Irene Nickel

Für die Bibel
ist Abtreibung nicht gleich Mord

Nicht zimperlich in ihrer Polemik
sind einige der christlichen Gegner der Abtreibung:
Zu ihrem Repertoire gehört
die Gleichsetzung der Abtreibung mit Mord.

Und das nicht nur bei Sekten und sonstigen christlichen Randgruppen.
Auch in der römisch-katholischen Amtskirche
findet sich derartiges Gedankengut
bis in die höchsten Ränge und in die offiziellsten Schriften hinein.
So sind  im Katechismus der Katholischen Kirche
die Paragraphen über die Abtreibung
eingeordnet unter dem fünften Gebot

Du sollst nicht morden.
      (Exodus = 2. Mose 20,13 Einheitsübersetzung
1)

Billigend zitiert werden dort die Worte:

„Abtreibung und Tötung des Kindes
sind verabscheuenswürdige Verbrechen.“
      (Katechismus der Katholischen Kirche Nr. 2271,
      dort zitiert aus „Gaudium et Spes“ 51,3,
      einem Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils)

Ausdrücklich mit Mord gleichgesetzt
wird Abtreibung – vom Augenblick der Befruchtung an –
in der Enzyklika Evangelium vitae von Papst Johannes Paul II.:

„Die sittliche Schwere der vorsätzlichen Abtreibung
wird in ihrer ganzen Wahrheit deutlich, wenn man erkennt,
daß es sich um einen Mord handelt ...“ 2

 
Christen berufen sich gern auf die Bibel.
Auch christliche Verfechter der Auffassung,
Abtreibung wäre Mord
vom Augenblick der Befruchtung an.

Nur – in der Bibel
scheint es nicht den geringsten Hinweis darauf zu geben.

Denn wenn es einen überzeugenden Hinweis gäbe,
dann hätten die Urheber des Katechismus der Katholischen Kirche
Zeit genug gehabt, diesen Hinweis zu finden,
und ein starkes Motiv, ihn in ihren Katechismus hineinzuschreiben.

Tatsächlich werden dort aber nur Bibelsprüche
der folgenden Art angeführt:

Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen,
noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt
      (Jeremia 1,5, Einheitsübersetzung)

Aus Sprüchen dieser Art geht allenfalls hervor,
dass der Mensch bereits im Mutterleib entstehe
und nicht etwa erst im Augenblick der Geburt;
und vielleicht noch, dass der Fetus ein fertiger Mensch geworden sei,
wenn er reif genug geworden ist,
um geboren zu werden und danach am Leben zu bleiben.

Aber darauf, dass schon vom Augenblick der Befruchtung an
ein fertiger Mensch vorhanden wäre,
geben Sprüche dieser Art nicht den geringsten Hinweis.

Es gibt nicht den geringsten Hinweis darauf,
dass die Bibel eine Abtreibung im Frühstadium
als Tötung eines Menschen ansehen würde –
stattdessen gibt es sogar einen recht deutlichen Hinweis
auf das Gegenteil:

Die Bibel
sieht die Herbeiführung einer Fehlgeburt
als etwas anderes an
als die Tötung eines Menschen:

22 Wenn Männer miteinander raufen
und dabei eine schwangere Frau treffen,
sodass sie eine Fehlgeburt hat,
ohne dass ein weiterer Schaden entsteht,
dann soll der Täter eine Buße zahlen,
die ihm der Ehemann der Frau auferlegt;
er kann die Zahlung nach dem Urteil von Schiedsrichtern leisten.
23 Ist weiterer Schaden entstanden, dann musst du geben:
Leben für Leben,
24 Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß,
25 Brandmal für Brandmal, Wunde für Wunde, Strieme für Strieme.
      (Exodus = 2. Mose 21,22-25 Einheitsübersetzung)

Das heißt:
Als Tötung eines Menschen
wird die Herbeiführung einer Fehlgeburt nur dann angesehen,
wenn es die Frau ist, die zu Tode kommt.

