbegründete Deutung der Antwort Jesu
formulierte der Theologe Hans Küng:

„Der Nächste ist jeder, der mich gerade braucht.“
      (Christ sein, C III.2, Der mich gerade braucht; S. 306 bei dtv,
      Hervorhebung von Hans Küng)

Gestützt wird diese Deutung u. a. durch Jesu Forderung:

Ihr sollt also vollkommen sein,
wie es auch euer himmlischer Vater ist.
     (Bergpredigt, Matthäus 5,48)

Der Volksmund weiß es besser:

“Nobody is perfect.”
„Niemand ist vollkommen.“

Trotzdem regt sich kaum Widerspruch
zu der Forderung Jesu, den Nächsten zu lieben wie sich selbst,
wann auch immer ein Nächster da ist, der einen braucht.

 
All diese Lehren Jesu zur Nächstenliebe
klingen sehr menschenfreundlich.
Es liegt nahe, da einen Jesus zu sehen,
der etwas dazu beitragen will,
dass es mehr Nächstenliebe gibt unter den Menschen.
Es liegt nahe, da einen Jesus zu sehen,
der in menschenfreundlicher Absicht handelt.

Aber menschenfreundliche Absichten
sind keine Garantie für menschenfreundliche Ergebnisse.
Es ist immer noch die Frage,
zu welchen Ergebnissen Jesu Gebot der Nächstenliebe tatsächlich führt.

Es ist ein Gebot, das sehr viel verlangt:
Wie sich selbst soll man den Nächsten lieben;
und so sehr lieben soll man einen jeden,
der einen gerade braucht.
Es ist ein Gebot, das so viel verlangt,
dass ein Scheitern so gut wie unvermeidlich ist.

Das gilt für beide Aspekte der Nächstenliebe,
für die Gefühle wie für die Handlungen.

 
Gefühle der Nächstenliebe

Besonders erfreulich sind Handlungen der Nächstenliebe,
wenn sie mehr sind als bloße Pflichtübungen:
wenn der Mensch mit dem Gefühl dabei ist,
wenn er von dem Wunsch geleitet ist,
dass es dem Mitmenschen wohlergehen möge.

Das ist ein schönes Ideal.
Aber es ist eine andere Frage,
was passiert,
wenn man aus dem Ideal ein Gebot macht.
Und wenn man noch dazu – wie Jesus – in diesem Gebot
Maximalforderungen stellt.

Dass einem das Wohlergehen eines anderen Menschen
ebenso am Herzen liegt wie das eigene,
oder fast ebenso,
das kommt sicher vor,
wenn dieser andere Mensch einem sehr nahesteht,
wenn er z. B. das eigene Kind ist
oder der Ehemann oder die Ehefrau
oder der Lebenspartner oder die Lebenspartnerin.
Aber so starke Gefühle für Fremde
hat der Mensch gewöhnlich nicht.

Wenn ihm nun geboten wird, solche Gefühle zu haben,
dann mag er sich wünschen, solche Gefühle zu haben.
Aber das heißt nicht, dass diese Gefühle sich tatsächlich einstellen.
Die Möglichkeiten des Menschen,
Einfluss auf seine eigenen Gefühle zu nehmen,
sind sehr begrenzt.

Deshalb entstehen durch Versuche,
Gefühle mittels Gebot herbeizuführen,
ganz ähnliche Probleme
wie durch Versuche, Gefühle mittels Verbot zu verhindern.

Wenn Gefühle geboten sind, sich aber nicht einstellen,
dann können die gleichen Schuldgefühle entstehen
wie wenn Gefühle, die verboten sind, sich dennoch einstellen.

Und es kann das gleiche seelische Bedürfnis entstehen,
diesen Tatbestand nicht wahrhaben zu wollen
und sich einzureden, man hätte Gefühle, die man gar nicht hat.
Die Wirkung ist ähnlich wie bei der Verdrängung von Gefühlen,
die man hat, aber nicht wahrhaben will:
Man verliert die bewusste Beziehung zu seinen wirklichen Gefühlen
und damit die Fähigkeit, seine wirklichen Gefühle bewusst zu bearbeiten
und Möglichkeiten zu finden, besser damit umzugehen.

Dass Menschen freundlichere Gefühle für ihre Mitmenschen entwickeln,
wenn sie sie lieben müssen,
ist kaum zu erwarten.
Ob jemand nun mit Schuldgefühlen reagiert,
wenn die geforderten Gefühle sich nicht einstellen,
oder ob er krampfhaft versucht, diese Gefühle herbeizuzwingen –
beides bewirkt Unbehagen.
Seinen Ärger darüber
wird der Gläubige nur selten gegen das Gebot richten:
denn ein Gebot Gottes zu kritisieren, wird er sich nicht trauen.
So wird er oft den Mitmenschen
als den Anlass für sein Unbehagen wahrnehmen –
und das fördert nicht gerade freundlichere Gefühle für diesen Mitmenschen.