Dass durch die Fehlgeburt der Tod des Fetus herbeigeführt wird,
das wird hingegen etwa so gehandhabt
wie die Tötung eines Stücks Vieh:

17 Wer einen Menschen erschlägt, wird mit dem Tod bestraft.
18 Wer ein Stück Vieh erschlägt, muss es ersetzen: Leben für Leben.
      (Levitikus = 3. Mose 24,17-18 Einheitsübersetzung)

Dabei ist die letztgenannte Regelung
offensichtlich für den Fall bestimmt,
dass ein Stück Vieh gegen den Willen seines Besitzers getötet wird.
Die Forderung nach Schadenersatz wäre offensichtlich unsinnig,
wenn jemand ein Stück Vieh im Auftrag seines Besitzers getötet hat.

Aus der Schadenersatzpflicht
im Fall der Tötung eines Tieres gegen den Willen des Besitzers
lässt sich keine Schadenersatzpflicht herleiten
für den Fall der Tötung eines Tieres im Auftrag des Besitzers
und aus einer Geldbuße
im Fall der Auslösung einer Fehlgeburt gegen den Willen der Eltern
lässt sich keine Geldbuße herleiten
für den Fall der Auslösung einer Fehlgeburt im Auftrag der Eltern.

Was folgt also aus der Bibelstelle zur Fehlgeburt
für die typische Abtreibung,
für den Abbruch einer Schwangerschaft im Frühstadium
im Auftrag der Schwangeren?

       Es folgt daraus nicht,
dass eine Geldbuße verhängt werden müsste.

       Es folgt daraus nicht einmal,
dass eine solche Abtreibung
überhaupt als ein Unrecht angesehen wurde.
Eher wird die Auffassung nahegelegt,
man könnte darin ebenso
eine Privatangelegenheit der Auftraggebenden gesehen haben
wie in der Schlachtung eines Stücks Vieh im Auftrag des Besitzers.

       Eines jedoch geht eindeutig aus der Bibelstelle hervor:
Die Tötung eines Embryos oder eines unreifen Fetus,
sei es durch Auslösung einer Fehlgeburt
oder durch einen chirurgischen Eingriff,
wird nicht gleichgesetzt mit der Tötung eines Menschen.

 
Fazit:

Für die Bibel ist Abtreibung nicht gleich Mord.

 
Frage:
Was bedeutet das für uns?
Genauer:
Was bedeutet es für unsere Auffassungen zur Abtreibung?
Und was bedeutet es für unsere Auffassungen
über bestimmte Strömungen im Bereich der christlichen Religion?

Für unsere Auffassungen zur Abtreibung
sollte es so gut wie nichts bedeuten.

Wenn etwas in der Bibel steht,
dann ist das kein Grund,
es unbesehen für gut und richtig zu halten.

Das gilt für die Bibel
ebenso wie für die Heiligen Schriften jeder anderen Religion.
Anhänger einer Religion mögen ja behaupten,
der Inhalt ihrer Heiligen Schrift stamme von einem Gott –
aber niemand braucht es zu glauben.
Behauptungen dieser Art
sind irrelevant.
Sie geben niemandem das Recht,
von anderen Menschen zu fordern,
sich an die Worte einer bestimmten Heiligen Schrift zu halten.

Schon gar nicht, wenn diese Heilige Schrift
von so armseligem ethischen Niveau ist
wie die Bibel:
geschrieben von Menschen,
die, nur zum Beispiel,
Angriffskrieg und Völkermord
für gottgewollt und damit für legitim hielten,
und ebenso die Ermordung von „Hexen“ und von Homosexuellen.

(mehr dazu unter Die Bibel – ein inhumanes Buch)

Wir haben keinerlei Grund,
uns in ethischen Fragen der Führung solcher Menschen anzuvertrauen.
Im Gegenteil, es ist geradezu unsere Pflicht,
dass wir uns unsere eigenen Gedanken machen
und selbst entscheiden,
welche Auffassungen in ethischen Fragen wir uns zu eigen machen.

Wir brauchen keine Bibel
und keine Heilige Schrift,
um uns unsere Meinung zu bilden.
Um zu dem Schluss zu gelangen,
dass eine Abtreibung im Frühstadium –
bei der nichts anderes zerstört wird
als eine bewusstlos dahinvegetierende Ansammlung menschlicher Zellen –
etwas völlig anderes ist
als ein Mord an einem bewusst erlebenden, fühlenden Menschen.