 
Handlungen der Nächstenliebe

„Dann geh und handle genauso!“
sagt Jesus am Ende der Geschichte,
in der er das Gleichnis vom barmherzigen Samariter erzählt
(Lukas 10,37)

Das spricht für die Deutung,
dass es Jesus beim Gebot der Nächstenliebe
vor allem um Handlungen der Nächstenliebe geht.

Ganz allgemein spricht für eine solche Deutung,
dass ein Gebot, das Handlungen fordert,
größere Aussichten auf Befolgung hat
als ein Gebot, das Gefühle fordert.
Weil der Mensch seine Handlungen besser steuern kann.

Das bedeutet nicht, dass jedes Gebot, das (nur) Handlungen fordert,
unproblematisch sein müsste.
Es ist immer die Frage, was tatsächlich passiert,
wenn ein bestimmtes Gebot aufgestellt wird.

Es ist ja keineswegs immer so,
dass das Gebotene tatsächlich passiert,
oder dass die Wirklichkeit dem Gebotenen auch nur nahekommt.
Große Diskrepanzen sind vor allem dann zu erwarten,
wenn im Gebot sehr viel gefordert wird.

Und das trifft zu auf das Gebot,
den Nächsten zu lieben wie sich selbst.
Auch dann, wenn es so aufgefasst wird,
dass damit „nur“ Handlungen gefordert werden –
aber gemeint sind sicher Handlungen dieser Art:

Wer zwei Gewänder hat,
der gebe eines davon dem, der keines hat,
und wer zu essen hat, der handle ebenso.
     (aus einer Predigt Johannes’ des Täufers, Lukas 3,11)

Allgemeiner gesprochen:
Was auch immer ein Mensch entbehren kann,
davon soll er dem abgeben, der es braucht.

Nun wird es fast immer Menschen geben,
die etwas von dem brauchen, was wir entbehren könnten.
So würde es fast immer darauf hinauslaufen,
dass für uns selbst nur das bliebe,
was wir wirklich nicht entbehren können:
nur so viel an Geld und Besitz,
nur so viel an Zeit, an Arbeitskraft und an Nervenkraft.

Es wird immer nur sehr wenige Menschen geben,
die das zu ihrer Zufriedenheit umsetzen können:
das heißt so,
dass sie sowohl mit ihrem Handeln
im Großen und Ganzen zufrieden sein können
als auch mit dem, was für sie selbst dabei übrig bleibt.

Bei den meisten Christen
wird entweder das eine oder das andere zu kurz kommen,
und oft genug auch beides.

Einige werden sich mit großem Engagement bemühen,
das Gebot so gut wie möglich zu erfüllen –
und sich damit irgendwann ein Burn-out-Syndrom einhandeln.
Hier zeigt sich, welch ein Fehler es ist,
bei der Aufstellung von Geboten
immer nur auf ihre Wirkung auf Dritte zu achten
und zu wenig auf ihre Wirkung auf diejenigen,
die diese Gebote erfüllen sollen.

Einige andere – ich vermute, die Mehrheit –
würde zwar vielleicht hin und wieder ein kleines Almosen geben,
ansonsten aber sich hinter Ausreden verschanzen.
In der Art:
„Wir können nicht mehr für karitative Zwecke ausgeben,
wir müssen ja die Raten für unser Häuschen mit Garten bezahlen.“
Dabei könnten sie oft billiger wohnen
und mehr für karitative Zwecke ausgeben,
wenn sie das wollten.
Nur: Sie wollen es gar nicht.

Meine Kritik richtet sich hier überhaupt nicht dagegen,
dass manche auf ihr Häuschen mit Garten nicht verzichten wollen;
ich wohne selbst in einem Häuschen mit Garten.
Meine Kritik richtet sich gegen die Unehrlichkeit,
dagegen, wie manche sich und anderen weiszumachen versuchen,
dass sie etwas nicht könnten,
während sie es in Wirklichkeit einfach nicht wollen.

Schließlich gibt es noch jene,
die zwar ernsthafte Anstrengungen unternehmen,
um Werke der Nächstenliebe zu tun,
aber dabei doch deutlich hinter dem Geforderten zurückbleiben.
So kann es sein, dass Menschen,
die für ihr Verhalten eigentlich Anerkennung verdient hätten,
sich dennoch immer wieder ängstlich fragen,
ob sie denn auch genug tun.
So sind manchmal gerade die,
die sich besser verhalten als viele andere,
zutiefst verunsichert,
fühlen sich womöglich als Versager
oder entwickeln gar Schuldgefühle.

So verschieden die Reaktionen auf allzu hohe Anforderungen sind –
von selbstschädigender Selbstüberforderung
über Verunsicherung, Minderwertigkeitsgefühle und Schuldgefühle
bis hin zur Heuchelei 10
sie alle sind unerfreulich und zum Nachteil der Menschen,
an die diese Anforderungen gestellt werden.

So gibt es wichtige Gründe, daran zu zweifeln,
ob es zu einer klugen Praxis der Nächstenliebe gehören kann,
Gebote zu verkünden, die so hohe Anforderungen stellen
wie das Gebot, den Nächsten zu lieben wie sich selbst.

 
Aber, könnte nun jemand einwenden,
wenn diese Gebote zum Nachteil derjenigen sind,
die sie erfüllen sollen,
so könnten sie doch zum Vorteil derjenigen sein,
die Hilfe brauchen?
Und ist das nicht wichtiger?

Wichtig ist es zweifellos,
dass Menschen, die Hilfe brauchen, die nötige Hilfe bekommen.
Aber ob man mit Geboten,
die besonders hohe Anforderungen stellen,
auch besonders viel erreicht,
das ist eine ganz andere Frage.

 
Die Praxis

Bewunderer Jesu verweisen gern darauf,
dass viele Christen durch seine Lehren
zu vorbildlichen Werken der Nächstenliebe motiviert worden seien.

Christen mit vorbildlichem Verhalten gibt es,
das ist keine Frage.
Es soll auch nicht bestritten werden,
dass die Lehren Jesu wesentlichen Anteil daran hatten,
diese Christen zu ihrem vorbildlichen Verhalten zu motivieren.

Aber wenn man sein Augenmerk allein auf diese Christen richtet,
erfasst man nur einen winzigen Bruchteil
der Wirkungen von Jesu Predigt.
Die Predigt Jesu, wie sie in der Bibel überliefert ist,
gehört zu den wesentlichen Bestandteilen einer Religion,
die viele Jahrhunderte lang
die dominierende Religion vieler Völker gewesen ist
und so Gelegenheit hatte,
auf viele Menschen einzuwirken.

Das Ergebnis ist kein Ruhmesblatt.
Christen waren es,
die in beispielloser Weise
die Welt mit Kriegen überzogen haben.
Mit Kriegen,
zu denen sie durch ihre Religion aufgestachelt wurden
oder die mit Hilfe ihrer Religion angeheizt wurden,
wie die Kreuzzüge oder der Dreißigjährige Krieg.
Aber auch mit ganz einfachen Eroberungskriegen,
in denen sie fast die ganze Welt unter ihre Herrschaft zwangen.
Christen haben „Ketzer“ und „Hexen“ ermordet,
und Juden in großer Zahl.
Christen waren Sklavenhalter,
waren Befürworter der Sklaverei.
Christen haben andere Menschen rücksichtslos ausgebeutet,
beispielsweise die Industriearbeiter in der Frühzeit des Kapitalismus.

Das waren keine „wahren Christen“?
Sie waren Menschen,
die im Einflussbereich der christlichen Religion aufgewachsen sind.
Wer ein zutreffendes Bild von den Wirkungen einer Religion bekommen will,
muss sich für ihre Wirkungen auf alle Menschen in ihrem Einflussbereich interessieren.
Wer sich nur die herauspickt,
die so waren oder sind, wie er sich die „wahren Christen“ vorstellt,
der bekommt ein einseitiges und damit ein falsches Bild
von den Wirkungen der christlichen Religion.

„Heute machen die Christen vieles besser“?
In mancher Hinsicht schon.
Im Vergleich zum Mittelalter und zur frühen Neuzeit
sind sie zivilisierter geworden.
Heute bedrohen sie bekennende Andersgläubige und Ungläubige
nicht mehr mit dem Scheiterhaufen,
sondern „nur“ noch mit Arbeitslosigkeit und beruflicher Diskriminierung.
Das heißt, wo sie die Macht dazu haben –
und die haben und die nutzen sie in ihren evangelischen und katholischen Krankenhäusern, Altenheimen, Kindergärten, Beratungsstellen und sonstigen sozialen Einrichtungen.

mehr dazu unter
Gegen Diskriminierung und Ausgrenzung
von Konfessionslosen und religiösen Minderheiten

Weitere erhebliche Defizite an Nächstenliebe
zeigen sich im Verhalten einer der größten christlichen Kirchen,
der Römisch-Katholischen Kirche:

       Mit Kündigungen und beruflichen Diskriminierungen
bedrohen Einrichtungen dieser Kirche
außerdem Menschen, deren Privatleben ihnen nicht passt:
Menschen, die nach einer Scheidung wieder heiraten
oder die einen geschiedenen Partner heiraten,
und Menschen, die mit einem Partner gleichen Geschlechts
eine Lebenspartnerschaft eingehen.

       Diese Kirche predigt eine ausgesprochen repressive Sexualmoral,
mit erheblichen negativen Auswirkungen
auf die psychische Entwicklung,
und das keineswegs nur im Bereich der Sexualität.