(mehr zu Abtreibung und verwandten ethischen Themen hier)

Für unsere Auffassungen
über bestimmte Strömungen im Bereich der christlichen Religion
ist es allerdings aufschlussreich
zu sehen, wie dort argumentiert wird.

Christliche Verfechter der Gleichsetzung von Abtreibung mit Mord
wissen es recht gut:
Auf viele Christen können sie großen Eindruck machen,
wenn sie das Argument anführen:
„Das steht so in der Bibel!“

Im Katechismus der Katholischen Kirche unter Abtreibung
werden zwei Bibelstellen zitiert und weitere genannt –
anscheinend um den Eindruck zu erwecken,
die kirchlichen Ansichten zur Abtreibung
würden sich auf die Bibel zurückführen lassen.

Deutlicher formulierte es Papst Johannes Paul II.:
Seiner Auffassung nach weisen die Texte der Heiligen Schrift

„... auf eine Betrachtung des menschlichen Lebewesens
im Mutterleib hin, deren logische Konsequenz die Forderung ist,
daß Gottes Gebot: »du sollst nicht töten«
auch auf dieses noch ungeborene Leben anzuwenden sei.“
     (Enzyklika Evangelium vitae 3, Absatz 61)

So klingt das bei einem hochrangigen Vertreter der Katholischen Kirche.
Und bei Leuten, die schlichter formulieren, klingt es so:

„Abtreibung ist Mord.“

Und sie alle berufen sich auf die Bibel.
Zu Unrecht,
denn der Bibeltext macht einen deutlichen Unterschied
zwischen der Auslösung einer Fehlgeburt
und der Tötung eines Menschen.

Nicht alle, die ihre eigenen Ansichten
als Ansichten der Bibel ausgeben,
sagen bewusst die Unwahrheit.

Manchmal steckt echte Naivität dahinter,
Vertrauen darauf, dass schon stimmen wird,
was immer wieder behauptet wird;
insbesondere, wenn diese Behauptungen von Christen stammen
und sogar von führenden Kirchenvertretern,
denen ein naiver Mensch gar nicht zutraut,
die Unwahrheit zu sagen.

Manchmal steckt dahinter
eine Kombination von Leichtfertigkeit und Hochmut,
die gelegentlich in Internet-Foren zu finden ist:
Die Einstellung von Christen,
die meinen, sie wüssten ganz genau, was in der Bibel steht –
nämlich das, was sie selber für richtig halten –
und die es deshalb überhaupt nicht für nötig halten,
in der Bibel nachzulesen.

Wenn aber ranghohe Profis unter den Theologen,
wie Papst Johannes Paul II.
oder die Verfasser des Katechismus der Katholischen Kirche,
der Bibel Auffassungen unterschieben,
die zu den Auffassungen im Bibeltext
deutlich im Gegensatz stehen –
dann ist schon die Frage:
Können diese Profis den Gegensatz nicht sehen,
oder wollen sie ihn nicht sehen?

Wie auch immer,
auf jeden Fall haben wir Leute vor uns,
bei denen wir uns nicht darauf verlassen können,
dass sie bei der Wahrheit bleiben.

Das spricht nicht eben für die religiöse Strömung,
die diese Leute vertreten.

Braunschweig, den 11. November 2009

Irene Nickel

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1 Diese Übersetzung entspricht dem Original genauer
als die weitverbreitete Übersetzung „Du sollst nicht töten“.
Wie in der Schlachter-Übersetzung der Bibel zutreffend festgestellt wird:
„Das hebr. Wort bezeichnet besonders das Morden,
d.h. ungesetzliches Töten.“

2, 3 Das Zitat, in dem Abtreibung als „Mord“ bezeichnet wird,
stammt aus Evangelium vitae, Absatz 58. Disclaimer

Die Klarstellung, dass dies vom Augenblick der Befruchtung an gelten soll, folgt in Absatz 60.

Und in Absatz 61 wird mit „Texten der Heiligen Schrift“
die Ansicht begründet, dass das Mordverbot der Bibel
auf Abtreibungen anwendbar sei.

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