       Diese Kirche bleibt bei ihrer Ablehnung
von wichtigen Methoden der Empfängnisverhütung,
obwohl es ohne wirksame Familienplanung
vielen Familien und ganzen Völkern kaum gelingen kann,
einen Ausweg aus größter wirtschaftlicher Not zu finden.

       Ebenso bleibt sie bei ihrer Ablehnung
einer effektiven AIDS-Prophylaxe,
die ohne die Propagierung und Verteilung von Kondomen
unzureichend bleiben muss
und damit den Tod vieler Menschen zur Folge hat.

Die Liste ließe sich fortsetzen.

 
Wenig Anlass zur Begeisterung bietet auch der Blick
auf die ganzen Völker, die jahrhundertelang unter dem Einfluss
der christlichen Religion gestanden haben.

Für die großen Verbrechen des 20. Jahrhunderts,
die Verbrechen des Nationalsozialismus und des Stalinismus,
spielt die christliche Religion zwar längst nicht mehr die Rolle,
die sie für die Glaubenskriege und Hexenverfolgungen
vergangener Zeiten gespielt hat.
Aber immerhin,
Hitler war Katholik,
Stalin sogar Schüler in einem orthodoxen Priesterseminar.
Und das deutsche Volk bestand in seiner überwiegenden Mehrheit
aus Mitgliedern christlicher Kirchen,
als es 1933
Hitler an die Macht brachte.
Und das, obwohl damals durchaus bekannt war,
dass Hitler Krieg wollte und ein übler Antisemit war.
Die Predigt Jesu
mag bei den großen Verbrechen des 20. Jahrhunderts
nicht mehr die treibende Kraft gewesen sein –
auf keinen Fall war sie jedoch ein wirksames Bollwerk dagegen.

Von besonderen Erfolgen der Predigt Jesu
in der Förderung von Werken der Nächstenliebe
ist, aufs Ganze gesehen, auch nicht viel zu finden.
Menschen wie Albert Schweitzer,
deren Leben von bewundernswerter Nächstenliebe geprägt war,
sind Ausnahmen geblieben.
Engagierte Christen haben in kleinerem Maßstab durchaus Wichtiges
für das Wohlergehen einzelner hilfsbedürftiger Menschen geleistet,
aber sie prägen nicht das Bild unserer Kultur.
Die das Bild prägen, das sind die vielen,
die sich vor allem eines von ihrer Regierung wünschen,
nämlich die Förderung des materiellen Wohlergehens
der eigenen Bevölkerung;
allenfalls am Rande interessiert sie die Nächstenliebe
für die Hilfsbedürftigen in aller Welt.

 
Ursachen

Dass es so aussieht in unserer Kultur,
das ist m. E. nicht allein dadurch zu erklären,
dass die Menschen eben egoistisch sind.
Natürlich sind sie egoistisch,
natürlich gibt es Grenzen für ihre Bereitschaft, etwas für andere zu tun.
Aber dass die Grenzen so eng sind,
dass Gruppenegoismus und Ellenbogenmentalität
so sehr das Bild unserer Kultur prägen,
das bedarf weiterer Erklärungen.

Eine dieser Erklärungen ist m. E. in der Predigt Jesu zu finden,
darin, wie er die Menschen überfordert
mit seinem Gebot

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

Überforderung hat negative Auswirkungen:

Entmutigung
ist oftmals die Folge,
wenn die Anforderungen so hoch sind,
dass Menschen immer wieder scheitern
bei ihren Versuchen, diesen Anforderungen zu genügen.
Darunter leidet ihre Motivation,
sich noch um (bessere) Erfüllung der Anforderungen zu bemühen.

Gleichgültigkeit
gegenüber der Frage, wie weit man den Anforderungen entspricht,
stellt sich leicht ein,
wenn man – wie sehr man sich auch bemüht – nichts daran ändern
kann, dass man immer weit entfernt davon ist,
den Anforderungen zu genügen
oder auch nur näherungsweise zu genügen.
Warum sollte man sich noch bemühen,
wenn das Ergebnis so oder so unbefriedigend ist?

Trotz und Zynismus
können entstehen, wenn Anforderungen und Wirklichkeit
in einem krassen Missverhältnis zueinander stehen.
Das kann dazu führen,
dass Menschen die Anforderungen als weltfremd empfinden
und einfach nicht mehr ernst nehmen.
Hinzu kommen kann,
dass Menschen sich ungerecht behandelt fühlen,
wenn sie wegen der Nichterfüllung solcher Anforderungen
scharf kritisiert oder gar beschimpft und gedemütigt werden.
So ist es kein Wunder,
wenn Menschen mit Trotz und Zynismus reagieren
und gar nicht mehr danach streben wollen,
den Anforderungen (besser) zu entsprechen.
Darüber hinaus besteht die Gefahr,
dass Trotz und Zynismus
auf die Haltung gegenüber ethischen Normen im Allgemeinen übertragen werden, also auch auf Normen,
deren Erfüllung durchaus möglich und wünschenswert wäre.
Zu einem besseren Verhalten gegenüber hilfsbedürftigen Menschen
dürfte das alles nicht führen.

Doppelte Moral und Heuchelei
sind häufig die Folge,
wenn Menschen eine Norm als unpraktikabel erfahren,
aber nicht den Mut finden oder sich nicht für berechtigt halten,
diese Norm (offen) abzulehnen.

In ihrer Hilflosigkeit gegenüber diesem Dilemma
nehmen viele Menschen Zuflucht zu einer doppelten Moral:
einerseits einer Moral, der sie theoretisch zustimmen,
andererseits einer Moral, die sie praktizieren.

Das muss nicht heißen, dass die praktizierte Moral schlecht sein müsste.
Es gibt durchaus Menschen,
die einer höchst anspruchsvollen Moral theoretisch zustimmen
und dabei ein zwar bescheideneres, aber durchaus erfreuliches Maß
an Hilfsbereitschaft praktizieren.
Trotzdem:

 
Diese doppelte Moral hat ihre Nachteile
.

Um aus den vorhandenen Möglichkeiten das Beste zu machen,
muss der Mensch wohlüberlegte Entscheidungen fällen.
Er kann ja nicht alles tun, was wünschenswert wäre.
Er muss auswählen.
Und so manches Mal muss er sich dabei gegen etwas entscheiden,
was an sich wünschenswert wäre:
damit ihm genug Geld, genug Zeit, genug Arbeitskraft für Wichtigeres bleibt.

Wenn ein Mensch rationale Überlegungen anstellt,
wie er in ethischen Fragen seine Prioritäten setzen will
und was er als seine Pflicht ansehen will,
dann sind das Überlegungen dazu,
welcher Ethik bzw. Moral er theoretisch zustimmt.

Wenn Theorie und Praxis nahe beieinander liegen,
dann können die rationalen Überlegungen der Theorie
leicht in eine rationale Praxis umgesetzt werden,
in eine Praxis, die effektiv zum Wohlergehen von Menschen beiträgt.

Wenn aber Theorie und Praxis weit auseinanderklaffen,
dann haben die theoretischen Überlegungen, die der Mensch anstellt,
nicht mehr viel mit seiner Praxis zu tun.
Und das heißt:
Dann fehlt es dem Menschen
an grundlegenden Überlegungen dazu,
wie er seine Praxis denn wirklich gestalten will.

Dann wird der Mensch anfällig für irrationales Verhalten.
Seine Spendengelder werden dann leichte Beute
der Organisation mit der versiertesten Werbeagentur.
Und/oder er reagiert vor allem auf spektakuläre,
emotional aufwühlende Ereignisse wie den Tsunami,
und unspektakuläre langfristige Hilfe zur Selbsthilfe
bleibt links liegen.
Oder sein Verhalten wird in hohem Maße von Stimmungen abhängig,
mal ist er großzügig und mal geizig,
mal stürzt er sich mit Feuereifer in karitative Aktivitäten,
mal wird ihm alles zu viel, er gibt auf
und hinterlässt nicht viel mehr
als Enttäuschung bei denen, die auf seine Mitarbeit gehofft hatten.
Oder er verzettelt sich,
beginnt alles Mögliche und macht kaum etwas gründlich genug,
um eine dem Aufwand entsprechende Wirkung zu erzielen.
Kurz, der Mensch wird anfällig dafür,
sein Geld, seine Zeit und seine Arbeitskraft
ineffektiv einzusetzen.
Es ist schade darum.

Mangelndes Interesse an effektivem Umgang mit Ressourcen
zeigt sich auch im Ausbleiben energischer Reaktionen
auf ineffektives oder kontraproduktives Verhalten.
Kaum jemand protestiert,
wenn kirchennahe Krankenhäuser oder Altenheime
ihr Personal vor allem nach der Kirchenzugehörigkeit aussuchen
und erst in zweiter Linie nach der Kompetenz.
Kaum jemand fordert, energisch auf diese Einrichtungen einzuwirken,
damit sie sich stärker an der Gesundheit und am Wohlergehen
der von ihnen betreuten Menschen orientieren;
kaum jemand denkt daran,
ihnen anderenfalls die Gemeinnützigkeit zu entziehen.
Und wenn der Papst (damals Benedikt XVI.)
gegen effektive Empfängnisverhütung
und gegen effektive AIDS-Prophylaxe zu Felde zieht
und so viele Bemühungen, notleidenden Menschen zu helfen,
um ihren Erfolg zu bringen droht,
dann kommt der Protest dagegen meist auf sehr leisen Sohlen daher:
Man äußert vielleicht „Bedauern“, mitunter sogar „Unverständnis“.
Aber kaum ein Journalist oder gar ein Politiker spricht es aus,
wie menschenfeindlich die Forderungen dieses Papstes sind,
und wie sehr er sich als Autorität in ethischen Fragen disqualifiziert hat.
Dabei wird effektive Hilfe
viel zu dringend gebraucht, als dass es gleichgültig sein könnte,
wenn sie einem ineffektiven oder gar kontraproduktiven Verhalten
zum Opfer fällt.

 
Ein weiterer Nachteil der doppelten Moral ergibt sich daraus,
dass die Menschen irgendwie damit umgehen müssen,
dass sie den Ansprüchen der Moral, der sie theoretisch zustimmen,
nicht genügen.
Wer davor zurückschreckt, den Fehler bei dieser Moral zu sehen,
muss ihn anderswo suchen,
und nur zu oft sucht er ihn bei sich selbst.
Dann erklärt er die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit
mit seiner „Schwäche“, mit seinem „Versagen“.
So entwickelt er ein negatives Bild von sich selbst,
wird entmutigt
und verliert an Motivation zu wünschenswertem Verhalten.
Zudem gewöhnt er sich an den Gedanken,
dass er ja „schwach“ ist und öfter einmal „versagt“ –
und so kann aus der Erklärung,
man sei ja schwach und könne gar nicht anders,
eine wohlfeile Ausrede werden,
wenn man in Wirklichkeit zu egoistisch ist oder zu bequem.

 
So können moralische und religiöse Gebote,
die allzu hohe Forderungen stellen,
das Gegenteil von dem bewirken,
was damit beabsichtigt ist.
Sie können bewirken,
dass viele Menschen sich gerade deswegen seltener so verhalten,
wie es zu wünschen wäre.

Diese Verluste an wünschenswertem Verhalten
sollten wir uns nicht länger leisten.
Eine doppelte Moral mit all ihren Problemen
sollten wir uns nicht länger leisten.

Da helfen keine gutgemeinten Appelle,
doch endlich zu tun,
was wir, unserer eigenen Theorie nach, tun sollten.
Hochmoralische Appelle gibt es schon mehr als genug.
Sie sind nicht die Lösung des Problems,
sie gehören eher zu seinen Ursachen.

Viel doppelte Moral ist in unserer Kultur entstanden
und entsteht immer wieder neu
durch die überzogenen moralischen Forderungen Jesu.
Aber das Phänomen hat sich auch verselbstständigt,
auch nichtreligiöse Menschen haben die Scheu davor übernommen,
allzu anspruchsvollen moralischen Forderungen offen zu widersprechen.

Diese Scheu sollten wir ablegen.
Wir sollten den Mut finden, allen allzu hohen Forderungen –
von welcher Seite auch immer sie an uns herangetragen werden –
eine klare Absage zu erteilen.
Damit wir endlich über das reden können,
was wir wirklich tun wollen.

 
Wenn wir über Ethik reden,
dann sollten wir eine Ethik anstreben,
die sich am Menschen orientiert,
das heißt an seinen tatsächlich vorhandenen Möglichkeiten.
Wir sollten eine Ethik anstreben,
in der wir uns realistische Ziele setzen.

Dafür schlage ich nicht vor,
dass eine solche Ethik von irgendeinem Philosophen
komplett am Schreibtisch konstruiert werden sollte.
Auch nicht von mir.
Vielmehr schlage ich vor, dass eine solche Ethik
sich aus der Interaktion von Menschen entwickeln soll,
die über das reden, was sie tatsächlich tun wollen.

Das muss nicht auf eine Diktatur des Mittelmaßes hinauslaufen.
Wenn jemand tatsächlich mehr tun will als das Übliche,
dann ist es kein Problem, wenn er darüber redet:
dann redet er ja über das, was er tatsächlich tun will.

Eine Ethik, die sich am Menschen orientiert,
muss flexibel darauf reagieren, dass die Menschen verschieden sind.
Sie muss Raum bieten
für den, der mehr tun will und kann als die meisten,
aber auch für den, der da nicht mithalten kann oder will.

Wer mehr tun will und kann,
soll von der Gemeinschaft nicht zurückgehalten werden,
sondern eher auf Unterstützung hoffen dürfen.

Doch die Freude über die besonderen Leistungen eines Einzelnen
sollte nicht dazu verleiten,
daraus einen Maßstab zu machen,
an dem sich die übrigen Mitglieder der Gesellschaft zu messen hätten.
Es diesem Einzelnen gleichzutun,
das wäre für viele kein realistisches Ziel.

Realistische Ziele sind wichtig für eine Ethik,
die dem Menschen von Nutzen sein soll.
Darum soll eine solche Ethik
die Menschen nicht durch überzogene Forderungen
und vorprogrammiertes Scheitern
frustrieren und entmutigen.
Eine solche Ethik
soll den Menschen die Anerkennung nicht versagen,
wenn sie etwas gut gemacht haben.
Dann kann eine solche Ethik die Menschen
zu weiterem wünschenswerten Verhalten ermutigen und motivieren.

Wenn auf diese Weise viele Menschen
zu mehr und wirksamerer Hilfsbereitschaft motiviert werden,
dann hat das nicht nur den Effekt,
dass aus vielen Wenig ein Viel werden kann.
Es hat darüber hinaus den Effekt,
dass bessere Mehrheitsentscheidungen zustande kommen können,
sodass die gesamten Ressourcen einer Gesellschaft
für mehr und wirksamere Hilfe eingesetzt werden können:
nicht nur die Ressourcen der Gutwilligen,
sondern auch die Ressourcen der Geizigen und der Bequemen.

 
Der Weg dorthin kann lang werden.
Wer bestimmten moralischen Forderungen offen widerspricht,
muss mit Gegenwind rechnen.

Gegenwind von außen:
von Christen und anderen Verfechtern anspruchsvoller Ideale,
von den Bewunderern dieser Leute,
von Hütern bestimmter Tabus
im Namen von Tradition oder Political Correctness;
und, nicht zuletzt, von Menschen,
denen es bei der Verfolgung ihrer egoistischen Ziele
durchaus gelegen kommt,
wenn es bei der weitverbreiteten Gewohnheit bleibt,
mit der theoretischen Zustimmung zu moralischen Forderungen
rasch bei der Hand zu sein,
ohne dass irgendjemand im Ernst damit rechnen müsste,
dass diese Forderungen auch nur annähernd in die Realität umgesetzt würden.

Hinzu kommt, nicht selten, Gegenwind von innen,
von den eigenen Gefühlen.
Zum einen,
weil die Vorstellung, dass die Forderung erfüllt würde,
manchmal so viel Schönes an sich hat,
dass man nicht widersprechen mag;
wer nicht offen widerspricht, kann leichter verdrängen,
dass die Forderung ohnehin höchstwahrscheinlich nicht erfüllt wird,
und dass man vielleicht auch gar nicht wirklich will, dass sie erfüllt wird.
Zum anderen,
weil Menschen die Normen verinnerlichen,
die in ihrer Gesellschaft akzeptiert und praktiziert werden.
Bis zu einem gewissen Grade kann der Mensch sich davon frei machen,
indem er diese Normen hinterfragt.
Die Erkenntnis, dass eine Norm mehr schadet als nützt,
ist zunächst eine Sache des Verstandes;
die Gefühle ändern sich langsamer.
Es kann einige Zeit dauern,
bis man gegen diese Norm verstoßen kann,
ohne ein Unbehagen zu verspüren, als würde man etwas Unrechtes tun.

Aber es hilft nichts:
Wir müssen Nein sagen zu Forderungen,
die wir nicht wirklich erfüllen wollen.
Wir dürfen nicht vorschnell Ja sagen,
bevor wir überprüft haben,
ob wir eine Forderung auch wirklich erfüllen wollen.
Nur so können wir erreichen,
dass wir unsere eigenen Entscheidungen ernst nehmen können
und dass wir uns an unsere eigenen Selbstverpflichtungen 11 gebunden fühlen.

 
Auf die Dauer verspreche ich mir davon mehr –
einschließlich mehr Hilfe für die Hilfsbedürftigen –
als wenn wir fortfahren,
uns anspruchsvolle moralische Grundsätze auf unsere Fahnen zu schreiben,
an deren Erfüllung wir selbst nicht glauben.

Wir müssen Nein sagen lernen
zu realitätsfernen moralischen Grundsätzen.
Auch zu den realitätsfernen Lehren und Forderungen Jesu.

Braunschweig, den 22. Oktober 2009

Irene Nickel

_________________________________________________________

1 Die Botschaft Jesu in den Evangelien:

„Nachdem man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte,
ging Jesus wieder nach Galiläa;
er verkündete das Evangelium Gottes und sprach:
Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe.
Kehrt um, und glaubt an das Evangelium.“
      (Markus 1,14-15)

„Er sagte zu ihnen: Ich muss auch den anderen Städten
das Evangelium vom Reich Gottes verkünden;
denn dazu bin ich gesandt worden
.“
      (Lukas 4,43)

„Von da an begann Jesus zu verkünden:
Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.“
      (Matthäus 4,17)

2 So schrieb der Theologe Friedrich Heiler:
      „Jesu felsenfeste Überzeugung von dem baldigen Kommen
      des Gerichtes und der Vollendung wird heute
      von keinem ernsten und unbefangenen Forscher mehr bestritten.“
Und der Theologe Rudolf Bultmann schrieb:
      „Es bedarf keines Wortes, dass sich Jesus in der Erwartung
      des nahen Weltendes getäuscht hat“
(beide zitiert nach: Karlheinz Deschner, Abermals krähte der Hahn, S. 26; eine Fußnote verweist auf Heiler, Der Katholizismus, 22,
eine andere auf Bultmann, Das Urchristentum, 102)

3 Mit „Predigt Jesu“ ist die Predigt der Jesus-Gestalt in der Bibel gemeint – eine Predigt, die viele Aussagen enthält,
die nicht von dem historischen Jesus stammen,
sondern ihm von der frühen christlichen Gemeinde
in den Mund gelegt worden sind.
Dazu zählt der Theologe Gerd Lüdemann
u. a. den Befehl zur Mission in allen Völkern (Matthäus 28,18b-20)
sowie die Aufforderung,
lieber zu sterben als zu verleugnen (Matthäus 10,28-33).
(Der erfundene Jesus, S. 60 f bzw. S. 54)

4, 5Der friedfertige Aufrührer“, ZEIT vom 8.2.2007 Disclaimer

6 Im „Gesetz“ wird ein bestimmter Fall von Wiederheirat verboten:

Wenn ein Mann eine Frau geheiratet hat
und ihr Ehemann geworden ist, sie ihm dann aber nicht gefällt,
weil er an ihr etwas Anstößiges entdeckt,
wenn er ihr dann eine Scheidungsurkunde ausstellt,
sie ihr übergibt und sie aus seinem Haus fortschickt,

wenn sie sein Haus dann verlässt,
hingeht und die Frau eines anderen Mannes wird,

wenn auch der andere Mann sie nicht mehr liebt,
ihr eine Scheidungsurkunde ausstellt,
sie ihr übergibt und sie aus seinem Haus fortschickt,
oder wenn der andere Mann, der sie geheiratet hat, stirbt,

dann darf sie ihr erster Mann, der sie fortgeschickt hat,
nicht wieder heiraten, sodass sie wieder seine Frau würde,
nachdem sie für ihn unberührbar geworden ist. ....

      (Deuteronomium = 5. Mose 24,1-4)

7 Die sogenannte „natürliche Familienplanung“, die in der Katholischen Kirche erlaubt ist, besteht darin, an den fruchtbaren Tagen enthaltsam zu sein. –
Als ob es natürlich wäre, wenn zwei Menschen, die sich lieben und zärtlich sein wollen und den Wunsch nach Geschlechtsverkehr haben,
sich gegen all ihr natürlichen Gefühle und Antriebe wenden müssten
und sich einen so starken Wunsch versagen müssten.
Ein solches Verhalten würde die Bezeichnung „unnatürlich“ mindestens ebenso verdienen wie die mechanischen, chemischen und hormonellen Methoden der Empfängnisverhütung,
wie Kondome, Spiralen, Spermizide und die Pille.

8 Gefunden unter
http://www.bibelkreis.ch/fragenab2000/frage2384.htm Disclaimer

9 Interessante Überlegungen zur psychologischen Wirkung
von Verboten, die sich gegen Gefühle richten,
fand ich in dem Aufsatz Begünstigt die christliche Religion die Gewalt?
des Sozialpsychologen Prof. Dr. Gerhard Vinnai. Disclaimer

10 Ähnlich beurteilt Franz Buggle das Gebot, seinen Nächsten
zu lieben wie sich selbst. Er nennt es eine „psychologisch gesehen unrealistisch überzogene Forderung, die bei konsequenter Akzeptierung zu dauernder Heuchelei und Verlogenheit –
man muss dabei nicht nur
an den Mercedes fahrenden Bischof denken –
oder zu jenem bei engagierten Christen nicht selten zu findenden ‚Krampf’ führt.“
(Denn sie wissen nicht, was sie glauben, S. 206)

11 Ein Beispiel dafür, wie sich selbst die deutsche Bundesregierung
nicht an ihre eigenen Selbstverpflichtungen gebunden fühlt,
ist die Entwicklungspolitik:
Im Mai 2005 hatte sich Deutschland auf einer Tagung der EU
„verbindlich verpflichtet“, die öffentlichen Mittel
für Entwicklungszusammenarbeit bis zum Jahr 2010 auf 0,51 Prozent
des Bruttonationaleinkommens zu erhöhen –
jedoch am 24.9.2009 meldete die Deutsche Welle Disclaimer,
dass nach den bislang bekannt gewordenen Etat-Ansätzen für 2010
weit über 3 Milliarden Euro fehlten, um diese Verpflichtung zu erfüllen.
Zum Vergleich:
0,51 Prozent des deutschen Bruttonationaleinkommens von 2008 –
wären 13,54 Milliarden Euro gewesen.
(Das deutsche Bruttonationaleinkommen 2008 betrug,
laut Statistischem Bundesamt Disclaimer, 2536,99 Milliarden Euro.)

Weitere Informationen über die Selbstverpflichtungen der EU-Staaten
im „ODA-Stufenplan“ auf einer Internet-Seite Disclaimer des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

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